Ich starrte auf das Foto, bis die Buchstaben auf der Rückseite vor meinen Augen verschwammen. Drei Jungen standen vor einem alten Backsteingebäude, alle ungefähr sechs oder sieben Jahre alt. Der Junge in der Mitte hatte dunkles Haar und dieselben markanten Augen wie Alexander. Die beiden anderen waren sich so ähnlich, dass sie Zwillinge sein mussten. Im Hintergrund erkannte ich eine steinerne Mauer und über einer Tür ein Wappen, das ich kannte.
Das Hartmann-Wappen.
„Das ist nicht möglich“, flüsterte Alexander.
Sebastian nahm das Foto vorsichtig aus seiner Hand.
„Kennst du den Ort?“
Alexander nickte langsam.
„Das alte Kinderheim meines Vaters.“
Ich sah ihn an.
„Dein Vater hatte ein Kinderheim?“
„Nicht öffentlich. Zumindest nicht, dass ich wusste.“
Victoria war inzwischen kreidebleich geworden.
„Leg das Foto weg.“
Alexander drehte sich zu ihr.
„Du kennst die Jungen.“
Sie antwortete nicht.
„Mama.“
„Alexander, wir müssen gehen.“
„Nein.“
Er trat einen Schritt auf sie zu.
„Diesmal gehst du nirgendwohin, bevor du mir die Wahrheit sagst.“
Victoria sah auf das Foto.
„Der Junge in der Mitte ist Julian.“
Sebastian hob überrascht den Kopf.
Alexander nahm das Foto wieder an sich.
„Dann wer sind die anderen beiden?“
Victoria schloss die Augen.
„Das weiß ich nicht.“
„Du lügst.“
„Nein.“
„Du hast gerade gesagt, dass du sie kennst.“
„Ich kenne ihre Geschichte. Nicht ihre Namen.“
Ich spürte, wie sich eine unangenehme Kälte in mir ausbreitete.
„Warum war Julian als Kind in einem Hartmann-Heim?“
Victoria sah mich an.
„Weil dein Vater ihn dort untergebracht hatte.“
„Warum?“
„Weil er behauptete, Julian sei eine Gefahr für die Familie.“
Alexander wurde still.
„Eine Gefahr? Ein Kind?“
„Er war damals nicht derjenige, vor dem dein Vater Angst hatte.“
„Vor wem dann?“
Victoria antwortete nicht.
Lukas zog an meinem Mantel.
„Mama.“
Ich beugte mich zu ihm.
„Was ist los?“
Er zeigte auf das Foto.
„Die Jungen.“
„Ja?“
Er runzelte die Stirn.
„Die sehen aus wie ich.“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
Alexander hörte es ebenfalls.
„Was hast du gesagt?“
Lukas zeigte auf den Jungen rechts.
„Der hat meine Augen.“
Noah trat näher und betrachtete das Bild.
„Und der da sieht aus wie ich.“
Elias blieb in meiner Nähe und sagte nichts.
Ich wollte die Jungen sofort von dem Foto wegbringen, doch dann sah ich etwas, das ich vorher übersehen hatte.
Am Handgelenk des Jungen rechts befand sich ein dünnes rotes Band.
Dasselbe rote Band trug Lukas seit seiner Geburt.
Ich hatte es ihm damals gegeben, weil es das einzige kleine Schmuckstück gewesen war, das ich aus der Klinik mitnehmen durfte.
Meine Finger begannen zu zittern.
„Sebastian.“
Er sah mich an.
„Schau dir das an.“
Er nahm das Foto und vergrößerte es mit seinem Handy.
Das rote Band war deutlich zu erkennen.
Alexander bemerkte meinen Blick.
„Was bedeutet das?“
Ich antwortete nicht.
Sebastian tat es.
„Das Band stammt wahrscheinlich aus der Klinik.“
„Wahrscheinlich?“
„Ich muss es untersuchen lassen.“
Victoria trat plötzlich auf ihn zu.
„Sie werden gar nichts untersuchen.“
Alexander stellte sich zwischen die beiden.
„Warum nicht?“
Victoria sah ihren Sohn an.
„Weil du nicht weißt, was du damit auslöst.“
„Ich habe fünf Jahre lang nichts gewusst!“
Seine Stimme hallte durch den Eingangsbereich.
Die Kinder erschraken.
Sofort senkte Alexander die Stimme.
„Und jedes Mal, wenn ich glaube, der Wahrheit näher zu kommen, finde ich noch eine Lüge.“
Victoria sah ihn lange an.
Dann sagte sie:
„Dein Vater hat nicht nur die Kinder geheim gehalten.“
„Was noch?“
„Er hat ihre Herkunft manipuliert.“
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Was bedeutet das?“
Victoria sah mich an.
„Als die Kinder geboren wurden, wurden ihre Unterlagen getrennt voneinander geführt.“
„Warum?“
„Damit niemand feststellen konnte, dass sie zusammengehören.“
„Aber sie sind Drillinge.“
„Das weiß ich.“
„Dann warum?“
Victoria zögerte.
„Weil dein Vater Angst hatte, dass jemand herausfinden würde, dass die drei Kinder genetisch nicht nur mit Alexander verwandt sind.“
Ich verstand nicht.
„Was soll das heißen?“
Alexander sah seine Mutter an.
„Sag es.“
Victoria presste die Lippen zusammen.
„Sie tragen nicht nur deine Gene.“
Stille.
„Wessen dann?“, fragte Alexander.
Victoria sah zu Julian auf dem Foto.
„Die deines Halbbruders.“
Alexander wurde vollkommen still.
Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog.
„Das ist unmöglich.“
„Nein“, sagte Victoria. „Es ist das Geheimnis, das dein Vater fünf Jahre lang um jeden Preis schützen wollte.“
Sebastian schüttelte den Kopf.
„Das würde bedeuten, dass die genetischen Unterlagen manipuliert wurden.“
„Ja.“
„Und dass die Kinder …“
„Nicht auf natürlichem Weg entstanden sind“, beendete Victoria seinen Satz.
Ich sah meine drei Jungen an.
Mein ganzes Leben hatte ich geglaubt, ihre Geschichte zu kennen.
Plötzlich fühlte sich alles fremd an.
Alexander trat näher zu mir.
„Emilia, hast du davon gewusst?“
„Nein.“
„Ich schwöre, ich habe es nie gewusst.“
Er sah mich an.
Zum ersten Mal glaubte ich, dass seine Angst genauso groß war wie meine.
Dann vibrierte Sebastians Telefon.
Er las die Nachricht.
Sein Gesicht wurde innerhalb einer Sekunde starr.
„Was?“, fragte ich.
Er zeigte mir den Bildschirm.
Eine Datei war gerade aus dem Klinikarchiv abgerufen worden.
Der Dateiname bestand aus drei Buchstaben und einer Zahl.
EWH-TRIPLET-03.
Darunter stand:
„Genetischer Abgleich abgeschlossen.“
Und als ich die nächste Zeile las, konnte ich nicht mehr sprechen.
Übereinstimmung mit Alexander Hartmann: 99,98 %.
Doch darunter erschien eine zweite Zeile.
Übereinstimmung mit Julian Falk: 99,98 %.
Alexander starrte auf den Bildschirm.
„Das kann nicht sein.“
Sebastian sah ihn ernst an.
„Doch.“
In diesem Moment kam eine neue Nachricht.
Nur vier Worte.
„Fragt Victoria nach 2009.“
Victoria schloss die Augen.
Und diesmal wusste ich sicher, dass sie den Namen und das Datum kannte.







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