Sebastian starrte Matthias an, als hätte er in diesem Augenblick zum ersten Mal begriffen, dass nicht jeder Mensch in seinem Umfeld käuflich, einschüchterbar oder beeindruckt von seinem Namen war.
„Sie überschreiten gerade eine Grenze“, sagte er leise.
Matthias legte den Hörer auf.
„Nein“, erwiderte er. „Die Grenze haben Sie überschritten.“
Ich wollte etwas sagen, doch schon der Versuch zu atmen ließ einen stechenden Schmerz durch meine rechte Seite fahren. Matthias bemerkte es sofort. Für einen Augenblick verschwand der Oberstarzt aus seinem Gesicht, und ich sah nur meinen Bruder.
„Nicht sprechen“, sagte er ruhiger. „Du bist sicher.“
Sicher.
Das Wort fühlte sich fremd an.
Sebastian machte einen Schritt auf mein Bett zu.
„Laura, sag ihnen, was passiert ist.“
Seine Stimme hatte sich verändert. Nicht viel. Nur genug, dass ich es hörte.
Diese weiche, kontrollierte Tonlage, die er immer benutzte, wenn andere Menschen dabei waren.
Früher hatte sie mich verwirrt.
Heute machte sie mir Angst.
„Meine Frau steht unter starken Schmerzmitteln“, erklärte er an Matthias gewandt. „Sie kann im Moment nicht klar denken.“
Matthias stellte sich zwischen ihn und mein Bett.
„Sie verlassen jetzt das Zimmer.“
„Ich bin ihr Ehemann.“
„Und derzeit derjenige, dessen Angaben nicht zu den Verletzungen passen.“
Sebastians Kiefer spannte sich an.
Die Tür öffnete sich erneut. Zwei Pflegekräfte kamen herein, kurz darauf ein Sicherheitsmitarbeiter des Klinikums.
Sebastian blickte von einem zum anderen.
Dann lächelte er.
Es war dasselbe Lächeln, mit dem er Investoren überzeugte.
„Natürlich“, sagte er. „Ich verstehe, dass Sie vorsichtig sein müssen.“
Er nahm seine Jacke vom Stuhl.
Bevor er ging, sah er mich an.
Nur eine Sekunde.
Aber ich kannte diesen Blick.
Er bedeutete nicht Angst.
Er bedeutete: Das ist noch nicht vorbei.
Erst als sich die Tür hinter ihm schloss, merkte ich, dass meine Hände zitterten.
Matthias trat an mein Bett und zog den Vorhang vollständig zu.
„Laura.“
Ich schloss die Augen.
„Ich hätte früher auf dich hören sollen.“
„Darüber reden wir später.“
Seine Stimme zitterte jetzt beinahe unmerklich.
Das erschreckte mich mehr als seine Wut.
Matthias zitterte nie.
Er erklärte mir meine Verletzungen, ohne sie zu beschönigen: zwei gebrochene Rippen, eine schwere Gehirnerschütterung, Prellungen an Rücken und Bauch, Hämatome unterschiedlichen Alters und eine Platzwunde am Hinterkopf.
„Wir behalten dich hier“, sagte er. „Und niemand bekommt Zugang zu dir, den du nicht ausdrücklich sehen willst.“
Ich nickte vorsichtig.
Dann erinnerte ich mich an etwas.
„Mein Handy.“
Matthias’ Blick wurde schärfer.
„War es bei dir?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sebastian hat es genommen.“
„Wann?“
„Bevor er…“
Meine Stimme brach ab.
Matthias wartete.
„Nachdem er von der Prüfung erfahren hatte.“
Er setzte sich neben mich.
„Warum wusste er überhaupt davon?“
Diese Frage hatte ich mir selbst gestellt.
Die unabhängige Prüfung war vertraulich gewesen. Ich hatte sie nicht über die Firmenadresse beantragt, sondern über eine externe Kanzlei, mit der Sebastian keinen direkten Kontakt hatte.
Nur drei Menschen wussten davon.
Ich.
Der zuständige Wirtschaftsprüfer.
Und Matthias.
„Jemand muss ihn gewarnt haben“, flüsterte ich.
Matthias sagte nichts.
Doch ich sah an seinem Gesicht, dass derselbe Gedanke ihn traf.
Wenig später kamen zwei Polizeibeamte. Eine Beamtin namens Krüger setzte sich zu mir, während ihr Kollege draußen blieb.
Sie stellte keine unnötigen Fragen.
