„Wie groß ist der Brand?“
Der Beamte sah auf sein Telefon.
„Die Feuerwehr ist unterwegs. Laut erster Meldung hat ein automatisches Löschsystem ausgelöst.“
Felix trat näher.
„Archiv C dürfte brandschutztechnisch getrennt sein.“
Ich sah ihn an.
„Wenn es ein echtes Archiv mit sensiblen Forschungsdaten ist, ja.“
Hannah schüttelte schwach den Kopf.
„Es ist kein normales Archiv.“
Wir drehten uns beide zu ihr.
„Was meinst du?“
„Jonas hat mir einmal den Grundriss gezeigt.“
Ihre Stimme war erschöpft, aber klar.
„Der Raum liegt zwei Ebenen unter dem Hauptlabor. Keine Fenster. Separater Stromkreis. Gaslöschanlage.“
Felix verstand sofort.
„Dann zerstört ein gewöhnlicher Brand dort unten gar nichts.“
„Genau.“
Ich sah zum Polizeibeamten.
„Der Alarm ist eine Ablenkung.“
Hannah nickte.
„Oder jemand will Zeit gewinnen.“
Der Beamte sprach bereits in sein Funkgerät.
Ich ging näher an Hannahs Bett.
„Was liegt außer den Studienberichten dort?“
Sie zögerte.
„Originalprotokolle.“
„Welche Protokolle?“
„Zugriffe. Freigaben. Chargenentscheidungen.“
Felix fragte:
„Mit digitalen Signaturen?“
„Und teilweise handschriftlichen Gegenzeichnungen.“
Mein Puls beschleunigte sich.
„Von meinem Vater?“
Hannah sah mich an.
„Von mehreren Leuten.“
„Auch von Claudia?“
„Ja.“
Diesmal wich sie nicht aus.
Der Polizeibeamte beendete sein Gespräch.
„Eine Einheit fährt nach Adlershof. Niemand aus Ihrer Familie bekommt Zugang, sobald die Polizei vor Ort ist.“
„Wenn sie noch rechtzeitig kommt“, sagte Felix.
Ich sah zu Hannah.
„Der zweite Datensatz.“
Sie wusste sofort, was ich meinte.
„Nein.“
„Hannah, wenn Archiv C kompromittiert wird, brauchen wir die Kopie.“
„Die ist nicht in Berlin.“
Felix wurde aufmerksam.
„Wo dann?“
Hannah schloss die Augen.
„Bei Jonas’ Schwester.“
Ich erstarrte.
„Du hast gesagt, die Kopie sei bei jemandem, dem du vertraust.“
„Das tue ich.“
„Name?“
Sie öffnete die Augen wieder.
„Lea Richter.“
Felix zog bereits sein Handy hervor.
„Wohnort?“
„Potsdam.“
„Weiß sie, was sie besitzt?“
„Nur teilweise.“
„Dann könnte sie in Gefahr sein.“
Hannahs Gesicht wurde bleich.
„Ich habe ihr gesagt, sie soll den Umschlag nur öffnen, wenn mir etwas passiert.“
Felix sah mich an.
„Hannah ist beinahe gestorben.“
Ich nickte.
„Dann ist die Bedingung erfüllt.“
Der Polizeibeamte nahm die Daten auf.
Weniger als zehn Minuten später war eine zweite Streife unterwegs nach Potsdam.
Ich blieb diesmal im Krankenhaus.
Nicht aus Feigheit.
Sondern weil ich verstanden hatte, dass ich nicht überall gleichzeitig sein konnte.
Und weil Hannah und die Kinder Schutz brauchten.
Eine Stunde verging.
Dann zwei.
Der Brand in Adlershof war unter Kontrolle.
Archiv C war äußerlich unbeschädigt.
Doch niemand konnte den Raum öffnen.
Das elektronische System war gesperrt worden.
„Von wem?“, fragte ich Felix.
Er sah auf seinen Laptop.
„Die Sperrung wurde mit einem administrativen Konto ausgeführt.“
„Welches?“
Er drehte den Bildschirm zu mir.
C. Hartmann.
Ich lachte einmal kurz.
Ohne jede Freude.
„Meine Mutter.“
„Ja.“
„Zeitpunkt?“
„Vier Minuten vor Auslösung des Feueralarms.“
Endlich war da eine klare Reihenfolge.
Nicht mehr nur Verdacht.
Zugriff.
Sperrung.
Alarm.
„Kann sie Daten gelöscht haben?“
Felix schüttelte den Kopf.
„Nicht aus der Ferne, wenn Hannahs Beschreibung stimmt. Archiv C arbeitet offenbar mit einem getrennten Netzwerk.“
„Dann muss jemand physisch hinein.“
„Kramer.“
Wir sahen uns an.
Das passte.
Sein Hardwareschlüssel.
Claudias zweite Freigabe.
Sein Versuch, ins Krankenhaus zu gelangen.
Vielleicht hatte er geglaubt, Hannah besitze eine weitere Zugangskomponente.
Vielleicht war deshalb ihre Tasche durchsucht worden.
„Was fehlt uns noch?“, fragte ich.
Felix dachte nach.
„Der Beweis, dass deine Eltern wussten, was mit den nicht freigegebenen Chargen passiert.“
„Hannahs Daten.“
„Und idealerweise eine Verbindung zwischen Kramer und den Angriffen auf sie.“
Ich sah zu Hannahs Zimmer.
„Die Krankenhausunterlagen.“
„Indizien.“
„Der Tracker.“
„Stärker.“
„Kameraaufnahmen aus dem Lager.“
„Sehr stark, wenn wir bekommen, was wir hoffen.“
Mein Telefon klingelte.
