Für einige Sekunden bewegte sich niemand.
Brandts aufgezeichnete Stimme hing noch im Raum.
„Mein Code hat versucht, es wieder einzuschalten.“
Ich sah auf Konrad Weiss.
Er hatte sich nicht gerührt, aber seine rechte Hand lag jetzt fester auf der Tischkante.
„Sie wussten davon“, sagte ich.
„Wovon genau?“
„Dass Brandts Zugriff als Schuldbeweis aussehen würde.“
Weiss lächelte nicht mehr.
„Sie ziehen voreilige Schlüsse.“
„Nein. Fünf Jahre lang haben andere voreilige Schlüsse für mich gezogen.“
Admiral Heller nahm die Speicherkarte aus dem Umschlag.
„Wir sichern den Inhalt sofort.“
Weiss stand auf.
„Ich glaube, dieses Gespräch ist beendet.“
Falk stellte sich zwischen ihn und die Tür.
„Nein.“
„Sie haben keinerlei Grundlage, mich festzuhalten.“
„Noch nicht“, sagte Heller. „Aber genug, um Sie hier zu behalten, bis die zuständigen Stellen eintreffen.“
Weiss sah zu meinem Vater.
„Harald.“
Mein Vater hob den Kopf.
„Hilf mir nicht noch einmal.“
Der Satz traf Weiss sichtbar.
„Du weißt, was auf dem Spiel steht.“
„Ja“, sagte mein Vater. „Das weiß ich inzwischen.“
Falk verließ mit der Speicherkarte den Raum. Nora blieb am Laptop und begann, die Unterlagen zu sichern.
Ich setzte mich wieder.
Meine Beine fühlten sich plötzlich schwer an.
Wut war einfach gewesen.
Wut hielt einen aufrecht.
Die Wahrheit war komplizierter.
Mein Vater hatte mich verraten.
Und gleichzeitig geglaubt, mich zu schützen.
Beides konnte wahr sein.
Genau das machte es schlimmer.
„Warum hat Brandt dich gestern angerufen?“, fragte ich.
Mein Vater rieb sich über das Gesicht.
„Er sagte, jemand habe versucht, an alte Sicherungsdateien zu kommen.“
„Wer?“
„Das wusste er nicht.“
Weiss schnaubte.
„Oder er wollte sich fünf Jahre später eine neue Geschichte zurechtlegen.“
Ich sah ihn an.
„Dann erklären Sie Ihre.“
„Meine?“
„Warum wurde Nachtfall angegriffen?“
Weiss antwortete sofort.
Zu schnell.
„Weil operative Informationen kompromittiert wurden.“
„Durch wen?“
„Das ist doch genau das, was Sie herausfinden wollen.“
„Nein.“
Ich beugte mich vor.
„Ich will wissen, was Sie damals glaubten.“
Sein Blick veränderte sich.
Nur leicht.
„Sie hatten Zugang zu den Planungswegen. Zu meinem Vater. Zu Brandt. Zu den alten Kommunikationskanälen.“
Ich hielt inne.
„Wenn Sie unschuldig waren, dann mussten Sie nach dem Angriff selbst wissen wollen, wie unsere Route nach außen gelangt war.“
Weiss schwieg.
„Aber Sie haben keine Untersuchung verlangt.“
Noch immer nichts.
„Stattdessen haben Sie meinem Vater geholfen, meine Aussage unglaubwürdig zu machen.“
Mein Vater schloss die Augen.
Weiss sah mich lange an.
Dann setzte er sich wieder.
„Sie waren schon immer zu überzeugt davon, dass jede Wahrheit ans Licht müsse.“
„Und Sie offenbar davon, dass man sie begraben darf.“
Die Tür öffnete sich.
Falk kam zurück.
Sein Gesicht sagte mir sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Die Speicherkarte ist beschädigt.“
Mein Vater wurde blass.
„Was?“
„Ein Teil lässt sich lesen. Ein Teil nicht.“
Weiss atmete kaum hörbar aus.
Ich bemerkte es.
Falk ebenfalls.
„Was ist lesbar?“, fragte Heller.
Falk legte einen Ausdruck auf den Tisch.
„Protokolldateien. Zugriffsdaten. Mehrere Fragmente von Nachrichten.“
Ich griff nach dem Papier.
Drei Tage vor Nachtfall hatte Brandt tatsächlich versucht, Unregelmäßigkeiten zu melden.
Mehrfach.
Ein interner Vermerk war dabei.
Dringender Hinweis auf unautorisierten Zugriff auf Nachtfall-Kommunikationsstruktur.
