Dr. Gerhardt sagte nicht viel am Telefon. Das musste er auch nicht.
Ich kannte diesen Ton. Den Ton eines Mannes, der verstand, dass etwas nicht nur dringend, sondern gefährlich war.
„Bringen Sie Sarah an einen sicheren Ort“, sagte er. „Und verändern Sie nichts an der Wohnung. Keine Tür aufbrechen, keine Sachen holen, keine direkte Konfrontation. Ich komme.“
„Wie lange?“
„Ich bin bereits in Celle. Geben Sie mir vierzig Minuten.“
Ich legte auf und sah zu Sarah hinüber.
Sie hatte die Augen geschlossen. Nicht weil sie schlief, sondern weil ihr Körper offenbar versuchte, sich gegen alles abzuschotten, was gerade passiert war. Ihre Finger lagen um den kleinen Rücken ihres Sohnes, und jedes Mal, wenn er sich im Schlaf bewegte, öffnete sie sofort die Augen.
„Wie heißt er?“, fragte ich.
Zum ersten Mal veränderte sich etwas in ihrem Gesicht.
„Jonas.“
Ich sah das winzige Gesicht unter der Decke.
„Hallo, Jonas.“
Sarah schluckte.
„Daniel wollte eigentlich den Namen aussuchen.“
„Und?“
„Er wollte ihn Adrian nennen. Nach seinem Großvater. Seine Mutter bestand darauf.“
„Aber er heißt Jonas.“
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Ja.“
Es war eine kleine Entscheidung. Vielleicht völlig bedeutungslos für jeden Außenstehenden.
Aber ich merkte sie mir.
Wir fuhren nicht zu mir nach Hause. Meine Wohnung lag außerhalb Hannovers, und Sarah brauchte ärztliche Kontrolle, Wärme und einen Ort, an dem Daniel sie nicht sofort vermuten würde. Also brachte ich sie in ein kleines Hotel wenige Straßen vom Krankenhaus entfernt, das ich durch frühere dienstliche Veranstaltungen kannte.
Ich bezahlte zwei Zimmer auf meinen Namen.
An der Rezeption bat ich um zusätzliche Decken, warmes Wasser und darum, keinerlei Auskunft über unsere Zimmernummern herauszugeben.
Der junge Mann hinter dem Tresen sah Sarahs Krankenhaushemd unter meinem Parka und stellte keine Fragen.
Oben angekommen setzte Sarah sich vorsichtig auf die Bettkante.
„Ich muss meine Sachen holen.“
„Nein.“
Sie sah mich an.
„Die Babysachen sind dort.“
Ich stellte die neu gekaufte Babyschale neben sie.
„Dann kaufen wir neue.“
„Onkel Thomas—“
„Sarah.“
Ich ging vor ihr in die Hocke.
„Du hast vor wenigen Stunden ein Kind bekommen. Du bist barfuß durch Schnee gelaufen. Du wirst heute niemandem beweisen, wie stark du bist.“
Ihre Unterlippe begann zu zittern.
„Ich habe nicht einmal seine Kleidung.“
„Dann bekommt Jonas Kleidung.“
„Meine Unterlagen sind dort.“
„Dann holen wir sie mit einem Anwalt.“
„Das Bild von Mama und Papa…“
Da brach ihre Stimme.
Und plötzlich sah ich nicht mehr die erwachsene Frau vor mir.
Ich sah das siebzehnjährige Mädchen, das damals bei der Beerdigung ihrer Eltern zwischen den Gräbern gestanden und meine Hand so fest gehalten hatte, dass meine Finger danach taub gewesen waren.
Ich setzte mich neben sie.
„Auch das holen wir.“
Sie nickte.
Dann begann sie endlich zu weinen.
Nicht laut.
Keine hysterischen Schreie.
Nur erschöpfte, stille Tränen, die sie seit Stunden offenbar zurückgehalten hatte.
Ich ließ sie.
Manchmal ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann, ihn glauben zu lassen, er müsse selbst in dem Moment funktionieren, in dem alles zusammenbricht.
Vierzig Minuten später klopfte es.
Dr. Markus Gerhardt war Anfang sechzig, schmal, grauhaarig und trug einen dunklen Mantel, an dessen Schultern noch Schneeflocken schmolzen.
Er begrüßte mich kurz, doch als er Sarah sah, verschwand jede Förmlichkeit aus seinem Gesicht.
„Frau Neumann.“
Sarah hob den Kopf.
„Sie erinnern sich an mich?“
„Natürlich.“
Er stellte seine Aktentasche auf den kleinen Tisch.
„Ich habe die Wohnung für Ihren Onkel damals rechtlich abgewickelt.“
Daniel hieß mit Nachnamen Neumann. Sarah hatte seinen Namen nach der Hochzeit angenommen.
Gerhardt setzte sich.
„Ich brauche zunächst nur eine Antwort. Haben Sie jemals eine notarielle Erklärung unterschrieben, mit der Sie Eigentum an der Wohnung übertragen haben?“
„Nein.“
„Eine Vollmacht?“
„Nein.“
„Einen Ehevertrag mit entsprechender Klausel?“
„Nein.“
„Irgendetwas bei einem Notar?“
Sarah zögerte.
