Ich starrte auf den Namen, während Victoria noch vor mir stand und irgendetwas über Anwälte, Rufschädigung und eine Klage sagte. Ihre Stimme erreichte mich kaum noch. Dr. Johannes Hartmann war kein Mann, den Daniel in die Firma gebracht hatte. Johannes war schon da gewesen, bevor Daniel und ich uns überhaupt kennengelernt hatten. Er hatte mit meinem Vater die erste große Expansion nach Österreich verhandelt, hatte nach dem Tod meiner Mutter wochenlang jeden Morgen bei uns gefrühstückt und mir an meinem Hochzeitstag gesagt, Daniel müsse ein außergewöhnlicher Mann sein, wenn ich bereit sei, ihm mein Herz anzuvertrauen.
„Sophie?“
Victorias Stimme holte mich zurück.
Ich hob den Blick. Sie hatte meine Veränderung bemerkt. Und für einen winzigen Moment glaubte ich, etwas in ihren Augen zu erkennen, das mir noch mehr Angst machte als ihre Wut.
Erleichterung.
Sie wusste, dass wir Hartmann gefunden hatten.
„Martin“, sagte ich ruhig, „begleiten Sie Frau Wagner hinaus.“
„Du kannst mich nicht einfach…“
„Doch.“
Ich drehte mich zum Aufzug.
„Sophie!“
Kurz bevor sich die Türen schlossen, rief Victoria mir hinterher:
„Frag deinen Vater, wem diese Firma wirklich gehört!“
Meine Hand erstarrte über dem Bedienfeld.
Die Türen schlossen sich.
Als ich wieder im Konferenzraum ankam, war die Stimmung vollkommen verändert. Mein Vater stand am Fenster. Markus Reiter hatte mehrere Dokumente auf dem Tisch verteilt. Die Anwälte sprachen leise miteinander.
„Was bedeutet das?“, fragte ich.
Markus deutete auf einen Stuhl.
„Setzen Sie sich.“
„Nein. Erklären Sie es mir.“
Er schob mir einen Ausdruck hin. Es war eine Liste interner Genehmigungen. Hartmanns elektronische Signatur erschien immer wieder neben Daniels Namen.
„Wir haben ursprünglich angenommen, Daniel habe die Zahlungen über Führungskräfte aus seinem eigenen Netzwerk freigeben lassen“, sagte Markus. „Das stimmt nur teilweise. Bei Beträgen oberhalb seiner Zeichnungsgrenze brauchte er eine zweite Freigabe.“
„Von Johannes.“
„In mindestens neunzehn Fällen.“
Ich sah meinen Vater an.
„Wusstest du das?“
Er antwortete nicht sofort.
Das Schweigen war Antwort genug.
„Seit wann?“
„Seit acht Monaten.“
Ich musste lachen, obwohl nichts daran lustig war.
„Acht Monate? Du hast gewusst, dass dein eigener Stellvertreter Daniel hilft, Millionen aus der Firma zu verschieben?“
„Ich wusste, dass Johannes bestimmte Zahlungen freigegeben hatte. Ich wusste nicht warum.“
„Dann hättest du ihn fragen können.“
Mein Vater drehte sich endlich zu mir.
„Und wenn er tatsächlich beteiligt war, hätte ich ihn damit gewarnt.“
„Also hast du einfach weitergemacht?“
„Ich habe Markus gebeten, jede Transaktion zu verfolgen.“
Markus öffnete eine weitere Datei. Die Geldströme führten durch mehrere Gesellschaften. Bei einigen endeten sie in Immobilien. Andere verschwanden in komplizierten Darlehensvereinbarungen.
Dann entdeckte ich ein Datum.
Drei Tage nach meiner Hochzeit.
„Das kann nicht sein.“
Die erste verdächtige Zahlung war fünf Jahre alt.
Daniel hatte also nicht irgendwann während unserer Ehe begonnen.
Es hatte fast sofort angefangen.
„Vielleicht sogar früher“, sagte Markus.
Er legte mir ein weiteres Dokument hin.
Eine Beratungsvereinbarung zwischen Hartmann und einer Gesellschaft namens Vesta Beteiligungs GmbH.
Unterschrieben sechs Monate vor meiner Hochzeit.
„Wer besitzt Vesta?“
„Offiziell eine Treuhandgesellschaft.“
„Und tatsächlich?“
„Das versuchen wir herauszufinden.“
Mein Handy klingelte.
Daniel.
Diesmal nahm ich sofort ab.
„Was willst du?“
Seine Stimme war ruhiger geworden.
„Mit dir reden.“
„Dann rede.“
„Nicht am Telefon.“
„Du bist nicht mehr in der Position, Bedingungen zu stellen.“
Er schwieg kurz.
„Du hast Hartmann gefunden, oder?“
Ich sah meinen Vater an.
