Clara nahm mir das Handy aus der Hand und vergrößerte das Foto noch weiter. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie zweimal über das Display wischte, bevor das Spiegelbild scharf genug vor uns lag. Es bestand kein Zweifel. Die Frau hinter Friedrich war Viktoria. Das Foto konnte höchstens wenige Monate alt sein; Viktoria trug genau den dunkelgrünen Mantel, den ich ihr zu Weihnachten im vergangenen Jahr geschenkt hatte.
„Wo ist das aufgenommen worden?“, fragte Clara.
„Das weiß Dominik“, sagte ich.
„Dann ruf ihn an.“
Mein Vater widersprach sofort. „Nein. Wenn Dominik tatsächlich beobachtet wird, verraten wir damit, was wir wissen.“
„Das ist mein Vater!“ Clara fuhr zu ihm herum. „Ich suche ihn seit sechs Jahren.“
„Und genau deshalb solltest du jetzt nicht unüberlegt handeln.“
Claras Gesicht verhärtete sich. „Du hast kein Recht, mir zu erklären, wie ich mit dem Verschwinden meines Vaters umgehen soll.“
Arthur unterbrach sie. „Karl hat diesmal recht.“
Alle sahen ihn an.
Arthur deutete auf Viktorias Telefon. „Die Nachricht von F. sagt ausdrücklich, Dominik wisse bereits zu viel. Wenn Viktoria mit Friedrich zusammenarbeitet, warum soll Dominik dann nichts von dem Treffen am Güterbahnhof erfahren?“
Diese Frage veränderte die Situation.
Ich dachte an Dominiks Verhalten in unserer Wohnung. Seine Panik wegen des Ordners. Seine gefälschten Unterlagen. Nichts davon machte ihn unschuldig. Aber vielleicht war er nicht derjenige, der sämtliche Fäden zog.
„Ich schreibe ihm“, sagte ich.
Mein Vater wollte protestieren.
„Nicht über Friedrich.“
Ich tippte nur drei Worte.
**Ich höre dir zu.**
Die Antwort kam nach weniger als einer Minute.
**Nicht am Telefon. Morgen 18 Uhr. Unser altes Café. Komm allein.**
Unser altes Café.
Der Ort, an dem wir uns angeblich zufällig kennengelernt hatten.
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Arthur sah auf die Nachricht. „Viktoria darf davon nichts erfahren.“
„Und Dominik darf nichts vom Güterbahnhof wissen“, sagte Clara.
Zum ersten Mal hatten wir zwei getrennte Treffen am selben Abend.
Dominik um achtzehn Uhr.
F. um zweiundzwanzig Uhr.
„Wir spielen beide Seiten“, sagte mein Vater.
Ich blickte ihn an. „Nein. Ich spiele überhaupt nichts. Ich will endlich die Wahrheit.“
Kurz nach Mitternacht brachte mich mein Vater zurück zu meinem Elternhaus. Meine Mutter Elisabeth saß mit Leo im Wohnzimmer. Als ich meinen Sohn sah, brach die Anspannung der vergangenen Stunden für einen Moment in sich zusammen. Ich nahm ihn vorsichtig in die Arme und küsste seine Stirn.
Elisabeth betrachtete mich aufmerksam.
„Karl hat mir erzählt, was Dominik getan hat.“
„Nur das mit dem Bus?“
„Für heute reicht mir das.“
Ihre Stimme war ungewöhnlich hart.
Später lag Leo neben meinem Bett in seinem kleinen Stubenwagen. Schlaf fand ich trotzdem kaum. Immer wieder sah ich Dominik vor mir, wie er mir das Busgeld in die Hand gedrückt hatte. Dann den gefälschten Vertrag. Schließlich Friedrichs Gesicht auf dem Foto.
Gegen drei Uhr morgens vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
**Glauben Sie Clara nicht alles. Fragen Sie sie nach den 600.000 Euro.**
Keine Unterschrift.
Ich antwortete nicht.
