Mara las den Namen der Firma noch einmal.
„Havel Consulting.“
Ich nickte.
Die Schmerzen in meinem Brustkorb waren noch da, aber mein Kopf arbeitete plötzlich schneller als seit Jahren.
„Die 480.000 Euro waren keine Beratungskosten.“
„Nein.“
Mara zog den Ausdruck näher zu sich.
„Zumindest nicht nur.“
Anna blieb neben der Tür stehen.
„Die IT hat sämtliche Zugriffsprotokolle gesichert. Niemand aus der Verwaltung kann sie mehr verändern.“
„Wer ist der Mitarbeiter?“, fragte ich.
„Lukas Reiter. Externer Verwaltungskoordinator. Er arbeitet nicht direkt für das Krankenhaus. Seine Firma betreut mehrere ausgelagerte Verwaltungsdienste.“
„Und seine Kontaktadresse läuft über Havel Consulting.“
Anna nickte.
„Ja.“
Mara stand auf.
„Dann geben wir das sofort an den Ermittler weiter.“
Diesmal widersprach ich nicht.
Wir hatten den Punkt überschritten, an dem ich nur meine Firma schützen musste.
Jemand hatte nach einem gewalttätigen Angriff versucht, meine medizinische Versorgung zu manipulieren.
Und dafür war Geld aus unserem Unternehmen geflossen.
Der Kriminalbeamte kam zwanzig Minuten später zurück.
Kriminalhauptkommissar Becker.
Er setzte sich nicht.
Er hörte die Aufnahme meines Vaters vollständig an, ohne eine einzige Frage zu stellen.
Als sie endete, sah er mich an.
„Sie sind sicher, dass Ihr Vater wusste, in welchem Zustand Sie waren?“
„Julian rief ihn an, bevor er den Rettungsdienst verständigte.“
Becker sah zu Mara.
„Und das können wir zeitlich belegen?“
„Mit Julians Telefonverbindungsdaten, sobald wir sie bekommen.“
„Gut.“
Dann zeigte Mara ihm die Verbindung zu Havel Consulting.
Zum ersten Mal veränderte sich Beckers Gesicht.
„Den Namen kenne ich.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Woher?“
„Aus zwei laufenden Wirtschaftsermittlungen.“
Mara und ich sahen uns an.
„Welche Art von Ermittlungen?“
„Scheinfirmen. Rechnungsmanipulation. Verschleierte Zahlungen.“
„Robert Voss?“, fragte ich.
Becker blieb still.
Das Schweigen sagte genug.
„Sie kennen auch ihn.“
„Ich kann Ihnen keine Einzelheiten zu anderen Verfahren geben.“
„Aber er taucht darin auf.“
Becker antwortete nicht direkt.
„Was ich Ihnen sagen kann: Sie sollten ab jetzt davon ausgehen, dass das hier größer ist als ein Familienstreit.“
Fast hätte ich gelacht.
Familienstreit.
Als könnte man sechs Jahre Gewalt, Millionenbetrug und den Versuch, mich aus einer Intensivstation zu entfernen, in dieses Wort pressen.
Becker nahm die Unterlagen.
„Wir werden Reiter überprüfen.“
„Nicht nur Reiter“, sagte ich.
Er blieb an der Tür stehen.
„Havel Consulting bekam 480.000 Euro aus unserem Unternehmen. Wenn dieses Geld genutzt wurde, um Krankenhauszugänge zu kaufen, muss es irgendwo dokumentiert sein.“
„Das prüfen wir.“
„Ich kann Ihnen helfen.“
Mara sah mich sofort an.
„Vivien.“
„Ich kenne die Buchhaltung besser als Julian.“
Becker musterte mich.
„Sie liegen auf einer Intensivstation.“
„Und trotzdem bin ich die Person, die weiß, wo er seine Spuren versteckt.“
Er dachte kurz nach.
„Dann sichern Sie alles. Verändern Sie nichts.“
„Das hatte ich nicht vor.“
Nachdem er gegangen war, öffnete ich erneut die Finanzdaten.
