Ich nahm den Schlüssel aus meiner Tasche und legte ihn neben das Foto. Das kleine silberne Wappen war identisch. Kein Zufall. Das wusste ich jetzt.
„Wenn dieser Schlüssel zu Miles gehört“, sagte ich, „warum hat Daniel ihn dann nicht mitgenommen?“
Dr. Weber sah mich lange an.
„Vielleicht sollte er genau das tun.“
„Was soll das heißen?“
„Daniel hat Miles nicht entführt. Er hat ihn aus dem Gebäude gebracht, bevor deine Mutter ihn erreichen konnte.“
Claire trat näher. „Dann ist Margaret hinter ihm her.“
„Ja.“
„Aber warum?“
Dr. Weber antwortete nicht.
Ich spürte, wie meine Geduld riss. „Genug mit den halben Wahrheiten.“
Er sah mich an.
„Dein Vater hatte einen älteren Bruder. Thomas Carter.“
Ich runzelte die Stirn.
„Mein Vater hatte keinen Bruder.“
„Offiziell nicht.“
Nora sah von ihrem Tablet auf. „Das wird immer schlimmer.“
„Thomas wurde aus allen Familienunterlagen entfernt“, fuhr Dr. Weber fort. „Margaret wollte nicht, dass jemand von ihm wusste.“
„Warum?“
„Weil Thomas der einzige Erbe war, der vor Alexander Anspruch auf einen Teil des Familienvermögens hatte.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das erklärt nicht Miles.“
„Doch. Thomas hatte einen Sohn.“
Claire sah ihn an.
„Daniel.“
Dr. Weber nickte.
„Daniel Reeves war ursprünglich Daniel Carter.“
Stille.
Ich musste mich an der Tischkante festhalten.
„Warum hat er den Namen geändert?“
„Weil Margaret nach Thomas’ Tod dafür sorgte, dass auch Daniel aus der Familie verschwand.“
Claire wurde blass.
„Und Miles?“
Dr. Weber sah zu mir.
„Miles trägt etwas in sich, das Margaret um jeden Preis kontrollieren wollte.“
„Was?“
Er zog einen weiteren Umschlag aus seiner Tasche.
„Eine genetische Veranlagung, die mit Thomas’ Familie verbunden ist. Aber nicht die Krankheit, von der Margaret damals gesprochen hat.“
Ich nahm den Umschlag.
Darin lag ein medizinischer Bericht.
Ich las die erste Seite. Dann die zweite.
Meine Finger begannen zu zittern.
„Hier steht, Miles sei gesund.“
„Ja.“
„Dann verstehe ich es nicht.“
Dr. Weber sah Claire an.
„Margaret hatte nie Angst vor einer Krankheit.“
Claire flüsterte: „Wovor dann?“
„Vor einem Beweis.“
Ich sah ihn an.
„Welcher Beweis?“
Dr. Weber deutete auf den Bericht.
„Miles besitzt einen genetischen Marker, der beweist, dass Thomas Carter tatsächlich Alexanders Bruder war. Und damit wäre bewiesen, dass Thomas nicht freiwillig verschwunden ist.“
Ich blickte auf.
„Was ist mit ihm passiert?“
Dr. Weber schwieg.
Claire legte eine Hand auf meinen Arm.
„Julian, wir müssen zu Miles.“
Ich nickte.
Doch bevor wir gehen konnten, vibrierte mein Telefon.
Eine neue Nachricht.
**Du hast zehn Minuten. Danach fährt der Wagen ab.**
Darunter war ein Foto.
Miles saß auf einer Holzbank.
Hinter ihm erkannte ich das alte Haus am Starnberger See.
Aber etwas stimmte nicht.
Daniel stand nicht neben ihm.
Margaret stand hinter dem Jungen.
Ich zoomte das Bild heran.
Meine Mutter lächelte.
Und hielt Miles eine Hand auf die Schulter.
Claire sah das Foto und wurde kreidebleich.
„Nein.“
„Was?“
Sie zeigte auf den Hintergrund.
„Dieser Raum.“
„Kennst du ihn?“
„Ja.“
Ihre Stimme begann zu zittern.
„Ich war dort.“
Ich sah sie an.
„Wann?“
„Vor fünf Jahren.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Du warst im Haus meiner Familie?“
„Margaret hat mich dorthin bringen lassen, nachdem ich die Klinik verlassen hatte.“
„Was hat sie mit dir gemacht?“
Claire schloss die Augen.
„Sie wollte, dass ich einen Vertrag unterschreibe.“
„Welchen Vertrag?“
„Einen, der besagte, dass du niemals erfahren darfst, dass die Kinder existieren.“
Ich sah sie fassungslos an.
„Und du hast unterschrieben?“
„Nein.“
„Warum?“
„Weil ich etwas entdeckt hatte.“
Sie sah zu Owen.
„Ich war damals schon im achten Monat schwanger. Ich bekam zufällig eine Akte zu sehen. Darin stand, dass deine Mutter nicht nur unsere Schwangerschaft überwacht hatte.“
„Was stand noch darin?“
Claire schluckte.
„Es gab eine dritte Geburtsurkunde.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Für wen?“
„Für ein Kind, das offiziell nie geboren wurde.“
Dr. Weber schloss die Augen.
„Claire …“
„Nein“, sagte sie. „Jetzt sage ich es.“
Sie wandte sich mir zu.
„Als ich damals in diesem Haus war, sah ich einen Bericht über eine Geburt, die am selben Tag wie die meiner Zwillinge registriert worden war.“
„Ein weiteres Kind?“
„Ja.“
„Wo ist es?“
„Das wusste ich nicht.“
Ich sah wieder auf das Foto von Miles.
Dann bemerkte ich eine kleine weiße Tafel hinter ihm.
Darauf stand eine Zimmernummer.
**Zimmer 3.**
Nora öffnete sofort eine alte Karte des Hauses.
„Es gibt dort kein Zimmer 3.“
„Doch“, sagte Claire.
Alle sahen sie an.
„Es gab eines.“
„Wo?“
Claire zeigte auf den Bildschirm.
„Im Keller.“
In diesem Moment kam eine neue Nachricht.
**Julian, komm allein ins Haus. Wenn Claire mitkommt, sieht sie ihren Sohn vielleicht zum letzten Mal.**
Claire nahm mir das Telefon aus der Hand.
„Das ist eine Falle.“
„Natürlich.“
„Dann gehst du nicht.“
„Doch.“
„Julian—“
„Ich gehe nicht allein.“
Ich sah zu Nora.
„Ruf die Polizei.“
Dr. Weber schüttelte sofort den Kopf.
„Noch nicht.“
„Warum?“
„Weil Margaret genau darauf wartet.“
„Was willst du dann?“
Er zog einen alten Schlüsselbund aus seiner Tasche.
Einer der Schlüssel war schwarz.
„Wir gehen durch den alten Dienstgang.“
Ich sah ihn an.
„Woher hast du den?“
Dr. Weber antwortete:
„Weil ich vor fünf Jahren derjenige war, der Miles aus diesem Haus herausbringen sollte.“
Claire erstarrte.
„Du?“
Er nickte.
„Aber ich konnte nur einen Jungen mitnehmen.“
Claire trat einen Schritt zurück.
„Was meinst du damit?“
Dr. Weber sah zu Owen.
Dann zu Miles auf dem Foto.
Seine Stimme brach.
„Ich sollte damals entscheiden, welches Kind leben durfte.“







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