Am nächsten Morgen zeigte ich die Nachricht Clara.
Wir saßen im Arbeitszimmer meines Vaters. Arthur war nicht gekommen; er musste Viktoria glauben lassen, dass nichts geschehen war.
Clara las die Nachricht und wurde still.
„Welche sechshunderttausend Euro?“, fragte ich.
„Das ist kompliziert.“
Ich musste bitter lachen. „Dieser Satz verfolgt mich inzwischen.“
Sie legte das Handy hin.
„Als ich Dominiks Firma verlassen habe, habe ich Geld auf ein Sicherungskonto übertragen.“
„Sein Geld?“
„Firmengeld.“
Mein Vater wurde sofort aufmerksam.
„Ohne Genehmigung?“
„Ja.“
„Das nennt man Veruntreuung.“
Clara sah ihn kalt an. „Ich wusste, dass Zahlungen manipuliert wurden. Wenn ich nichts getan hätte, wäre das Geld innerhalb von zwei Tagen bei NV Capital gelandet.“
„Warum hast du es nicht den Behörden gemeldet?“
„Weil ich damals noch nicht wusste, wem ich trauen konnte.“
„Und wo ist das Geld heute?“, fragte ich.
„Unberührt auf einem Treuhandkonto.“
Damit war Clara nicht die makellose Informantin, für die ich sie beinahe gehalten hatte. Sie hatte Regeln gebrochen. Vielleicht aus gutem Grund. Vielleicht nicht.
Wieder wurde die Wahrheit komplizierter.
Um kurz vor sechs fuhr ich zum Café. Mein Vater hatte schließlich akzeptiert, dass ich hineingehen würde, allerdings saßen zwei seiner Sicherheitsleute mehrere Tische entfernt.
Dominik war bereits da.
Er sah furchtbar aus.
Sein Hemd war zerknittert, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, wirkte er nicht wie ein Mann, der verzweifelt Erfolg ausstrahlen wollte.
Ich setzte mich ihm gegenüber.
„Du hast zehn Minuten.“
Er sah mich an. „Wie geht es Leo?“
„Du hast gestern bewiesen, wie wichtig dir diese Frage ist.“
Er zuckte zusammen.
„Amelie, wegen gestern—“
„Verschwende deine zehn Minuten nicht.“
Er nickte langsam.
Dann zog er einen kleinen Schlüssel aus seiner Tasche und legte ihn zwischen uns.
„Bankschließfach. Hauptbahnhof. Nummer 317.“
„Was ist darin?“
„Beweise.“
„Wofür?“
„Dass meine Mutter mich seit Jahren benutzt.“
Ich sagte nichts.
Dominik rieb sich über das Gesicht. „Ich wusste vor unserem ersten Treffen, dass du Karl Bergers Tochter bist.“
Obwohl Clara es mir bereits erzählt hatte, tat es weh, es aus seinem Mund zu hören.
„Also war alles gelogen.“
„Nicht alles.“
„Du hast mich gezielt kennengelernt.“
„Ja.“
Das Wort traf härter als jede Ausrede.
„Warum?“
„Meine Mutter erzählte mir damals, Berger Global suche nach jungen Technologieunternehmen für eine neue Digitalisierungssparte. Sie sagte, wenn ich dich kennenlerne, könnte sich irgendwann eine Tür öffnen.“
„Also hast du mich geheiratet, um an meinen Vater heranzukommen.“
„Am Anfang bin ich zu diesem Café gegangen, weil ich wusste, dass du dort sein würdest.“ Seine Stimme wurde leiser. „Aber ich habe dich nicht geheiratet, weil du reich bist.“
Ich sah ihn nur an.
„Du erwartest nicht ernsthaft, dass ich dir das glaube.“
„Nein.“ Er schluckte. „Nach gestern habe ich kein Recht darauf.“
Zum ersten Mal entschuldigte er sich nicht mit Stress, seiner Mutter oder meiner angeblichen Empfindlichkeit.