Unbekannte Nummer.
Diesmal war es keine verzerrte Stimme.
„Dr. Hartmann? Hier ist Hauptkommissarin Seidel.“
„Ja.“
„Wir sind bei Frau Lea Richter.“
Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
„Ist sie sicher?“
„Ja.“
Hannah öffnete im Bett die Augen, als sie meinen Gesichtsausdruck sah.
Ich stellte auf Lautsprecher.
„Frau Richter hat bestätigt, dass ihre Schwester—“
Die Kommissarin korrigierte sich selbst.
„Dass ihr Bruder Jonas ihr vor seinem Tod einen verschlossenen Umschlag übergeben hat.“
Hannah flüsterte:
„Gott sei Dank.“
„Der Umschlag enthält einen USB-Stick, mehrere ausgedruckte Tabellen und einen handschriftlichen Brief.“
Felix setzte sich sofort aufrechter hin.
„Können Sie sagen, was auf dem Stick ist?“
„Noch nicht vollständig. Aber die ersten Dateien scheinen Lieferketten, interne E-Mails und Audit-Protokolle zu betreffen.“
Ich fragte:
„Namen?“
„Mehrere.“
„Hartmann?“
Kurze Stille.
„Ja.“
Mein Herz sank.
„Welche?“
„Claudia Hartmann.“
Hannah schloss die Augen.
„Und?“
Die Kommissarin antwortete:
„Richard Hartmann.“
Mein Vater.
Nicht überraschend.
Und trotzdem tat es weh.
„Noch jemand?“
„Rolf Kramer.“
Felix stand auf.
„Das reicht, um die Zusammenhänge zu sichern.“
„Noch nicht alles“, sagte Seidel.
„Was meinen Sie?“
„Der Brief von Jonas enthält eine konkrete Warnung.“
Hannah sah mich an.
„Welche?“
Seidels Stimme wurde ernster.
„Er schreibt, dass die größte Gefahr nicht darin bestand, dass Produkte illegal weitergeleitet wurden.“
Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog.
„Sondern?“
„Dass Nebenwirkungsdaten absichtlich aus den offiziellen Studien entfernt wurden.“
Felix fluchte leise.
Ich sagte nichts.
„Es gibt Hinweise auf Patienten, bei denen schwere Komplikationen auftraten“, fuhr Seidel fort. „Diese Fälle wurden intern dokumentiert, aber nicht vollständig an die zuständigen Stellen weitergegeben.“
Hannah sah zur Decke.
„Jonas hatte recht.“
Ich fragte:
„Sind Todesfälle darunter?“
Seidel schwieg.
Diese Pause genügte.
„Ja“, sagte sie schließlich.
Der Raum wurde still.
Mein Vater hatte immer von Risiko gesprochen.
Von Märkten.
Von Wachstum.
Von Verantwortung gegenüber Investoren.
Nie von Menschen, deren Namen aus Berichten verschwanden.
„Wie viele?“
„Das müssen wir erst verifizieren.“
Felix sah mich an.
„Jetzt gibt es genug für eine umfassende Sicherung.“
Seidel bestätigte es.
„Wir beantragen bereits weitere Maßnahmen.“
Dann sagte sie etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
„Dr. Hartmann, der Brief enthält auch Ihren Namen.“
Ich erstarrte.
„Meinen?“
„Ja.“
„In welchem Zusammenhang?“
Papier raschelte am anderen Ende.
„Jonas schreibt, Hannah Berger habe darauf bestanden, dass Sie nichts erfahren dürfen, bevor sie sichere Beweise besitzt.“
Ich sah Hannah an.
Sie wandte den Blick ab.
„Warum?“
Seidel las weiter.
„Weil sie davon ausging, dass Ihre Familie Ihre Kommunikation überwacht und jeden Versuch, Sie einzubeziehen, gegen sie verwenden würde.“
Ich erinnerte mich an die verlorenen Briefe.
Die blockierten Anrufe.
Die gefälschten Beweise.
Alles passte.
Dann kam Seidels letzter Satz.
„Und Jonas schrieb, dass Hannah nicht deshalb weitergemacht habe, weil sie Hartmann Biotech zerstören wollte.“
„Warum dann?“
Seidel antwortete:
„Weil sie glaubte, dass Ethan Hartmann irgendwann die Wahrheit erfahren musste.“
Ich konnte Hannah nicht mehr ansehen.
Sie hatte mich fünf Jahre lang nicht gebraucht.
Sie hatte mir nicht vertraut.
Aber irgendwo unter all dem Schmerz hatte sie trotzdem geglaubt, dass ich eines Tages wissen sollte, wer meine Familie wirklich war.
Mein Handy vibrierte.
Felix’ Laptop piepte fast gleichzeitig.
Er drehte den Bildschirm zu sich.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Ethan.“
„Was?“
„Kramer hat gerade versucht, seinen Zugang zu Archiv C zu verwenden.“
Ich trat neben ihn.
„Wo?“
Felix zeigte auf das Protokoll.
Physischer Leser – Untergeschoss 2.
„Er ist im Gebäude.“
Ich griff sofort zum Telefon.
Doch Felix hob die Hand.
„Warte.“
Ein zweiter Eintrag erschien.
Zweite Freigabe angefordert.
Dann ein dritter.
Freigabe erteilt.
Ich starrte auf den Namen.
Nicht Claudia.
Richard Hartmann.
Mein Vater war ebenfalls dort.
Und diesmal lief er nicht weg.
Er war gekommen, um persönlich zu Ende zu bringen, was vor fünf Jahren begonnen hatte.







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