Für einige Sekunden hörte ich nur das leise Summen der Kamera über uns. Celeste stand mir gegenüber, eine Hand auf ihrem Bauch, die andere noch immer neben dem kleinen Schlüssel. Ich hätte Genugtuung empfinden müssen. Adrian hatte mich angerufen, um mir seine schwangere Verlobte wie eine Trophäe vorzuführen, und nun erfuhr ich, dass das Kind, mit dem er mich demütigen wollte, nicht einmal von ihm war. Doch Celestes Gesicht ließ keinen Triumph zu. Sie sah nicht aus wie eine Frau, die ein raffiniertes Spiel gewonnen hatte. Sie sah aus wie jemand, der längst begriffen hatte, dass sie selbst eine Figur darin war.
„Von wem ist es?“
Celeste wandte den Blick ab. „Das spielt im Moment keine Rolle.“
„Für Adrian vermutlich schon.“
„Adrian ist das kleinste Problem in diesem Raum.“
Ich lachte trocken. „Interessant. Vor acht Monaten hast du mir Blumen geschickt, um mir mitzuteilen, dass manche Frauen eben ausgewählt werden.“
Scham huschte über ihr Gesicht.
„Das war grausam.“
„Das ist keine Entschuldigung.“
„Nein.“
Ihre Antwort kam so schnell, dass meine Wut für einen Moment ins Leere lief.
„Warum bist du hier, Celeste?“
Sie sah zur Kamera. „Weil Evelyn wollte, dass ich komme.“
„Die Nachricht klang eher so, als hätte sie nicht erwartet, dass du mir hilfst.“
„Du verstehst es nicht.“ Celeste trat näher und senkte die Stimme. „Evelyn weiß seit Monaten, dass du gegen die Firma ermittelst.“
Mir wurde kalt.
„Woher?“
„Weil sie dafür gesorgt hat, dass du ermittelst.“
Ich starrte sie an.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Doch. Die Kontoauszüge. Northbridge. Die Verbindung zu ihrer Kreditkarte. Glaubst du wirklich, eine Frau wie Evelyn würde solche Spuren hinterlassen?“
Dieser Gedanke traf mich härter, als ich zugeben wollte.
Celeste deutete auf die Metallkassette.
„Sie will, dass du bestimmte Dinge findest.“
„Warum?“
„Das weiß ich nicht vollständig.“
„Dann sag mir, was du weißt.“
Celeste presste die Lippen zusammen.
„Öffne zuerst die Kassette.“
Ich nahm den Schlüssel. Ein Teil von mir schrie, Elena sofort hereinzuholen. Doch ein anderer wusste, dass Celeste verschwinden könnte, sobald noch jemand auftauchte. Also steckte ich den Schlüssel ins Schloss.
Ein leises Klicken.
In der Kassette lagen keine Geldscheine und keine Schmuckstücke. Nur drei Gegenstände: ein USB-Stick, ein versiegelter Umschlag und ein kleines digitales Aufnahmegerät.
Auf dem Umschlag stand mein Name.
In der Handschrift meines Vaters.
Meine Knie wurden weich.
Ich setzte mich.
„Woher hat Samuel das?“
„Dein Vater gab es ihm am vierzehnten Oktober.“
Ich sah zu Celeste hoch.
„Du warst dabei?“
„Nein. Aber ich habe später die Terminaufzeichnungen gefunden.“
Ich öffnete den Umschlag.
Darin lag ein einzelner handgeschriebener Brief.
Mia, falls du das liest, habe ich einen Fehler gemacht, den ich vielleicht nicht mehr korrigieren konnte. Vertraue keinem Dokument nur deshalb, weil meine Unterschrift darauf steht. Auch diesem Brief nicht. Samuel kennt den ersten Teil. Den zweiten habe ich dort versteckt, wo Adrian niemals freiwillig suchen würde.
Darunter stand nur:
Elise.
Der Name meiner Mutter.
Mein Atem stockte.
Celeste las ihn nicht, doch sie bemerkte meine Reaktion.
„Was steht da?“
Ich faltete den Brief sofort zusammen.
„Nichts, was dich betrifft.“
Zum ersten Mal wirkte sie verletzt, aber ich hatte kein schlechtes Gewissen. Vertrauen war ein Luxus, den Celeste längst verspielt hatte.
Ich nahm das Aufnahmegerät.
Eine einzige Datei befand sich darauf.
Datum: 14. Oktober.
Ich drückte auf Wiedergabe.
Zuerst rauschte es. Dann hörte ich die Stimme meines Vaters.
„Wenn du das tust, Evelyn, gibt es kein Zurück mehr.“
Ich erstarrte.
Evelyn antwortete. Ruhig. Fast gelangweilt.