Diesmal suchte ich nicht nach großen Überweisungen.
Große Summen waren sichtbar.
Ich suchte nach kleinen.
Regelmäßigen.
Unauffälligen.
Innerhalb von sechs Monaten hatte Havel Consulting sieben weitere Zahlungen erhalten.
Jeweils unter 50.000 Euro.
Immer mit unterschiedlichen Leistungsbeschreibungen.
„Krisenmanagement.“
„Externe Compliance-Prüfung.“
„Datenmigration.“
„Strategische Beratung.“
Alles Begriffe, die wichtig klangen und nichts erklärten.
Mara sah über meine Schulter.
„Gesamtsumme?“
Ich rechnete.
„Etwas über 730.000 Euro.“
„Zusätzlich zu den zwei Millionen?“
„Die zwei Millionen gingen auf ein anderes Scheinkonto.“
Ich öffnete die Rechnungsanhänge.
Bei der vierten Zahlung fand ich etwas.
Keine Rechnung.
Ein Reisekostenbeleg.
Hotel.
Restaurant.
Mietwagen.
Drei Personen.
Julian.
Robert Voss.
Lukas Reiter.
Das Datum lag sieben Monate zurück.
„Da.“
Mara beugte sich vor.
„Sie waren gemeinsam unterwegs.“
„Zwei Nächte.“
Ich öffnete die Hotelrechnung.
Drei Einzelzimmer.
Konferenzpauschale.
Private Tagungsräume.
Keine Kunden.
Keine Mitarbeiter.
Nur diese drei Männer.
Dann fiel mir die Stadt auf.
Sie lag weniger als zwanzig Kilometer von der St.-Helena-Privatklinik entfernt.
Der Einrichtung, in die ich angeblich hätte verlegt werden wollen.
Mara sah es ebenfalls.
„Das kann kein Zufall sein.“
„Nein.“
Ich suchte den Namen der Klinik in meinen gespeicherten E-Mails.
Kein Treffer.
Dann im Firmenarchiv.
Einer.
Vor neun Monaten hatte Julian ein Angebot bekommen.
Nicht medizinisch.
Beratung für „betreute private Unterbringung bei psychischer oder gesundheitlicher Krisensituation“.
Ich las weiter.
Die Klinik bot diskrete Aufnahme.
Geschützte Kommunikation.
Beschränkten Kontakt nach außen.
Auf Wunsch Unterstützung bei rechtlichen Vertretungsfragen.
Mir wurde kalt.
„Sie wollten mich dort unterbringen.“
Mara antwortete nicht sofort.
„Wenn du nach dem Angriff bewusstlos oder desorientiert gewesen wärst, hätten sie versuchen können, deinen Zustand als psychische Krise darzustellen.“
„Und mit der gefälschten Vollmacht hätte Julian Entscheidungen getroffen.“
„Zumindest so lange, bis jemand die Dokumente überprüft hätte.“
Ich sah auf den Bildschirm.
Alles war vorbereitet gewesen.
Nicht perfekt.
Aber ausreichend, wenn niemand Fragen stellte.
Wenn ich wieder geschwiegen hätte.
Wenn meine Eltern bestätigt hätten, dass ich angeblich instabil war.
Wenn Mara geglaubt hätte, die E-Mail stamme wirklich von mir.
„Das erklärt, warum sie mich so schnell aus diesem Krankenhaus holen wollten.“
Mara nickte.
„Hier gab es zu viele unabhängige Ärzte.“
Ein Klopfen unterbrach uns.
Daniel stand vor der Tür.
Er wirkte, als hätte er seit Stunden nicht gesessen.
Anna ließ ihn erst herein, nachdem ich zugestimmt hatte.
„Ich habe die Unterlagen gebracht“, sagte er.
Er legte einen verschlossenen Ordner auf den Tisch.
„Alles, was Julian mir zur neuen Beteiligungsstruktur geschickt hat.“
Mara öffnete ihn.
Seiten voller Unternehmensdiagramme.
Neue Tochtergesellschaften.
Stimmrechtsmodelle.
Kapitalerhöhungen.