„Warum hast du meine Unterschrift gefälscht?“
Er sah auf den Tisch.
„Ich habe eine Vollmacht unterschrieben, die bereits vorbereitet war.“
„Mit meinem Namen.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil meine Firma kurz vor der Insolvenz stand.“
Das überraschte mich.
„Deine Firma hat Millionen eingesammelt.“
„Und Millionen verloren.“
Er erzählte mir, dass ein Großprojekt gescheitert war. Statt den Investoren die Wahrheit zu sagen, hatte er versucht, Zeit zu gewinnen. Viktoria habe ihm angeboten, über NV Capital kurzfristig Liquidität bereitzustellen. Dafür seien Sicherheiten nötig gewesen.
„Meine Sicherheiten.“
Er nickte.
„Du hast mich bestohlen.“
„Ja.“
Keine Rechtfertigung.
Nur dieses Wort.
Ich hasste ihn beinahe mehr dafür, dass er jetzt endlich ehrlich klang.
„Und Friedrich?“
Dominik blickte sofort zu den Fenstern.
„Meine Mutter hat mir vor ungefähr einem Jahr gesagt, sie hätte Kontakt zu jemandem, der große Anteile an Berger Global kontrolliert. Erst später habe ich herausgefunden, dass es Friedrich war.“
„Wo ist er?“
Dominik schob den Schlüssel näher zu mir.
„Im Schließfach liegt die Adresse.“
„Warum schickst du mir dann ein Foto statt der Adresse?“
„Weil ich wissen musste, ob du überhaupt mit mir sprichst.“
Ich stand auf.
„Dann sind wir fertig.“
„Amelie.“
Ich blieb stehen.
Dominik sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte.
„Fahr heute Abend nirgendwohin, wenn meine Mutter dich kontaktiert.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Warum sollte sie mich kontaktieren?“
„Weil sie glaubt, du hast etwas, das Friedrich braucht.“
„Was?“
Dominik antwortete nicht sofort.
Dann sagte er: „Das Original einer Vereinbarung zwischen Karl und Friedrich.“
Der alte Güterbahnhof.
Die Originalvollmacht.
F. hatte danach verlangt.
„Woher weißt du von einem Treffen?“
Dominik wurde blass.
Ich hatte zu schnell gefragt.
„Ich habe nichts von einem Treffen gesagt“, antwortete er.
Stille.
Jetzt wusste ich, dass mindestens eine Person log.
Vielleicht mehrere.
Ich verließ das Café.
Eine Stunde später öffneten mein Vater, Clara und ich Schließfach 317.
Darin lagen drei Ordner, eine externe Festplatte und ein versiegelter Umschlag mit meinem Namen.
Ich öffnete ihn.
Darin befand sich ein handgeschriebener Brief.
Die erste Zeile genügte, damit Clara sich am Tisch festhalten musste.
**Liebe Amelie, wenn du diesen Brief liest, hat Dominik endlich begriffen, dass Viktoria niemals vorhatte, ihn gewinnen zu lassen.**
Unterschrieben war er von Friedrich Berger.
Doch darunter stand ein Datum.
Vier Tage zuvor.
Mein Onkel hatte diesen Brief geschrieben, während ich noch im Krankenhaus lag.
Ich las weiter.
**Die achtzehn Prozent sind nicht das eigentliche Ziel. Es geht um die Kontrolle über Berger Global nach Karls Tod. Und bevor du irgendjemandem vertraust, musst du wissen, dass Viktoria seit Jahren Zugang zu Informationen hat, die nur ein Mitglied des Berger-Aufsichtsrats besitzen dürfte.**
Mein Vater nahm mir den Brief aus der Hand.
Sein Gesicht veränderte sich.
Auf der Rückseite hatte Friedrich nur einen einzigen Namen notiert.
**Dr. Matthias Seidel.**
Ich kannte ihn.
Er war seit zwölf Jahren der engste juristische Berater meines Vaters.
Und seit meiner Kindheit nannte ich ihn Onkel Matthias.







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