„Du hast mir vor dreißig Jahren dasselbe gesagt.“
„Damals ging es nicht um Mia.“
„Es ging immer um Mia.“
Ich sah Celeste an.
Sie war genauso angespannt wie ich.
Die Aufnahme knackte.
Mein Vater sagte: „Adrian darf niemals erfahren, warum du ihn wirklich mit meiner Tochter verheiratet hast.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Dann ein Geräusch. Eine Tür. Stimmen im Hintergrund.
Und die Aufnahme brach ab.
„Was zum Teufel bedeutet das?“ flüsterte ich.
Celeste schüttelte den Kopf. „Diesen Teil kannte ich nicht.“
Ich spielte die Datei erneut ab.
Warum du ihn wirklich mit meiner Tochter verheiratet hast.
Unsere Ehe war arrangiert worden?
Nein. Adrian und ich hatten uns mit zweiundzwanzig kennengelernt. Wir hatten uns verliebt. Zumindest hatte ich das geglaubt.
„Evelyn kannte meinen Vater schon lange vor unserer Ehe.“
Celeste nickte auf das alte Foto. „Sehr lange.“
Plötzlich öffnete sich draußen eine Tür.
Celeste fuhr herum.
Schritte näherten sich.
Ich griff nach meinem Handy und schrieb Elena nur ein Wort.
Jetzt.
Die Schritte blieben vor Raum 307 stehen.
Doch niemand kam herein.
Stattdessen wurde etwas unter der Tür hindurchgeschoben.
Ein Umschlag.
Celeste und ich sahen uns an.
Ich hob ihn auf.
Darin lag ein aktuelles Foto.
Ich mit Nora auf dem Arm, aufgenommen am Morgen, als wir das Krankenhaus verlassen hatten.
Auf der Rückseite stand:
Adrian weiß noch nichts. Lass es dabei.
Celeste wurde kreidebleich.
„Evelyn.“
Meine Hände begannen zu zittern, aber diesmal nicht vor Angst.
„Sie beobachtet meine Tochter.“
Celeste packte meinen Arm.
„Mia, hör mir zu. Geh nicht zu dieser Hochzeit.“
„Jetzt erst recht.“
„Du verstehst nicht, wozu diese Frau fähig ist.“
„Dann erklär es mir.“
Celeste ließ mich los. Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen.
„Ich kann nicht.“
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
Sie blickte auf ihren Bauch.
Da verstand ich.
„Der Vater deines Kindes.“
Celeste schloss die Augen.
„Evelyn benutzt ihn gegen dich.“
Keine Antwort.
„Wer ist er?“
Bevor Celeste sprechen konnte, stürmte Elena durch die Tür. Sie blieb stehen, als sie uns sah, dann bemerkte sie die offene Kassette.
„Wir müssen gehen. Sofort.“
„Warum?“
Elena hielt ihr Handy hoch.
„Samuel Hartmann wurde gefunden.“
Celeste wich einen Schritt zurück.
„Wo?“
„In einem Hotel außerhalb der Stadt. Er lebt, aber jemand hat sein Zimmer durchsucht. Er behauptet, er habe sich dort versteckt.“
Erleichterung mischte sich mit neuer Unruhe.
„Hat er etwas gesagt?“
Elena sah erst mich, dann Celeste an.
„Ja. Er hat nach Mia gefragt.“
„Und?“
„Er sagte, wir hätten Evelyns Rolle völlig falsch verstanden.“
Ich spürte, wie Celestes Finger sich um die Stuhllehne schlossen.
Elena fuhr fort.
„Samuel behauptet, Evelyn habe das Testament nicht verschwinden lassen.“
„Wer dann?“
„Dein Vater selbst.“
Der Raum wurde still.
„Warum sollte mein Vater mir meine eigene Firma vorenthalten?“
„Samuel wollte es mir nicht am Telefon sagen.“ Elena zögerte. „Aber er sagte noch etwas.“
„Was?“
Sie sah mich direkt an.
„Wenn du wissen willst, warum dein Vater das getan hat, sollen wir herausfinden, wem Vale Family Holdings tatsächlich gehörte, bevor du geboren wurdest.“
Celeste gab ein leises, erschrockenes Geräusch von sich.
Ich drehte mich zu ihr.
„Du weißt es.“
Sie schüttelte sofort den Kopf.
„Celeste.“
Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Sag es.“
Sie sah auf den Brief meines Vaters, auf dem der Name meiner Mutter stand.
Dann flüsterte sie:
„Deinem Vater gehörte die Firma damals nicht.“
Mein Herz hämmerte.
„Wem dann?“
Celeste hob langsam den Blick.
„Deiner Mutter.“







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