Daniel starrte so lange auf das Foto, dass ich glaubte, er hätte aufgehört zu atmen.
„Mein Vater ist tot.“
„Offenbar nicht“, sagte Papa.
Daniel fuhr herum.
„Du wusstest es.“
„Nein.“
„Meine Mutter hat ihn beerdigt.“
„Dann frag dich, wen ihr beerdigt habt.“
Daniel griff nach meinem Handy, doch ich zog es weg.
„Fass mich nicht an.“
„Emilia, vergrößere das Bild.“
Ich tat es.
Der Mann neben Vanessa war Ende sechzig. Graues Haar, schmale Lippen, eine kleine Narbe über der rechten Augenbraue.
Daniel setzte sich.
„Karl Wittmann.“
Zum ersten Mal hörte ich den Namen seines Vaters.
„Woran ist er angeblich gestorben?“
„Autounfall. Österreich. Der Wagen brannte vollständig aus.“
Papa sah Daniel an.
„Wurde der Leichnam eindeutig identifiziert?“
Daniel antwortete nicht.
Das Schweigen genügte.
Auf dem Bildschirm erschien eine neue Nachricht.
**23:55. Tiefgarage Westhafen. Ebene -3. Emilia allein.**
Noch achtundzwanzig Minuten.
Ich zog den USB-Stick aus dem Laptop.
Papa hielt meine Hand fest.
„Du gehst nicht.“
„Meine Mutter ist bei Thomas. Vanessa ist bei Karls Vater—“
„Karl“, korrigierte Daniel mechanisch.
„Und jemand hat mich seit heute Nachmittag manipuliert. Ich gehe.“
„Genau das wollen sie.“
„Seit zwölf Jahren tun alle Beteiligten das, was sie für richtig halten, ohne mich zu fragen.“
Ich sah erst meinen Vater, dann Daniel an.
„Damit ist Schluss.“
Daniel stand auf.
„Dann komme ich mit.“
„In der Nachricht steht allein.“
„Mein Vater ist dort.“
„Und vielleicht ist genau das der Grund, warum du nicht mitkommen darfst.“
Er wollte widersprechen.
Ich hob die Hand.
„Du hast mich geheiratet, um meinen Vater auszuspionieren. Du hast 6,4 Millionen Euro aus meiner Firma verschoben. Du hast mich mit Vanessa betrogen. Du bekommst heute Abend nicht plötzlich das Recht, mein Beschützer zu spielen.“
Er senkte den Blick.
Papa sagte nichts.
„Und du auch nicht.“
Seine Augen trafen meine.
„Emilia—“
„Du hast meine Identität als Sicherung für Beweismaterial benutzt. Zwölf Jahre lang hast du geschwiegen. Sieben Monate lang hast du gegen meinen Mann ermittelt, ohne mich zu warnen.“
Ich steckte den USB-Stick ein.
„Ihr bleibt beide hier.“
Ich verließ das Büro um 23:34 Uhr.
Doch ich fuhr nicht direkt zum Westhafen.
Zuerst rief ich meine Mutter an.
Thomas nahm ab.
„Gute Entscheidung.“
„Ich will Mama sprechen.“
Kurzes Rascheln.
Dann ihre Stimme.
„Emilia.“
„Bist du freiwillig bei Thomas?“
Stille.
„Mama. Ja oder nein.“
„Ja.“
Ich blieb auf dem Gehweg stehen.
„Was?“
„Thomas hat mir nichts getan.“
„Dann warum hast du mir zwölf Jahre nichts gesagt?“
Sie atmete hörbar aus.
„Weil dein Vater mich darum gebeten hat.“
„Natürlich.“
„Emilia, Richard wollte dich schützen.“
„Diesen Satz möchte ich heute nie wieder hören.“
Sie schwieg.
„Warum wurde dein Handy benutzt, um mich zum Schließfach zu bringen?“
„Thomas hatte es nicht.“
Im Hintergrund sagte mein Onkel etwas.
