Für einen Moment hörte ich nur den Regen gegen die hohen Fenster schlagen.
„Welches Konto in Luxemburg?“, fragte Laura.
Daniel antwortete nicht.
Er sah meinen Vater an.
Und genau dieser Blick veränderte alles.
Laura folgte ihm.
„Papa?“
Walter stand vollkommen still.
Vor wenigen Minuten hatte er noch versucht, die gesamte Situation mit Befehlen unter Kontrolle zu bringen. Jetzt sagte er nichts mehr.
Ich wandte mich an Margarete.
„Kann die Stiftung Konten sperren lassen?“
„Nicht ohne rechtliche Grundlage.“
„Dann gab es eine.“
Einer der Anwälte nickte.
„Die vorläufige Sicherung betrifft Vermögenswerte, die möglicherweise mit den überprüften Transaktionen zusammenhängen.“
Mein Vater trat auf ihn zu.
„Sie wissen überhaupt nicht, wem dieses Konto gehört.“
„Dann dürfte seine Sperrung für Sie kein Problem sein“, sagte ich.
Walter sah mich an.
Ich erkannte diesen Ausdruck aus meiner Kindheit.
Es war der Moment, in dem er merkte, dass Einschüchterung nicht funktionierte.
Früher hatte ich dann meistens nachgegeben.
Diesmal nicht.
„Margarete“, sagte ich, „ich möchte ab sofort keine weiteren Gespräche über die Stiftung ohne Protokoll.“
Mein Vater lachte verächtlich.
„Du weißt nicht einmal, wie man ein Unternehmen dieser Größe führt.“
„Vielleicht.“
Ich sah zu den Kameras.
„Aber ich weiß inzwischen, wie wichtig Aufzeichnungen sind.“
Sein Lächeln verschwand.
Dann wandte ich mich an den Hoteldirektor.
„Gibt es hier einen Raum, in dem wir ungestört sprechen können?“
Er nickte sofort.
„Ein Konferenzzimmer im ersten Stock.“
„Gut.“
Laura schüttelte den Kopf.
„Ich gehe nirgendwohin.“
„Musst du auch nicht.“
Ich nahm meine Tasche.
„Aber sämtliche geschäftlichen Entscheidungen treffe ab jetzt ich.“
„Das ist meine Hochzeit!“
„Dann bleib bei deinen Gästen.“
Sie starrte mich an.
Zum ersten Mal an diesem Abend verstand sie, dass ich nicht mehr auf ihre Reaktion wartete.
Ich ging zur Tür.
Margarete und die beiden Anwälte folgten mir.
Nach wenigen Schritten hörte ich meinen Vater hinter uns.
Natürlich kam er mit.
Daniel ebenfalls.
Laura blieb noch einige Sekunden zurück.
Dann hörte ich das Rascheln ihres Kleides.
Auch sie folgte.
Das Konferenzzimmer war klein, kühl und fast lächerlich gewöhnlich im Vergleich zum Festsaal.
Ein langer Tisch.
Acht Stühle.
Eine Kaffeemaschine.
Ein Bildschirm an der Wand.
Ich setzte mich ans Kopfende.
Mein Vater blieb stehen.
„Das ist mein Platz.“
Ich sah ihn an.
„Nicht mehr.“
Niemand sagte etwas.
Schließlich setzte Walter sich auf die andere Seite des Tisches.
Margarete schob mir einen Ordner zu.
„Das sind die Unterlagen, die wir bisher sichern konnten.“
Ich öffnete ihn.
Die erste Seite enthielt eine Liste von Überweisungen.
Falkner Consulting GmbH erschien immer wieder.
Doch daneben standen weitere Empfänger.
Immobiliengesellschaften.
Beratungsfirmen.
Eine Vermögensverwaltung in Luxemburg.
Ich überflog die Beträge.
Hundertachtzigtausend.
Zweihundertvierzigtausend.
Dreihundertzehntausend.
„Wer hat diese Zahlungen genehmigt?“
Der Anwalt zeigte auf eine Spalte.
Dort standen Kürzel.
W.B.
L.B.
Ich hob den Blick.