„Woher weißt du das?“
„Weil du sonst nicht verstehen wirst, was du gerade zerstörst.“
„Du hast Millionen aus unserer Firma verschoben.“
„Das ist nicht die ganze Geschichte.“
„Dann erzähl mir die ganze Geschichte.“
„Frag deinen Vater nach dem 17. Oktober 2019.“
Ich runzelte die Stirn.
Das Datum sagte mir zunächst nichts.
Dann erinnerte ich mich.
Der 17. Oktober 2019 war der Tag, an dem meine Mutter gestorben war.
Mir wurde schlagartig kalt.
„Wage es nicht, meine Mutter da hineinzuziehen.“
„Ich ziehe niemanden irgendwo hinein.“
„Daniel…“
„Frag ihn, Sophie.“
Er legte auf.
Langsam ließ ich das Handy sinken.
Mein Vater war kreidebleich geworden.
„Was hat er gesagt?“
Ich beobachtete ihn.
„17. Oktober 2019.“
Etwas in seinem Gesicht zerbrach.
Nur für einen Augenblick, aber ich sah es.
„Was ist an diesem Tag passiert, Papa?“
„Deine Mutter ist gestorben.“
„Das weiß ich.“
„Dann gibt es nichts weiter zu sagen.“
Ich hatte meinen Vater noch nie so schnell aus einem Gespräch fliehen sehen.
„Daniel kennt dieses Datum.“
Keine Antwort.
„Warum?“
„Ich weiß es nicht.“
Es war die erste Lüge meines Vaters, die ich sofort erkannte.
„Sieh mich an.“
Er tat es nicht.
„Papa.“
„Nicht hier.“
Die Worte waren kaum hörbar.
Markus und die anderen verließen wortlos den Raum. Als die Tür geschlossen war, blieb mein Vater am Fenster stehen.
„Deine Mutter hatte vor ihrem Tod begonnen, bestimmte Unternehmensstrukturen zu verändern.“
„Welche Strukturen?“
„Stimmrechte. Beteiligungen. Nachfolge.“
„Warum hat mir niemand davon erzählt?“
„Weil sie die Änderungen nicht abgeschlossen hat.“
„Und Hartmann?“
Mein Vater schloss die Augen.
„Johannes hat die Unterlagen vorbereitet.“
Mein Herz schlug schneller.
„Welche Unterlagen?“
„Ein neues Beteiligungsmodell. Deine Mutter wollte verhindern, dass ein zukünftiger Ehepartner über dich indirekten Einfluss auf die Falkenberg Holding bekommt.“
Plötzlich ergab Daniels Besessenheit von Kontrolle einen anderen Sinn.
„Hat sie ihm nicht vertraut?“
„Sie kannte Daniel damals noch gar nicht.“
Das war schlimmer.
Meine Mutter hatte also vor Daniel etwas vorausgesehen, das nichts mit ihm persönlich zu tun hatte.
„Wo sind diese Unterlagen?“
„Verschwunden.“
„Wie können Vorstandsunterlagen einfach verschwinden?“
„Sie verschwanden in derselben Woche, in der deine Mutter starb.“
Ich setzte mich langsam.
„Und du hast nie die Polizei eingeschaltet?“
„Es gab damals keinen Beweis für eine Straftat.“
„Aber jetzt?“
Mein Vater antwortete nicht.
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Markus kam herein, obwohl wir ausdrücklich um Privatsphäre gebeten hatten.
Sein Gesicht verriet mir sofort, dass etwas passiert war.
„Herr Falkenberg, Frau Falkenberg, Hartmann ist weg.“
„Was bedeutet weg?“
„Sein Büro ist leer. Laptop zurückgelassen, Telefon ausgeschaltet. Sein Fahrer sagt, Dr. Hartmann habe das Gebäude bereits heute Morgen verlassen.“
„Heute Morgen?“
„Um 10:14 Uhr.“
Also Stunden bevor ich meinen Vater angerufen hatte.
Hartmann hatte gewusst, was kommen würde.
Markus legte einen kleinen transparenten Beweisbeutel auf den Tisch.
„Das wurde in seinem Schreibtisch gefunden.“
Darin befand sich ein alter Messingschlüssel mit einem kleinen Anhänger.
Darauf stand eine Nummer.
317.
„Wozu gehört der?“, fragte ich.
Mein Vater trat näher. Als er den Schlüssel sah, wich sämtliche Farbe aus seinem Gesicht.
„Papa?“
Er setzte sich schwer auf einen Stuhl.
„Ich kenne diesen Schlüssel.“
„Woher?“
Er sah mich an, und in seinen Augen lag plötzlich etwas, das ich bei meinem Vater seit dem Tod meiner Mutter nicht mehr gesehen hatte.
Angst.
„Weil deine Mutter am Morgen ihres Todes genau so einen Schlüssel bei sich hatte.“
Markus legte ein zweites Fundstück auf den Tisch: einen zusammengefalteten Zettel aus Hartmanns Schreibtisch. Darauf standen lediglich sieben handschriftliche Worte.
**Sophie darf niemals erfahren, was in 317 liegt.**







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