Adressiert an Konrad Weiss.
Keine Reaktion dokumentiert.
Ein zweiter Vermerk zwölf Stunden später.
Weiterleitung an Harald Reuter.
Status: nicht zugestellt.
Mein Blick schnellte zu meinem Vater.
„Du hast das nie bekommen?“
„Nein.“
Falk nickte.
„Der Datensatz zeigt, dass die Nachricht vor der Zustellung aus dem System entfernt wurde.“
Weiss sagte ruhig: „Dann war Brandts System kompromittiert.“
„Oder Ihres“, sagte ich.
Falk legte noch ein Blatt hin.
„Es gibt mehr.“
Ein Wartungsprotokoll.
Am Tag von Nachtfall war das Relais nicht nur abgeschaltet worden.
Es war zuvor auf einen manuellen Fernzugriffsmodus umgestellt worden.
Dafür brauchte man zwei Berechtigungen.
Eine operative.
Eine administrative.
Brandts Kennung war die operative.
Die administrative gehörte nicht ihm.
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Wessen?“
Falk sah direkt zu Weiss.
„Konrad Weiss.“
Mein Vater flüsterte etwas.
Vielleicht ein Fluch.
Weiss blieb erstaunlich ruhig.
„Das beweist lediglich, dass meine Berechtigung missbraucht wurde.“
„Möglich“, sagte Heller.
„Dann werden die forensischen Daten das zeigen.“
Zum ersten Mal lag echte Angst in Weiss' Augen.
Nicht Panik.
Berechnung.
Er stand erneut auf.
„Ich möchte meinen Anwalt.“
„Das ist Ihr Recht“, sagte Heller.
„Und bis dahin sage ich nichts mehr.“
Er trat einen Schritt zurück.
Dann sah er meinen Vater an.
„Du glaubst wirklich, das hier endet mit mir?“
Mein Vater antwortete nicht.
„Konrad“, sagte ich.
Weiss wandte sich mir zu.
„Sie haben gerade etwas Interessantes gesagt.“
„Ich habe gar nichts gesagt.“
„Doch.“
Ich stand auf.
„Sie sagten: Das endet nicht mit mir.“
Heller sah mich an.
Auch er hatte es bemerkt.
Weiss' Kiefer spannte sich.
„Eine Redewendung.“
„Nein.“
Ich ging langsam auf ihn zu.
„Sie haben Angst.“
„Vor Ihnen?“
„Nicht vor mir.“
Ich blieb stehen.
„Davor, dass wir herausfinden, warum Nachtfall überhaupt wichtig genug war, um die Operation zu sabotieren.“
Sein Blick verriet mir, dass ich richtig lag.
Nachtfall war nie nur ein Angriff auf mein Team gewesen.
Die Frage war nicht allein, wer unsere Position verraten hatte.
Sondern was wir hätten finden oder retten können, wenn wir unser Ziel erreicht hätten.
In diesem Moment vibrierte Falks Telefon.
Er las die Nachricht.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Was?“, fragte Heller.
Falk sah zu mir.
„Die Techniker konnten ein weiteres Fragment von der Speicherkarte rekonstruieren.“
Er hielt mir das Display hin.
Es war eine kurze Textnachricht von Brandt.
Datiert vier Stunden vor dem Angriff.
Empfänger: Harald Reuter.
Nie zugestellt.
Nur ein Satz:
Wenn Nachtfall erfolgreich ist, wird Weiss' alte Akte nicht mehr das größte Problem sein.
Darunter eine Dateibezeichnung.
NF_EVAK_LISTE_7.
Ich starrte darauf.
Sieben.
Die Zahl kannte ich.
Sieben Menschen im Keller.
Sieben Personen, die wir evakuieren sollten.
Aber plötzlich erinnerte ich mich an etwas, das ich fünf Jahre lang für bedeutungslos gehalten hatte.
Als wir den Keller erreicht hatten, waren dort nicht sieben Menschen gewesen.
Es waren acht.
Ein Mann hatte in der hintersten Ecke gesessen, gefesselt, mit einer Kapuze über dem Kopf.
Unser Verbindungsoffizier hatte mir damals nur gesagt:
„Der gehört jetzt zur Evakuierungsgruppe.“
Ich hatte keine Zeit gehabt, Fragen zu stellen.
Minuten später fiel das Relais aus.
Dann begann der Angriff.
Ich sah zu Heller.
„Es gab eine achte Person.“
Der Raum wurde still.
Weiss' Gesicht verlor jede Farbe.
Und damit wusste ich, dass er genau wusste, wen ich meinte.







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