Richard sah auf das Dokument, als hätte jemand ihm gerade den Boden unter den Füßen weggezogen. „Das ist eine Lüge.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Martin blieb am Ende des dunklen Flurs stehen, die alte Akte fest an die Brust gedrückt. „Ich wünschte, es wäre eine.“ Vanessa trat näher und blickte ebenfalls auf das Papier. „Was bedeutet das?“, fragte sie. Martin sah Richard an. „Dass Daniel nicht dein Bruder ist. Zumindest nicht so, wie du bisher geglaubt hast.“
Richard nahm das Dokument vom Boden. Es war eine Geburtsurkunde, vergilbt, mehrfach gefaltet und an den Rändern beschädigt. Der Name des Vaters war deutlich lesbar: Elias Falkenberg. Der Name der Mutter: Mara Falkenberg. Und als Kind war Daniel eingetragen. Richard las die Zeilen erneut, während sich in seinem Kopf die Erinnerungen der letzten Stunden zu einem Bild zusammensetzten, das keinen Sinn ergeben wollte.
„Elias war der Bruder meines Großvaters“, sagte er langsam. „Daniel wäre damit…“
„Dein Cousin“, beendete Martin den Satz.
Richard hob den Blick. „Warum hat mein Vater ihn meinen Bruder nennen lassen?“
„Weil dein Vater wollte, dass niemand nach der eigentlichen Erbfolge sucht.“
„Und die Zwillinge?“
Martin schwieg.
Richard ging einen Schritt auf ihn zu. „Du hast gesagt, Daniel beschützt meine Kinder.“
„Das tut er.“
„Warum?“
Martin sah zu Vanessa. „Weil Daniel wusste, dass die Kinder niemals in die Hände des Vorstands gelangen dürfen.“
Richard ballte die Hände. „Wer sitzt im Vorstand?“
Martin antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Dein Onkel.“
Richard erstarrte.
„Ich habe keinen Onkel.“
„Doch. Einen, von dem du nichts wissen solltest.“
Martin öffnete die Akte erneut und zog ein altes Foto heraus. Darauf standen drei Männer vor einem Herrenhaus. Richards Vater. Sein Großvater. Und ein dritter Mann.
Richard nahm das Foto.
Das Gesicht des dritten Mannes war ihm völlig unbekannt.
Doch unter dem Bild stand ein Name:
**Alexander Falkenberg.**
„Warum wurde er aus allen Familienunterlagen gelöscht?“
„Weil Alexander derjenige war, der die Nachfolgerregelung von Elias entdeckt hat.“
„Und was hat er getan?“
Martin sah ihn ernst an.
„Er hat versucht, sie gegen deinen Vater zu verwenden.“
Richard spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. „Ist er noch am Leben?“
Martin antwortete nicht.
Das Schweigen genügte.
Plötzlich hörten sie Schritte.
Nicht aus dem Flur.
Von draußen.
Mehrere Fahrzeuge hielten vor der Klinik.
Vanessa sah durch das Fenster. „Wir sind nicht allein.“
Martin wurde blass. „Sie haben uns gefunden.“
„Wer?“, fragte Richard.
Martin schloss die Akte.
„Menschen, die nicht wollen, dass du diese Nacht überlebst.“
Richard sah ihn scharf an. „Du hast gerade gesagt, du willst meine Kinder schützen. Dann bring mich zu ihnen.“
Martin zögerte.
„Richard, wenn ich dich zu ihnen bringe, musst du mir versprechen, dass du eine Sache nicht tust.“
„Welche?“
„Du darfst ihnen nicht sofort sagen, wer du bist.“
Richard starrte ihn an.
„Warum?“
Martin trat näher und senkte die Stimme.
„Weil einer der Zwillinge nicht gesund ist.“
Richard wurde kreidebleich.
„Was fehlt ihm?“
„Nichts, was man sehen kann.“
Martin sah zur Tür.
„Aber sein Blutbild hat etwas gezeigt, das deine Familie seit Jahrzehnten geheim hält.“
Richard konnte kaum atmen.
„Was?“
Martin öffnete die Akte auf der letzten Seite.
Dort lag ein medizinischer Befund.
Ein Satz war rot markiert.
**Genetische Übereinstimmung mit der Falkenberg-Blutlinie: 99,8 Prozent.**
Richard blickte auf das Ergebnis.
„Das ist doch normal, wenn er mein Sohn ist.“
„Nein.“
Martin schüttelte den Kopf.
„Der Befund wurde nicht mit deinem Blut verglichen.“
Richard sah ihn verwirrt an.
„Mit wessen dann?“
Martin antwortete:
„Mit dem Blut deines Vaters.“
Richard wurde vollkommen still.
„Aber mein Vater ist seit elf Jahren tot.“
Martin nickte.
„Genau deshalb ist das unmöglich.“
In diesem Moment ertönte aus dem oberen Stockwerk ein leises Weinen.
Ein Kinderweinen.
Richard riss den Kopf hoch.
Vanessa flüsterte:
„Die Kinder sind hier.“
Richard rannte die Treppe hinauf.
Am Ende des Korridors stand eine halb geöffnete Tür.
Dahinter lag ein Kinderzimmer.
Zwei kleine Betten.
Eines davon war leer.
Im anderen lag ein Baby und weinte.
Richard blieb wie angewurzelt stehen.
Denn neben dem Bett stand Clara.
Sie hielt das zweite Kind im Arm.
Und als sie Richard sah, sagte sie nicht seinen Namen.
Sie sagte nur:
„Du musst mir glauben. Der Junge ist dein Sohn.“
Dann sah sie auf das Baby in ihren Armen.
„Aber das Mädchen ist nicht das, was du glaubst.“







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