Ich starrte auf das eingefrorene Bild, bis meine Augen brannten. Konrad Seidel war nur seitlich zu sehen, vielleicht zwei Sekunden lang, doch ich hätte ihn unter hundert Männern erkannt. Nicht nur wegen seiner Haltung. An seiner rechten Hand glänzte der schwere Siegelring mit dem schwarzen Stein, den sein Vater ihm nach dem Staatsexamen geschenkt hatte. Konrad trug ihn seit mehr als dreißig Jahren. Ich hatte ihn bei Vertragsunterzeichnungen gesehen, bei Geburtstagsessen, sogar an dem Nachmittag, an dem er mir in seinem Büro die Hand auf die Schulter gelegt und versprochen hatte, meinen Namen reinzuwaschen. Ich ließ das Video weiterlaufen. Martin Reuter wich einen Schritt zurück.
„Konrad, wir hatten eine Vereinbarung.“
Seidels Stimme kam aus dem Dunkel.
„Du hättest nicht kopieren dürfen, Martin.“
„Ich wollte nur eine Versicherung.“
„Gegen wen?“
Martin antwortete nicht. Das Bild wackelte heftig, als würde er die Kamera verstecken. Dann war nur noch Betonboden zu sehen.
„Eduard weiß nichts“, sagte Martin schließlich.
„Und dabei sollte es bleiben.“
Ein metallisches Geräusch. Schritte. Danach brach die Aufnahme ab.
Ich saß bewegungslos in der Küche. Plötzlich wirkten die letzten zwölf Monate nicht mehr wie eine Reihe geschäftlicher Katastrophen. Sie wirkten geplant. Konrad hatte jeden meiner Schritte gekannt. Welche Unterlagen die Ermittler verlangten. Welche Konten eingefroren wurden. Welche Aussagen ich machte. Er hatte meine Verteidigung aufgebaut und gleichzeitig möglicherweise dafür gesorgt, dass ich niemals die richtigen Fragen stellte.
Mein Handy lag neben dem Laptop.
Ich hätte die Polizei anrufen können.
Dann erinnerte ich mich an Vogts Gesicht, als er den Namen Nordhafen Beteiligungsverwaltung gesehen hatte.
Nein.
Noch wusste ich nicht, wem ich vertrauen konnte.
Ich zog den USB-Stick heraus, steckte ihn in meine Hosentasche und schloss den Laptop. Wenige Sekunden später vibrierte mein Telefon.
Konrad Seidel.
Ich ließ es dreimal klingeln, bevor ich ranging.
„Eduard?“
Seine Stimme klang ruhig.
„Konrad.“
„Ich habe gerade erfahren, dass deine Villa durchsucht wurde.“
Woher?
Die Polizei war kaum eine Stunde fort.
„Wer hat dir das gesagt?“
Kurzes Schweigen.
„Ich bin dein Anwalt. Natürlich werde ich informiert.“
Eine Antwort, die vernünftig klang und trotzdem nichts erklärte.
„Sie haben Bargeld gefunden.“
„Wie viel?“
Zu schnell.
Ich blickte auf den schwarzen Bildschirm meines Laptops.
„Das weiß ich nicht.“
„Und Unterlagen?“
„Auch.“
Wieder eine Pause.
„Eduard, hör mir genau zu. Fass nichts an. Sprich mit niemandem. Ich komme morgen früh zu dir.“
„Rosa wurde mitgenommen.“
Diesmal hörte ich etwas in seinem Atem.
„Deine Haushälterin?“
„Sie hat das Geld gefunden.“
„Wo?“
Genau dieselbe Frage wie Vogt.
„Das wollte sie nicht sagen.“
Konrads Stimme wurde weicher.
„Eduard, Menschen können verzweifelte Dinge tun, wenn Geld im Spiel ist. Du kennst diese Frau als Haushälterin. Nicht als Geschäftspartnerin.“
Vor wenigen Stunden hatte Vogt fast denselben Gedanken ausgesprochen.
Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, um jemanden nicht wirklich zu kennen.
„Vielleicht kenne ich überhaupt niemanden“, sagte ich.
Konrad schwieg.
„Versuch zu schlafen“, sagte er schließlich. „Morgen um acht bin ich da.“
Nachdem er aufgelegt hatte, wusste ich, dass ich nicht bis acht warten würde.
Rosa hatte den Stick versteckt, weil sie wollte, dass nur ich ihn fand. Wenn Konrad tatsächlich hinter Martin her gewesen war, musste ich herausfinden, woher Rosa das Video hatte.
Ich ging zurück ins Gästezimmer. Die Polizei hatte fast alles mitgenommen. Auf dem Boden lagen nur leere Kartons und Papierfetzen. In einer Ecke bemerkte ich feinen grauen Staub an einem der Kartons. Kein gewöhnlicher Hausstaub. Zementstaub.
Auf der Unterseite des Kartons klebte ein teilweise abgerissenes Versandetikett.
Ich kniete mich hin.
Nur wenige Wörter waren lesbar.
KALLMANN BAU
LAGER 14
WILHELMSBURG
Ich kannte den Ort.
