Daniels Gesicht verlor jede Farbe. Selbst Ingrid schien für einen Moment vergessen zu haben, wie man atmete. Alexander Falkenberg stand noch immer in der Tür des Bootshauses, eine Hand am Rahmen, als wäre er nicht gerade aus einem Grab zurückgekehrt, sondern lediglich nach einer langen Reise.
„Was haben Sie gesagt?“, fragte Daniel.
Alexander sah ihn an. „Dass ich nicht dein Vater bin.“
„Auf meiner Geburtsurkunde steht Ihr Name.“
„Dann ist diese Urkunde falsch.“
Daniel lachte trocken. „Natürlich. Noch ein falsches Dokument. Warum sollte heute auch irgendetwas echt sein?“
„Daniel“, sagte Ingrid leise.
Er fuhr herum. „Du sagst jetzt kein einziges Wort, bevor er erklärt hat, was er mit getötet meint.“
Alexander trat hinein.
Keller stellte sich ihm entgegen. „Sie sollten nicht hier sein.“
„Das sagten Sie vor acht Jahren auch zu Johannes.“
Die Spannung zwischen den beiden war sofort spürbar.
„Sie kennen sich also“, sagte ich.
„Sehr gut sogar“, antwortete Alexander.
Keller schwieg.
Ich sah von einem zum anderen. „Dann fangen wir endlich mit der Wahrheit an.“
Alexander zog einen kleinen Umschlag aus seinem Mantel. Er legte ihn auf den Tisch, öffnete ihn jedoch nicht.
„Vor neun Jahren war ich Vorsitzender einer Investmentgesellschaft. Johannes war mein Partner. Wir verwalteten Vermögenswerte mehrerer Familien und Unternehmen. Dann verschwanden Gelder.“
„Wie viel?“, fragte Sophie.
„Damals ungefähr achtzehn Millionen Euro.“
Daniel setzte sich.
„Und mein Vater?“
Alexander sah Ingrid an.
„Sein Name war Michael Brenner.“
Etwas flackerte in den Augen meiner Mutter.
Diesmal widersprach sie nicht.
Daniel bemerkte es ebenfalls.
„Michael Brenner“, wiederholte er. „Wer war er?“
„Finanzchef unserer Gesellschaft.“
Daniel schluckte. „Und er hat das Geld gestohlen?“
„Das glaubten wir.“
„Glaubten?“
Alexander nickte. „Michael verschwand, kurz bevor wir die Unregelmäßigkeiten vollständig rekonstruieren konnten. Drei Tage später wurde sein Wagen gefunden. Spuren deuteten auf einen Unfall hin.“
„Und seine Leiche?“
Stille.
Ich wusste die Antwort schon.
„Nie gefunden“, sagte Alexander.
Daniel stand auf. „Dann wissen Sie überhaupt nicht, dass er tot ist.“
„Heute weiß ich es.“
„Woher?“
Alexander schob den Umschlag zu ihm.
Daniel öffnete ihn.
Darin lag ein Foto.
Ein Mann, vielleicht Ende dreißig, stand vor genau diesem Bootshaus. Neben ihm meine Mutter. Das Bild musste Jahrzehnte alt sein.
Auf der Rückseite stand:
Michael und Ingrid – August 1983.
Daniel starrte darauf.
„Das beweist nichts.“
Alexander legte ein zweites Foto daneben.
Diesmal war ein zerstörtes Auto zu sehen.
„Dieses Foto wurde nicht von der Polizei aufgenommen.“
Keller trat näher.
„Woher haben Sie es?“
„Von Johannes.“
Meine Mutter begann plötzlich zu weinen.
Daniel sah sie an. „Mama.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich wollte nie, dass du davon erfährst.“
„Wovon?“
„Michael kam zurück.“
Der Raum wurde still.
„Wann?“, fragte ich.
„Vor acht Jahren“, flüsterte sie. „Am 17. Oktober.“
Mein Blick ging zum Laptop.
Das Datum des Videos.
„Hierher?“
Ingrid nickte.
„Johannes hatte herausgefunden, dass Michael noch lebte. Er bestellte ihn zum Bootshaus.“
Daniel ließ das Foto sinken.
„Und du warst dabei.“
„Ja.“
„Was ist passiert?“
Meine Mutter presste beide Hände gegeneinander.
„Sie stritten.“
„Worüber?“
„Über das Geld. Über mich. Über dich.“
Daniel schloss kurz die Augen.
„Dann?“
„Michael sagte, er könne beweisen, dass er das Geld nicht genommen hatte.“
Alexander nickte langsam. „Das war der Inhalt der Kassette.“
Ich sah ihn an.
„Die Dokumente entlasteten Michael?“
„Teilweise.“
„Warum waren sie dann Millionen wert?“
„Weil achtzehn Millionen damals nur der Anfang waren.“
Alexander zog einen Stuhl heran.
„Das verschwundene Geld wurde investiert. Über Briefkastenfirmen, Beteiligungen und Immobilien. Heute reden wir nicht mehr über achtzehn Millionen.“
„Wie viel?“
Er sah mich direkt an.