Ich sah es sofort.
Gerhardt ebenfalls.
„Was?“, fragte er.
„Vor ungefähr acht Monaten.“
Sie rieb sich über die Stirn.
„Daniel brachte mir Unterlagen. Er sagte, es gehe um eine Umschuldung.“
Gerhardt wurde still.
„Welche Umschuldung?“
„Er meinte, wir könnten Geld sparen, wenn wir einige Verträge neu ordnen. Versicherungen, Nebenkosten, so etwas.“
„Haben Sie unterschrieben?“
„Ja. Aber zu Hause.“
„War ein Notar dabei?“
„Nein.“
Gerhardt und ich tauschten einen Blick.
„Dann konnten Sie damit kein Grundeigentum wirksam übertragen“, sagte er.
Sarah atmete aus.
Doch Gerhardt war noch nicht fertig.
„Erinnern Sie sich, wie viele Seiten es waren?“
„Vielleicht zwölf.“
„Haben Sie Kopien?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Daniel sagte, er kümmert sich darum.“
Gerhardt zog sein Tablet hervor.
„Ich habe auf dem Weg hierher bereits einen aktuellen Grundbuchauszug angefordert.“
Er tippte zweimal auf den Bildschirm.
Dann runzelte er die Stirn.
„Was ist?“, fragte ich.
Er antwortete nicht sofort.
Das gefiel mir nicht.
„Markus.“
Er drehte das Tablet zu uns.
„Sarah ist weiterhin als alleinige Eigentümerin eingetragen.“
Sarah legte eine Hand auf die Brust.
„Dann hat Lydia gelogen.“
„Ja.“
„Dann können wir zurück.“
„Noch nicht.“
Gerhardt vergrößerte einen Abschnitt.
„Hier ist etwas anderes.“
Unter der Eigentümerangabe befand sich ein neuer Eintrag.
Ich verstand genug von Grundstücksrecht, um zu erkennen, dass es sich nicht um einen Eigentümerwechsel handelte.
„Was ist das?“
„Eine Grundschuld.“
Sarah starrte ihn an.
„Was bedeutet das?“
Gerhardt sah sie lange an.
„Dass jemand versucht hat, Ihre Wohnung als Sicherheit für einen Kredit zu verwenden.“
Im Zimmer wurde es vollkommen still.
„Das ist unmöglich“, sagte Sarah.
„Nicht unbedingt.“
„Ich habe keinen Kredit aufgenommen.“
„Das glaube ich Ihnen.“
„Wie hoch?“, fragte ich.
Gerhardt nannte die Summe.
Hundertachtzigtausend Euro.
Sarahs Gesicht verlor jede Farbe.
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, das kann nicht sein.“
Gerhardt scrollte weiter.
„Die Grundschuld wurde vor etwas mehr als sieben Monaten beantragt.“
Ich dachte an Sarahs Worte.
Vor ungefähr acht Monaten hatte Daniel ihr jene Unterlagen zum Unterschreiben gebracht.
Nicht genug, um Eigentum zu übertragen.
Aber vielleicht genug, um etwas anderes vorzubereiten.
„Wer ist der Gläubiger?“, fragte ich.
Gerhardt blickte auf den Eintrag.
Dann zog er die Augenbrauen zusammen.
„Keine klassische Bank.“
„Was dann?“
„Eine private Finanzierungsgesellschaft.“
Sarah sah zwischen uns hin und her.
„Welche?“
Gerhardt las den Namen vor.
„Nordstern Kapital GmbH.“
Sarah reagierte nicht.
Ich schon.
Denn ich hatte diesen Namen gesehen.
Nicht in einem Vertrag.
Nicht bei Sarah.
Sondern auf einem Foto, das Daniel mir vor fast einem Jahr bei einem Familienessen auf seinem Handy gezeigt hatte.
Er hatte damals stolz erzählt, dass seine Mutter Lydia „endlich mit den richtigen Leuten Geschäfte mache“.
Und hinter ihr, auf einer Glaswand im Büro, hatte genau dieser Name gestanden.
Nordstern Kapital.
Ich sagte zunächst nichts.
Stattdessen fragte ich Sarah:
„Hat Daniel dir jemals erzählt, dass seine Mutter mit dieser Firma zu tun hat?“
Sie hob langsam den Kopf.
„Nein.“
Dann wurde ihr Blick unsicher.
„Aber…“
„Was?“
„Vor ein paar Monaten hörte ich die beiden streiten.“
„Worüber?“
Sarah presste die Lippen aufeinander, als versuche sie, sich an etwas zu erinnern, das sie damals für unwichtig gehalten hatte.
„Daniel sagte zu ihr: ‚Wenn das auffliegt, verlieren wir alles.‘“
Dr. Gerhardt legte das Tablet langsam auf den Tisch.
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft sah er mich nicht wie einen Mandanten an.
Sondern wie jemanden, der gerade dieselbe Schlussfolgerung gezogen hatte wie ich.
Sarah war nicht ausgesperrt worden, weil ihre Ehe zerbrochen war.
Ihre Ehe war möglicherweise zerbrochen, weil jemand dringend verhindern musste, dass sie herausfand, was mit ihrer Wohnung passiert war.







No comments yet