Kein „Warum sind Sie nicht früher gegangen?“
Kein „Warum haben Sie das so lange zugelassen?“
Nur klare Fragen zu gestern Abend.
Wann Sebastian nach Hause gekommen war.
Was er gesagt hatte.
Wann die Gewalt begonnen hatte.
Ob Waffen im Haus waren.
Ob er Zugang zu meinen Konten hatte.
Bei der letzten Frage sah ich sie an.
„Zu meinen privaten Konten nicht.“
Matthias hob leicht den Kopf.
„Zu Firmenkonten?“
Ich zögerte.
„Teilweise.“
Frau Krüger bemerkte es.
„Was bedeutet teilweise?“
Ich atmete langsam ein.
„Sebastian glaubt, er kontrolliert die operativen Konten vollständig. Aber größere Transaktionen laufen über eine zweite Freigabeebene.“
„Ihre?“
„Meine.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte ich etwas anderes als Schmerz.
Klarheit.
Ich hatte sechs Monate damit verbracht, meinen Fluchtweg vorzubereiten.
Jetzt musste ich ihn benutzen.
„Matthias“, sagte ich. „Ich brauche deinen Laptop.“
Er sah mich an.
„Laura, du hast eine Gehirnerschütterung.“
„Nur fünf Minuten.“
„Nein.“
„Fünf.“
Er kannte diesen Ton.
Nach kurzem Zögern holte er sein Dienstgerät, öffnete jedoch keinen Zugang zum Kliniknetzwerk. Stattdessen gab er mir sein privates Tablet.
Meine Finger waren geschwollen, doch ich schaffte es, mich über einen gesicherten Zugang in die externe Datenablage einzuloggen.
Die Beweise waren noch da.
Fotos.
Nachrichten.
Berichte.
Überweisungen.
Alles.
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste.
Dann öffnete ich die Datei mit den jüngsten Firmenbewegungen.
Und erstarrte.
Matthias bemerkte es sofort.
„Was ist?“
Ich vergrößerte den Bildschirm.
In den letzten achtundvierzig Stunden waren drei Überweisungen vorbereitet worden.
Jeweils knapp unter der internen Schwelle, ab der meine ausdrückliche Freigabe erforderlich gewesen wäre.
Zusammen fast 2,4 Millionen Euro.
Empfänger waren drei verschiedene Gesellschaften.
Auf den ersten Blick unauffällig.
Auf den zweiten nicht.
Ich kannte diese Struktur.
Drei Firmen.
Drei Konten.
Drei nahezu identische Rechnungsnummern.
Das war kein Zufall.
Es war ein Muster.
„Sebastian versucht nicht nur, die Prüfung zu verhindern“, sagte ich.
Frau Krüger beugte sich vor.
„Was versucht er dann?“
Ich öffnete die Stammdaten der ersten Gesellschaft.
Die Geschäftsadresse befand sich in einem Bürokomplex in Frankfurt.
Die zweite hatte dieselbe Adresse.
Die dritte ebenfalls.
Mein Magen zog sich zusammen.
Ich klickte weiter.
Dann fand ich den Namen des wirtschaftlich Berechtigten.
Nicht Sebastian.
Ein Mann namens Oliver Brandt.
Ich kannte ihn.
Er war seit Jahren Sebastians engster Geschäftspartner und zugleich derjenige, der gestern als Einziger offiziell wusste, dass Sebastian am Abend zu Hause sein würde.
Plötzlich erinnerte ich mich an eine Kleinigkeit.
Während Sebastian mich in der Küche angeschrien hatte, hatte sein Handy auf dem Tisch gelegen.
Der Bildschirm war kurz aufgeleuchtet.
Eine Nachricht.
Ich hatte nur vier Worte gesehen.
Mach es heute noch.
Damals hatte ich geglaubt, es gehe um irgendeinen Geschäftstermin.
Jetzt wusste ich es besser.
Ich blickte Matthias an.
„Er hat nicht die Kontrolle verloren, weil er von der Prüfung erfahren hat.“
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Er hatte Angst, dass ich etwas finde.“
Matthias schwieg.
Ich sah wieder auf die vorbereiteten Überweisungen.
Und dann auf die Uhrzeit.
Die erste war exakt sieben Minuten nach dem Moment angelegt worden, an dem Sebastian gestern Abend begonnen hatte, auf mich einzuschlagen.
In diesem Augenblick verstand ich, dass die Gewalt nicht nur eine Vertuschung ausgelöst hatte.
Sie war möglicherweise Teil davon gewesen.







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