„Mindestens hundertvierzig Millionen.“
Niemand sagte etwas.
Plötzlich ergab Daniels unbekannter Auftraggeber mehr Sinn.
Jemand war nicht wegen einer alten Vitrine hinter der Kassette her.
Jemand suchte nach einem Vermögen.
„Was geschah mit Michael?“, fragte Daniel erneut.
Ingrid wischte sich die Tränen ab.
„Er verließ das Bootshaus.“
Alexander schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Meine Mutter erstarrte.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Weil Johannes mir später erzählt hat, was passiert ist.“
„Johannes hat gelogen.“
„Dann erzählen Sie es selbst.“
Ingrid stand auf.
„Ich kann nicht.“
Daniel stellte sich vor die Tür.
„Doch.“
Sie sah ihren Sohn an.
Lange.
Dann brach etwas in ihr.
„Michael ging nicht durch diese Tür.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was bedeutet das?“
Sie zeigte zur hinteren Wand.
Dort standen alte Regale.
Alexander ging hinüber und zog eines davon zur Seite.
Dahinter befand sich eine schmale Tür, die ich in all den Jahren nie bemerkt hatte.
„Ein alter Versorgungsgang“, erklärte er. „Er führt unter dem Hang entlang bis zu einer zweiten Anlegestelle.“
Daniel öffnete die Tür.
Dunkelheit.
„Michael ist dort hineingegangen?“
„Johannes folgte ihm“, sagte Ingrid.
„Und du?“
„Ich blieb hier.“
Daniel nahm sein Handy und schaltete die Taschenlampe ein.
„Dann gehen wir.“
Meine Mutter packte seinen Arm.
„Nein!“
Ihr Schrei ließ uns alle zusammenfahren.
Daniel sah auf ihre Finger.
„Warum?“
Ingrid zitterte am ganzen Körper.
„Weil ich acht Jahre später zurückgegangen bin.“
Ich runzelte die Stirn.
„Wann?“
„Vor drei Monaten.“
Keller sah sie scharf an. „Warum?“
„Ich bekam einen Brief.“
„Von wem?“
„Das weiß ich nicht.“
Sie öffnete ihre Handtasche und zog ein mehrfach gefaltetes Papier heraus.
Darauf stand nur ein Satz:
Du hast damals den falschen Mann geschützt.
Darunter befand sich eine Skizze des Versorgungsgangs.
Und ein Kreuz.
Daniel nahm den Brief.
„Was war dort?“
Meine Mutter begann erneut zu weinen.
„Eine Metallkiste.“
„Was war darin?“
„Michaels Uhr. Seine Brieftasche.“
Sie brach ab.
„Und?“, fragte Daniel.
„Ein Knochen.“
Sophie hielt sich die Hand vor den Mund.
Daniel wurde vollkommen still.
„Du hast einen menschlichen Knochen gefunden und niemanden verständigt?“
„Ich hatte Angst.“
„Vor wem?“
Meine Mutter sah nicht Daniel an.
Sie sah Keller an.
„Vor dem Mann, dessen Manschettenknopf daneben lag.“
Kellers Gesicht wurde weiß.
„Das ist absurd.“
Ingrid griff erneut in ihre Tasche.
Diesmal zog sie einen kleinen transparenten Beutel hervor.
Darin lag ein silberner Manschettenknopf.
Ein eingraviertes M.K.
Ich blickte zu Matthias Keller.
Doch er schüttelte sofort den Kopf.
„Das ist nicht meiner.“
Alexander nahm den Beutel und betrachtete die Gravur.
Dann sagte er etwas, das alles erneut verschob.
„Natürlich nicht.“
Er sah Daniel an.
„M.K. steht nicht für Matthias Keller.“
„Für wen dann?“
Alexander hob langsam den Blick.
„Für Martin Keller.“
Matthias wich zurück.
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft verlor der sonst so kontrollierte Anwalt vollständig seine Fassung.
„Das ist unmöglich.“
„Wer ist Martin Keller?“, fragte ich.
Matthias antwortete nicht.
Alexander tat es.
„Sein älterer Bruder.“
Er deutete auf den dunklen Versorgungsgang.
„Und der Mann, den Daniel vor drei Wochen am Telefon hatte.“
Daniel erstarrte.
„Woher wissen Sie das?“
Alexander griff in seinen Mantel und zog ein altes Mobiltelefon hervor.
„Weil Martin heute Morgen auch mich angerufen hat.“
Auf dem Display war eine Nachricht geöffnet.
Bring Lena zum Bootshaus. Allein. Dann bekommst du Johannes zurück.
Ich las sie zweimal.
„Papa ist bei ihm?“
Alexander sah mich an.
„Wenn Martin nicht lügt.“
Aus der Dunkelheit hinter der geöffneten Geheimtür ertönte plötzlich ein Geräusch.
Ein Handy klingelte.
Nicht Daniels.
Nicht meines.
Tief im Versorgungsgang.
Und der Klingelton war eine Melodie, die ich seit acht Jahren nicht mehr gehört hatte.
Der alte Klingelton meines Vaters.







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