Lena Berger erwachte im abgeschirmten Bereich der Intensivstation, eingehüllt in Verbände, die nach Desinfektionsmittel und Rauch rochen. Ihre Lungen brannten, als hätte das Feuer sie bis in dieses Bett verfolgt. Durch die Glasscheibe vor ihrem Zimmer sah sie Lukas Hartmann zusammenbrechen, während er die Sterbeurkunde in den Händen hielt, auf der schwarz auf weiß stand, dass sie tot war. Eigentlich hätte Lena Erleichterung empfinden müssen. Stattdessen erinnerte sie sich an Sophie an jenem Morgen im Brautzimmer. Daran, wie ihre Hand ungewöhnlich lange in der Nähe von Lenas Schleier und dem Etui mit dem Perlenarmband verweilt hatte. Und an diesen seltsamen Augenblick, als Sophie noch vor Beginn der Trauung leise gesagt hatte, sie müsse im Inneren des Gutshofs etwas für ihre Atemprobleme holen.
Eine Krankenschwester überprüfte Lenas Sauerstoffzufuhr und tat so, als würde sie nicht bemerken, wie Lena auf den Überwachungsmonitor starrte. Darauf war Lukas im Krankenhausflur zu sehen. Sophie stand bei ihm und versuchte, ihn zu trösten. An ihrem Handgelenk trug sie noch immer Lenas gestohlenes Perlenarmband.
Jonas, der junge Feuerwehrmann, der Lena aus den Flammen gezogen hatte, trat an ihr Bett. Er beugte sich so weit zu ihr hinunter, dass seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern war.
„Das Feuer war kein Unfall.“
Lena sah ihn an, konnte wegen der Schmerzen aber kaum sprechen. Jonas warf einen kurzen Blick zur Tür, bevor er fortfuhr.
„Die Brandermittler haben einen zweiten Brandherd gefunden. Im Lagerraum direkt neben dem Brautzimmer. Genau dort wurde Sophie wenige Minuten vor dem Alarm gesehen.“
Lenas Finger verkrampften sich im Bettlaken. Langsam setzte sich in ihrem Kopf ein Bild zusammen, das schlimmer war als alles, was sie bisher hatte glauben wollen. Lukas hatte während des Brandes nicht einfach nur die falsche Entscheidung getroffen. Jemand hatte ihn genau zu dieser Entscheidung gebracht. Sophies panische Hilferufe, ihre angeblichen Atemprobleme, die Meldungen, die Rettungskräfte in eine andere Richtung gelenkt hatten – weg von Lenas blockierter Tür.
In dieser Nacht konnte Lena nicht schlafen. Jeder Atemzug schmerzte, und sobald sie die Augen schloss, hörte sie wieder Lukas’ Stimme.
„Ich bin gleich wieder da.“
Irgendwann bemerkte sie ein leises Geräusch an der Tür. Etwas schob sich über den Boden.
Ein Umschlag.
Lena wartete, bis die Schritte auf dem Flur verschwunden waren. Dann griff sie mit zitternden Fingern danach und öffnete ihn.
Eine einzelne Perle fiel auf ihre Decke.
Sie erkannte sie sofort. Sie gehörte zu ihrem Armband.
Im Umschlag lag außerdem ein kleiner Zettel. Lena brauchte nur einen Blick auf die Handschrift, um zu wissen, von wem er stammte.
Sophie.
Darauf stand:
„Er kommt immer zuerst zu mir. Selbst im Tod.“
Lena starrte lange auf diese Worte.
Und plötzlich verstand sie.
Das Feuer war kein Unfall gewesen.
Es war eine Generalprobe.
Auf dem Überwachungsmonitor sah Lena wenig später, wie Sophie neben Lukas stand. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann beugte sie sich zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das nur er hören konnte.
Lukas wurde schlagartig blass.
Trotzdem wandte er den Blick nicht von ihr ab.
Währenddessen tauchte tief im digitalen Archiv des Krankenhauses eine Datei wieder auf, die eigentlich nicht hätte verschwinden dürfen. Daraus ging hervor, dass Lena Berger nach dem Brand keineswegs offiziell für tot erklärt worden war.
Ihre Sterbeerklärung war erst später erfolgt.
Durch eine Unterschrift, die hinzugefügt worden war, nachdem das Feuer längst gelöscht war.
Zur gleichen Zeit begannen die Ermittler, die Aussagen der Zeugen mit den Einsatzprotokollen abzugleichen.
Und plötzlich stimmten die Zeiten nicht mehr überein.







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