Auf den ersten Blick kompliziert.
Für mich nicht.
„Hier.“
Ich zeigte auf eine Gesellschaft, die erst vor zehn Monaten gegründet worden war.
Northbridge Beteiligungen GmbH.
„Die kenne ich nicht.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Ich auch nicht.“
Im vorgeschlagenen Modell hätte diese Gesellschaft neue Anteile an unserem Unternehmen erhalten.
Mein Anteil wäre von achtunddreißig auf weniger als zwanzig Prozent gefallen.
Unter die Schwelle, mit der ich allein bestimmte Gesellschafterrechte ausüben konnte.
Mara blätterte weiter.
„Wer besitzt Northbridge?“
Die Eigentümerstruktur war verschachtelt.
Zwei Treuhandgesellschaften.
Eine Stiftung.
Dann eine private Holding.
Ich erkannte den Namen am Ende sofort.
Nicht Julian.
Nicht mein Vater.
Meine Mutter.
Ich starrte auf das Dokument.
Ihr Name stand dort schwarz auf weiß.
Sie hatte nicht nur auf ein Haus gehofft.
Sie sollte Eigentümerin eines Teils meiner Firma werden.
Daniel setzte sich langsam.
„Vivien, ich wusste das nicht.“
Ich glaubte ihm.
Zumindest vorerst.
„Wann sollte diese Struktur umgesetzt werden?“
Er zog eine E-Mail hervor.
„Nächste Woche.“
Nächste Woche.
Nach meinem geplanten Aufenthalt in der Privatklinik.
Nach der gefälschten Vollmacht.
Nach dem Versuch, mich offiziell als instabil darzustellen.
Mara flüsterte:
„Sie brauchten nur ein paar Tage.“
Mein Handy klingelte.
Unbekannte Nummer.
Diesmal nahm ich ab.
„Hallo?“
Zuerst hörte ich nur schweres Atmen.
Dann eine Männerstimme.
„Frau Keller?“
„Wer ist da?“
„Lukas Reiter.“
Mara stand sofort auf.
Ich aktivierte den Lautsprecher.
Seine Stimme zitterte.
„Bitte legen Sie nicht auf.“
„Warum sollte ich Ihnen zuhören?“
„Weil ich das Konto im Krankenhaus erstellt habe.“
Anna erstarrte an der Tür.
„Im Auftrag meines Vaters?“
„Nein.“
Pause.
„Ihr Vater hat mich nur angerufen.“
„Wer hat Sie bezahlt?“
Sein Atem wurde schneller.
„Havel.“
„Das weiß ich bereits.“
„Dann wissen Sie nicht genug.“
Ich sah Mara an.
„Was weiß ich nicht?“
Reiter schwieg so lange, dass ich dachte, die Verbindung sei abgebrochen.
Dann sagte er:
„Der Plan war nicht, Sie nach Hause zu schicken.“
„Sondern?“
„In die St.-Helena-Klinik.“
„Warum?“
„Weil dort schon eine psychiatrische Aufnahmeakte auf Ihren Namen angelegt worden war.“
Mein Herzschlag beschleunigte sich.
„Von wem?“
Am anderen Ende hörte ich eine Tür zuschlagen.
Dann Reiters panische Stimme.
„Ich schicke Ihnen alles, was ich habe.“
„Wer hat die Akte angelegt?“
Eine Sekunde später kam die Antwort.
„Ihre Mutter.“
Die Verbindung brach ab.
Fast gleichzeitig erschien eine Datei auf meinem Handy.
Ein eingescanntes Formular.
Mein Name.
Mein Geburtsdatum.
Eine angebliche Vorgeschichte mit Depressionen, paranoiden Episoden und Selbstgefährdung.
Alles erfunden.
Ganz unten stand die Unterschrift einer Angehörigen, die bestätigte, diese Angaben seien wahr.
Meine Mutter.
Und daneben stand ein Aufnahmedatum.
Der kommende Montag.
Sie hatten nicht gehofft, dass ich verschwinden würde.
Sie hatten längst geplant, wohin.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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