Vor acht Jahren hatten wir in Wilhelmsburg eine alte Lagerhalle gekauft, weil dort Material für mehrere Hafenprojekte gelagert werden sollte. Später hatte Martin Reuter vorgeschlagen, das Grundstück zu verkaufen. Konrad hatte mir erklärt, der Verkauf sei längst abgeschlossen.
Offenbar nicht.
Zwanzig Minuten später saß ich im Wagen.
Der Regen hatte aufgehört, doch Hamburg lag unter einer feuchten schwarzen Decke. Kurz nach zwei erreichte ich das ehemalige Industriegebiet. Zwischen verlassenen Hallen standen Container und alte Baugeräte. Lager 14 lag am Ende einer schmalen Zufahrt.
Das Tor war nicht verschlossen.
Das allein hätte mich umkehren lassen sollen.
Ich ging hinein.
Der Geruch nach Beton, Öl und feuchtem Holz traf mich sofort. Meine Handytaschenlampe glitt über Regale, Paletten und verstaubte Maschinen. Im hinteren Bereich entdeckte ich einen leeren Platz, an dem offenbar mehrere Kisten gestanden hatten.
Rosa war hier gewesen.
Auf dem Boden lagen Reste derselben Kunststoffbänder, mit denen die Geldbündel zusammengehalten worden waren.
Dann hörte ich ein Geräusch.
Ein Schritt.
Ich schaltete das Licht aus.
Stille.
Noch ein Schritt.
„Wer ist da?“
Keine Antwort.
Plötzlich flammte am anderen Ende der Halle eine Lampe auf.
Ich hob instinktiv den Arm vor die Augen.
„Herr Kallmann?“
Eine Frauenstimme.
Langsam trat eine junge Frau aus dem Schatten. Vielleicht Mitte dreißig, dunkler Mantel, das blonde Haar nass vom Regen. In ihrer Hand hielt sie kein Messer und keine Waffe, sondern einen braunen Umschlag.
„Wer sind Sie?“
Sie blieb mehrere Meter entfernt.
„Nora Reuter.“
Mein Atem stockte.
„Martin Reuters Tochter?“
Sie nickte.
Ich hatte sie zuletzt vor vielleicht zehn Jahren gesehen.
„Mein Vater ist nicht bei einem Unfall gestorben“, sagte sie.
„Das beginne ich zu verstehen.“
Ihre Augen wurden schmal.
„Dann hat Rosa Ihnen den Stick gegeben.“
Ich sagte nichts.
Nora lächelte traurig.
„Sie hat mir versprochen, dass sie ihn Ihnen erst gibt, wenn die Polizei das Geld findet.“
„Warum?“
„Weil das Geld nur der Köder war.“
Der Satz traf mich wie ein Schlag.
„Köder für wen?“
Nora trat näher und reichte mir den Umschlag.
Darin befanden sich Kopien von Kontoauszügen und ein altes Foto. Auf dem Foto standen Martin, Konrad und Harald vor einem Restaurant. Neben ihnen Vanessa.
Und ein fünfter Mann.
Sein Gesicht war mit schwarzem Stift durchgestrichen.
„Mein Vater sammelte fast zwei Jahre lang Beweise“, sagte Nora. „Aber irgendwann begriff er, dass Geld nicht das eigentliche Ziel war.“
„Was dann?“
Sie deutete auf den Umschlag.
„Ihre Firma.“
„Meine Firma existiert praktisch nicht mehr.“
„Genau das sollten Sie glauben.“
Sie zog einen Handelsregisterauszug hervor.
Mein Name stand darauf.
Darunter eine Gesellschaft, die ich nie gegründet hatte.
Kallmann Infrastruktur Holding AG.
Gründungsdatum: sechs Monate nach Beginn meiner Insolvenz.
Ich las weiter.
Dann blieb mein Blick an einer Zahl hängen.
Unter der Holding waren Grundstücksrechte und Projektoptionen im Wert von mindestens 86 Millionen Euro registriert.
„Das ist unmöglich.“
„Nein“, sagte Nora. „Das ist der Grund, warum man Sie ruinieren musste.“
Draußen knirschten plötzlich Reifen auf Kies.
Nora erstarrte.
Scheinwerfer wanderten durch die Ritzen des Hallentors.
„Sie haben mich verfolgt“, flüsterte ich.
„Nein.“
Nora wurde blass.
„Mich.“
Eine Autotür schlug zu.
Dann eine zweite.
Nora packte meinen Arm.
„Hinten gibt es einen Ausgang.“
Wir liefen zwischen den Regalen hindurch. Kurz vor der Hintertür blieb ich stehen, weil mir etwas auf dem letzten Dokument aufgefallen war.
Unter den wirtschaftlich Berechtigten der Holding standen vier verschlüsselte Beteiligungsgesellschaften.
Und eine Privatperson.
Ich hielt das Blatt näher an das schwache Licht.
Der Name ließ mich vergessen, dass draußen jemand nach uns suchte.
Rosa Martínez.
Beteiligungsanteil: 25 Prozent.







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