Laura hatte aufgehört zu atmen.
Mein Vater hingegen verzog keine Miene.
„Das beweist nichts.“
„Vielleicht.“
Ich blätterte weiter.
„Aber es erklärt, warum ihr beide so nervös seid.“
Laura schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Ich habe nie Millionen gestohlen!“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber du denkst es.“
„Ich denke, dass ich die Unterlagen prüfen werde.“
Sie sah zu Daniel.
„Sag ihr, wofür deine Firma bezahlt wurde.“
Daniel starrte auf seine Hände.
„Beratung.“
„Welche Beratung?“, fragte ich.
„Finanzstrukturierung.“
„Für die Stiftung?“
Er schwieg.
Laura wurde lauter.
„Daniel!“
„Nicht direkt.“
Mein Vater fuhr herum.
„Halt den Mund.“
Da war es.
Keine Vermutung mehr.
Keine höfliche Fassade.
Ein Befehl.
Daniel sah ihn an.
„Sie haben gesagt, das würde niemals geprüft.“
Laura wich zurück.
„Was?“
Walter sprang auf.
„Du weißt nicht, wovon du redest.“
„Doch.“
Daniel lachte einmal bitter.
„Ich weiß sehr genau, wovon ich rede.“
Ich hob die Hand.
„Niemand sagt jetzt noch etwas.“
Alle blickten mich an.
„Margarete, kann ich als Mehrheitsgesellschafterin eine unabhängige forensische Prüfung anordnen?“
„Ja.“
„Dann tue ich das.“
Walter trat einen Schritt auf mich zu.
„Emily.“
Ich ignorierte ihn.
„Und bis die Prüfung abgeschlossen ist, möchte ich sämtliche Zahlungen aus der Familienstiftung über fünftausend Euro persönlich freigeben.“
Der Anwalt nickte.
„Das lässt sich umsetzen.“
Laura starrte mich fassungslos an.
„Du frierst unser Geld ein?“
„Nein.“
Ich schloss den Ordner.
„Ich verhindere nur, dass noch mehr verschwindet.“
Mein Vater schlug die Handfläche auf den Tisch.
„Du hast keine Ahnung, was du damit auslöst.“
„Dann erklär es mir.“
Er schwieg.
„Genau.“
Ich stand auf.
„Und jetzt möchte ich zu diesem Schließfach.“
Margarete sah auf die Uhr.
„Die Bankfiliale ist geschlossen.“
„Dann morgen früh.“
„Emily“, sagte mein Vater.
Seine Stimme war plötzlich erstaunlich ruhig.
Das machte mich misstrauischer als sein Schreien.
„Du solltest diesen Schlüssel nicht benutzen.“
Ich drehte mich zu ihm um.
„Warum?“
Er sah mich lange an.
„Weil deine Großmutter am Ende ihres Lebens nicht mehr wusste, wem sie vertrauen konnte.“
Margarete antwortete, bevor ich es konnte.
„Sie wusste es sehr genau.“
Walter ignorierte sie.
„Wenn du dieses Schließfach öffnest, zerstörst du Dinge, die du nicht wieder zusammensetzen kannst.“
Ich dachte an Eleonores Hände, als sie mir den Messingschlüssel gegeben hatte.
Nicht zittrig.
Nicht verwirrt.
Entschlossen.
„Vielleicht waren manche Dinge nie heil.“
Ich ging zur Tür.
Diesmal versuchte niemand, mich aufzuhalten.
Doch kurz bevor ich hinaustrat, sagte Daniel:
„Emily.“
Ich blieb stehen.
„Wenn du morgen zur Bank gehst, solltest du wissen, dass Walter heute nicht zum ersten Mal von diesem Schlüssel gehört hat.“
Langsam drehte ich mich um.
Mein Vater wurde bleich.
Daniel fuhr fort.
„Vor drei Monaten hat er mich dafür bezahlt, herauszufinden, zu welchem Schließfach er gehört.“
Laura sah ihren Vater an.
„Warum?“
Walter sagte nichts.
Daniel hingegen schon.
„Weil jemand versucht hat, vor Emily dort hineinzukommen.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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