Ingrid wurde kreidebleich. Nicht einmal bei der Erwähnung der zweiundvierzig Millionen Euro hatte sie so reagiert. Ihr Blick blieb auf Daniels Telefon geheftet, genauer gesagt auf dem Foto des Mannes mit dem silbernen Siegelring. Ich kannte diesen Ring. Johannes hatte ihn damals fast nie abgelegt. Ein schlichtes Familienwappen war darin eingraviert gewesen, ein Falke über drei Wellenlinien. Ich hatte ihn oft damit aufgezogen, weil der Ring für einen jungen Mann von siebenundzwanzig Jahren viel zu feierlich wirkte. Johannes hatte immer nur gelächelt und gesagt, manche Dinge trage man nicht, weil sie schön seien, sondern weil man eines Tages erklären müsse, woher man komme.
„Was bedeutet das?“, fragte Emilia.
Ingrid antwortete nicht.
„Warum soll sein Grab leer sein?“
„Weil jemand euch manipuliert.“
Ihre Antwort kam zu schnell.
Dr. Kern legte Daniels Telefon auf den Tisch. „Herr Falkenberg wurde in Zürich beigesetzt. Ich war bei der Trauerfeier.“
„Haben Sie den Leichnam gesehen?“, fragte ich.
Er zögerte.
Diese winzige Pause genügte.
„Nein.“
Ingrid griff nach ihrer Tasche. „Ich gehe.“
Emilia stand ebenfalls auf. „Du gehst erst, wenn du mir erklärst, was du weißt.“
„Du hast keine Ahnung, mit welchen Menschen du dich gerade anlegst.“
„Daniel gehört zu diesen Menschen, oder?“
Ingrid schloss die Augen.
„Daniel war gierig“, sagte sie schließlich. „Aber nicht klug genug, um das allein aufzubauen.“
Das war das erste Mal, dass sie ihren eigenen Sohn nicht verteidigte.
Dr. Kern setzte sich ihr gegenüber. „Wer hat ihm geholfen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Das glaube ich Ihnen nicht.“
„Dann glauben Sie, was Sie wollen.“
Ich nahm das Foto und vergrößerte den Ausschnitt. Der Mann neben Daniel war vielleicht Mitte sechzig. Graues Haar, dunkler Mantel, kräftige Statur. Sein Gesicht blieb durch die Spiegelung der Autoscheibe undeutlich. Aber an seiner linken Hand glänzte der Ring.
Plötzlich bemerkte ich etwas anderes.
Hinter den beiden Männern war die gläserne Hoteltür zu erkennen.
Im Glas spiegelte sich die Person, die das Foto aufgenommen hatte.
Eine Frau.
„Matthias.“
Dr. Kern beugte sich vor.
„Da.“
Er vergrößerte die Spiegelung. Das Gesicht war nicht klar genug zu erkennen, doch die Frau trug eine helle Jacke und hielt das Handy vor der Brust.
Emilia runzelte die Stirn. „Wer fotografiert Daniel und schickt das Foto dann an Daniels eigenes Telefon?“
Niemand hatte eine Antwort.
Dann vibrierte mein Handy.
Unbekannte Nummer.
Eine Nachricht.
Wenn Sie wissen wollen, warum Johannes Falkenberg offiziell sterben musste, kommen Sie nicht zur Polizei. Öffnen Sie zuerst Schließfach 317. Hauptbahnhof. Der Schlüssel befindet sich dort, wo Friedrich ihn versteckt hat.
Mir wurde kalt.
Emilia las über meine Schulter.
„Papa?“
Ingrid kam sofort näher. „Zeigen Sie mir das.“
Ich zog das Telefon zurück.
„Sie wussten, dass Friedrich etwas versteckt hatte.“
„Nein.“
„Schon wieder eine Lüge.“
Emilia sah mich an. „Mama, was könnte damit gemeint sein?“
Ich dachte an Friedrich. An seine letzten Monate. An Kleinigkeiten, die ich damals seiner Krankheit und Erschöpfung zugeschrieben hatte. Er hatte begonnen, sein Arbeitszimmer abzuschließen. Mehrmals war er nachts aufgestanden und hatte alte Unterlagen sortiert. Kurz vor seinem Tod hatte er mir eine kleine Holzkiste gegeben.
Bewahr sie für Emilia auf, hatte er gesagt.
Ich hatte sie nie geöffnet.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Ich glaube, ich weiß, wo der Schlüssel ist.“
Eine Stunde später saßen Emilia und ich in meinem Wagen. Dr. Kern folgte uns. Ingrid hatte darauf bestanden mitzukommen, was allein Grund genug gewesen wäre, sie zurückzulassen. Doch ich wollte sie beobachten. Daniel war weiterhin verschwunden.
Als wir mein Haus erreichten, ging ich direkt in Friedrichs ehemaliges Arbeitszimmer. Seit seinem Tod hatte ich dort kaum etwas verändert. Bücher standen noch genauso im Regal, seine alte Lesebrille lag in der obersten Schublade.
Die Holzkiste befand sich hinten im Schrank.
Emilia setzte sich neben mich, als ich sie auf den Schreibtisch stellte.
„Warum hast du sie nie geöffnet?“
„Weil er gesagt hat, sie sei für dich.“
„Dann öffnen wir sie zusammen.“
Der kleine Messingverschluss war nicht abgeschlossen.
Im Inneren lagen Fotografien, Briefe und Friedrichs alte Armbanduhr.
Kein Schlüssel.
Ich nahm die Uhr heraus. Sie war ungewöhnlich schwer.
Dr. Kern betrachtete sie. „Darf ich?“
Er öffnete vorsichtig die Rückseite.
Dahinter lag ein winziger flacher Schlüssel.
Darunter befand sich ein zusammengefalteter Zettel.
Emilia öffnete ihn.
Die Handschrift erkannte ich sofort.
Friedrich.
Margarete, wenn Emilia diesen Schlüssel jemals braucht, bedeutet es, dass Johannes' Plan gescheitert ist. Vertraut niemandem, der behauptet, das Falkenberg-Vermögen schützen zu wollen. Auch Johannes nicht.
Meine Hände wurden kalt.
„Auch Johannes nicht“, wiederholte Emilia.
Dr. Kern sagte nichts.
Ingrid dagegen setzte sich langsam.
„Friedrich wusste es also wirklich.“
Ich fuhr zu ihr herum. „Was wusste er?“
Sie betrachtete lange den Boden.
„Dass Johannes nicht verschwunden ist, um Emilia zu schützen.“
„Sondern?“
Ingrid hob den Kopf.
„Um sie eines Tages benutzen zu können.“
Emilia wich zurück.
Noch bevor jemand etwas sagen konnte, klingelte es an der Haustür.
Dr. Kern bedeutete uns, stehen zu bleiben, und ging zum Fenster. Ein schwarzer Wagen parkte vor meinem Haus.
Derselbe Wagen wie auf dem Foto.
Dann klopfte es dreimal.
Langsam.
Bedächtig.
Ich ging trotzdem zur Tür.
Als ich öffnete, stand dort nicht Johannes.
Daniel stand auf meiner Veranda. Seine Lippe war aufgeplatzt, sein Hemd zerrissen, und in seiner rechten Hand hielt er einen zweiten Schlüssel.
„Lasst Ingrid nicht an Schließfach 317“, sagte er außer Atem.
Hinter mir fiel etwas zu Boden.
Ich drehte mich um.
Ingrid war verschwunden.
Und mit ihr Friedrichs Schlüssel.







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