Der grauhaarige Anwalt blieb noch einen Moment an der Tür stehen. In seiner Hand hielt er eine schmale Ledermappe, doch sein Blick ruhte nicht auf Daniel, sondern auf dem versiegelten Umschlag vor mir. Ich erkannte ihn sofort. Dr. Matthias Keller, ehemaliger Rechtsberater des Aufsichtsrats und einer der wenigen Menschen, die Zugang zu bestimmten internen Unterlagen des Unternehmens hatten. Aber er war nicht derjenige, von dem ich den DNA-Test erhalten hatte.
Daniel sprang plötzlich auf.
„Das reicht.“
Seine Stimme war nicht mehr ruhig. Sie klang hart, beinahe panisch. Der Stuhl schrammte über den Boden, und Noah bewegte sich in meinen Armen. Ich legte sofort eine Hand auf seinen Rücken.
„Setz dich, Daniel“, sagte ich.
Er starrte mich an.
„Was soll das heißen?“
„Du wirst es gleich erfahren.“
Laura war inzwischen völlig blass geworden. Ihre Finger hatten sich so fest um die Kante ihres Stuhls geschlossen, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
Der Aufsichtsratsvertreter nahm den Umschlag vorsichtig in die Hand.
„Frau Hartmann“, sagte er, „bevor wir das öffnen, möchte ich eine Sache klären. Sie haben diesen Test nicht selbst in Auftrag gegeben?“
„Nein.“
Daniel sah mich verwirrt an.
„Was?“
Ich antwortete nicht sofort. Zwölf Tage lang hatte ich diese Frage in meinem Kopf getragen. Wer hatte die Probe genommen? Wer hatte den Test bezahlt? Und vor allem: Warum hatte diese Person gewartet, bis genau heute?
Dr. Keller trat nun vollständig in den Raum und schloss die Tür hinter sich.
„Dann sollte ich vielleicht erklären, warum ich hier bin.“
Daniel drehte sich zu ihm.
„Sie haben damit nichts zu tun.“
Dr. Keller sah ihn ruhig an.
„Da irren Sie sich.“
Er legte seine Ledermappe auf den Tisch und öffnete sie. Darin lagen mehrere Kopien von Kontoauszügen, internen E-Mails und einem Dokument mit dem Firmenlogo.
„Vor drei Wochen wurde eine interne Prüfung eingeleitet. Es gab Unregelmäßigkeiten bei mehreren Zahlungen, die über Ihre persönliche Freigabe liefen, Herr Hartmann.“
Daniel schluckte.
„Das hat nichts mit meiner Scheidung zu tun.“
„Doch“, erwiderte Dr. Keller. „Denn ein Teil dieser Zahlungen führte zu derselben Privatklinik, in der Frau Berger ihre Schwangerschaftsvorsorge durchführen ließ.“
Laura fuhr herum.
„Das ist unmöglich.“
Dr. Keller sah sie an.
„Warum?“
Sie öffnete den Mund, brachte aber kein Wort hervor.
Daniel trat einen Schritt auf den Tisch zu.
„Sie haben kein Recht, ihre medizinischen Unterlagen hier einzubringen.“
„Ihre medizinischen Unterlagen nicht“, sagte Dr. Keller. „Aber die Firmenzahlungen schon.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Ich hatte mit Daniels Affäre gerechnet. Mit dem Missbrauch von Firmengeldern. Vielleicht sogar mit einer weiteren Lüge. Aber nicht damit.
Dr. Keller nahm den versiegelten Umschlag.
„Der DNA-Test betrifft nicht Noah.“
Daniel erstarrte.
Laura schloss für einen Moment die Augen.
Ich sah zu ihr.
„Dann sag du es ihm.“
„Lena…“
„Sag es ihm.“
Ihre Lippen zitterten.
Daniel blickte zwischen uns hin und her.
„Was soll sie mir sagen?“
Laura stand langsam auf. Ihre Hand lag noch immer auf ihrem Bauch.
„Daniel, ich wollte es dir sagen.“
„Was?“
„Ich wusste nicht, wann.“
„Was?!“
Sie begann zu weinen.
„Das Kind ist nicht von dir.“
Niemand bewegte sich.
Daniels Gesicht verlor jede Farbe.
„Nein.“
Laura schüttelte den Kopf.
„Es tut mir leid.“
„Nein.“
Er wich zurück, als hätte er gerade einen Schlag bekommen.
Ich sah ihn an und spürte zum ersten Mal seit Wochen keine Wut mehr. Nur eine tiefe, erschöpfte Leere.
„Du hast mich monatelang belogen“, sagte ich leise. „Du hast mich während der Geburt allein gelassen. Du hast mich glauben lassen, ich sei diejenige, die alles zerstört.“
Daniel sah mich an.
„Lena…“
„Aber du hast noch etwas vergessen.“
Ich nahm einen kleinen Umschlag aus der schwarzen Mappe.
„Der DNA-Test sagt nicht nur, dass das Kind nicht von dir ist.“
Daniel starrte auf meine Hand.
„Was dann?“
Ich legte den Umschlag auf den Tisch.
„Er nennt den biologischen Vater.“
Laura begann plötzlich heftig zu weinen.
Dr. Keller sah sie lange an.
Dann sagte er nur:
„Und genau deshalb ist heute nicht nur Ihre Ehe zu Ende, Herr Hartmann.“
Er schob eine weitere Akte über den Tisch.
„Auch Ihre Position im Unternehmen steht auf dem Spiel.“
Daniel öffnete die Akte mit zitternden Händen.
Auf der ersten Seite stand ein Name.
Sein Gesicht veränderte sich sofort.
Ich kannte diesen Namen nicht.
Aber Daniel kannte ihn.
Sehr gut.
„Das kann nicht sein“, flüsterte er.
Dr. Keller antwortete ruhig:
„Doch. Denn der Mann, dessen Name dort steht, war gestern bereits hier.“
Daniel hob langsam den Blick.
Und in diesem Moment klopfte es erneut an der Tür.







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