Mama antwortete ihm leise, dann wieder zu mir:
„Er glaubt, dass jemand aus Karls altem Netzwerk dahintersteckt.“
„Karl Wittmann lebt.“
Jetzt schwieg sie.
„Du wusstest es.“
„Ich wusste, dass sein Tod nie bewiesen wurde.“
Das war nicht dasselbe.
Aber fast.
„Warum will er den Stick?“
Thomas nahm ihr das Telefon ab.
„Weil darauf etwas fehlt.“
„Der Name aus der Videolücke?“
„Ja.“
„Wer war es?“
„Das sage ich dir nicht am Telefon.“
„Dann bist du nicht besser als Richard.“
Thomas lachte nicht.
„Vielleicht nicht.“
Ich legte auf.
Um 23:52 Uhr erreichte ich die Tiefgarage.
Ebene -3 war fast leer.
In der Mitte stand ein schwarzer Mercedes.
Vanessa saß auf einem Stuhl daneben.
Keine Fesseln.
Kein sichtbarer Bewacher.
Der ältere Mann vom Foto lehnte am Wagen.
„Emilia Hansen.“
„Karl Wittmann.“
Er lächelte.
„Endlich.“
Vanessa sah mich an.
„Emilia, geh.“
Karl hob nur einen Finger.
Sie verstummte.
„Woher hatten Sie das Handy meiner Mutter?“
„Nicht ich.“
„Wer dann?“
„Du stellst bereits die falsche Frage.“
„Dann geben Sie mir die richtige.“
Sein Lächeln wurde breiter.
„Warum glaubst du, dass dein Vater ausgerechnet fünf Minuten nach deiner Scheidung wusste, dass Daniel deine Karten benutzen würde?“
Ich spürte einen Stich im Bauch.
„Weil er Daniel untersucht hat.“
„Sieben Monate lang.“
„Ja.“
„Und trotzdem wartete er bis nach der Scheidung.“
Ich sagte nichts.
Karl deutete auf meine Tasche.
„Der Stick.“
„Zuerst Antworten.“
„Du bist Richards Tochter.“
„Und Sie sind Daniels Vater. Offenbar haben wir beide Pech.“
Vanessa stieß trotz ihrer Angst ein kurzes, ungläubiges Geräusch aus.
Karls Lächeln verschwand.
„Auf dem Stick befindet sich eine Kopie. Das Original wurde vor zwölf Jahren erstellt.“
„Von Thomas?“
„Nein.“
Er trat näher.
„Von deiner Mutter.“
Mein Herz schlug schneller.
„Sie war nicht nur Richards Ehefrau. Sie führte damals die interne Dokumentation für einen Teil der Ermittlungsgruppe.“
Plötzlich verstand ich, warum ihre Stimme auf der versteckten Audiodatei gewesen war.
„Und der fehlende Name?“
„Jemand, den Richard schützen wollte.“
„Sie?“
Karl schüttelte den Kopf.
„Wenn ich es gewesen wäre, hätte Thomas mich längst vernichtet.“
„Daniel?“
„Damals war er nicht beteiligt.“
Das bestätigte zumindest einen Teil dessen, was Daniel gesagt hatte.
„Wer dann?“
Karl hielt die Hand auf.
„Stick.“
„Name.“
Wir standen einander schweigend gegenüber.
Dann hörte ich hinter mir einen Motor.
Scheinwerfer flammten auf.
Papa.
Natürlich.
Daniel saß auf dem Beifahrersitz.
„Verdammt“, flüsterte Vanessa.
Karl wirkte dagegen beinahe zufrieden.
„Jetzt sind alle da.“
Papa stieg aus.
„Emilia, weg von ihm.“
Karl lachte.
„Zwölf Jahre später immer noch Befehle.“
Daniel kam langsam näher.
Sein Blick blieb auf seinem Vater.
„Du hast mich glauben lassen, du wärst tot.“
Karl betrachtete ihn kühl.
„Und du hast dich trotzdem als nützlich erwiesen.“
Daniel blieb stehen, als hätte man ihn geschlagen.
„Du hast Thomas auf mich angesetzt.“
„Ich habe Thomas bezahlt, Informationen zu finden. Er hat irgendwann beschlossen, ein Gewissen zu entwickeln.“
Papa trat neben mich.
„Karl will den Stick, weil er nicht weiß, wer die vollständigen Beweise besitzt.“
„Doch“, sagte Karl.
Sein Blick wanderte zu mir.
„Emilia.“
Ich lachte ungläubig.
„Ich wusste bis heute nicht einmal, dass dieses Material existiert.“
„Bewusst nicht.“
Er deutete auf die schwarze Firmenkarte, die noch immer in meiner Geldbörse steckte.
„Richard war immer sentimental.“
Papa wurde plötzlich still.
Ich zog die Karte heraus.
„Was soll das bedeuten?“
Karl sah meinen Vater an.
„Sag es ihr.“
Papa antwortete nicht.
Ich betrachtete die Karte.
Die alte mattschwarze Firmenkarte.
Diejenige, die ich hinter meinem Führerschein aufbewahrt hatte.
Die Karte, deren PIN ich heute Nachmittag geändert hatte.
„Papa?“
„Emilia, gib sie mir.“
In diesem Moment wusste ich, dass Karl die Wahrheit sagte.
Ich drehte die Karte um.
Auf den ersten Blick sah sie normal aus.
Dann bemerkte ich am Rand eine kaum sichtbare Kerbe.
„Was ist darin?“
Papa trat näher.
„Nicht hier.“
Karl lachte leise.
„Natürlich.“
Vanessa sprang plötzlich auf.
„Emilia, lauf!“
Ein Mann erschien hinter einer Betonsäule.
Dann ein zweiter.
Ich wich zurück.
Daniel stellte sich zwischen mich und sie.
Papa griff nach meinem Arm.
Doch diesmal riss ich mich los.
Ich bog die Karte.
Die Kunststoffschicht brach.
Darin befand sich kein Chip, wie ich erwartet hatte.
Eine hauchdünne Speicherfolie glitt auf meine Handfläche.
Karl machte einen Schritt auf mich zu.
„Gib sie mir.“
„Nein.“
„Du weißt nicht, was du da hältst.“
„Das scheint heute mein Spezialgebiet zu sein.“
Dann ertönte aus der Einfahrt eine Stimme.
„Sie weiß genug.“
Alle drehten sich um.
Thomas stand dort.
Neben ihm meine Mutter.
Mein Onkel hielt keine Waffe.
Nur einen kleinen Recorder.
Karl wurde blass.
„Du.“
Thomas hob den Recorder.
„Zwölf Jahre lang hast du darauf gewartet, dass Richard dich zu den Originaldaten führt.“
Sein Blick fiel auf die Speicherfolie in meiner Hand.
„Und heute hat er es endlich getan.“
Ich sah Papa an.
„Du hast gewusst, dass das in meiner Karte steckt.“
Er antwortete nicht.
Thomas tat es.
„Er hat es dort versteckt.“
„Wann?“
„Vor deiner Hochzeit.“
Mir wurde übel.
Daniel starrte meinen Vater an.
„Deshalb hast du mich sie heiraten lassen.“
Papa schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Thomas' Stimme wurde hart.
„Doch, Richard. Du hattest längst Verdacht gegen die Wittmanns. Aber du brauchtest jemanden, der sich sicher genug fühlte, wieder nach den Daten zu suchen.“
Meine Mutter flüsterte:
„Richard ... sag ihr, dass das nicht stimmt.“
Papa sah sie an.
Dann mich.
Und in seinem Schweigen lag die Antwort.
Ich begriff endlich, warum er fünf Minuten nach meiner Scheidung so ruhig gewesen war.
Warum er wusste, dass Daniel die Karten benutzen würde.
Warum er mich nicht vor sieben Monaten gewarnt hatte.
Die geänderten PINs waren nie der Anfang seines Plans gewesen.
Sie waren das Ende.
Mein Vater hatte Daniel nicht nur beobachtet.
Er hatte ihn absichtlich glauben lassen, dass er gewonnen hatte.
Und ich war der Köder gewesen.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.







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