Sieben Jahre vor meiner Hochzeit. Ich rechnete das Datum auf der Rückseite des Fotos immer wieder nach, obwohl sich die Zahlen nicht verändern konnten. Damals war ich vierundzwanzig gewesen, gerade in meine erste große Wirtschaftsstrafkanzlei eingestiegen und überzeugt davon, dass meine Mutter seit sieben Jahren tot war. Daniel war zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwo im Umfeld meiner Eltern gewesen. Vielleicht hatte er sogar mehr über meine Familie gewusst als ich selbst.
„Martin.“
Er stand neben meinem Bett und starrte noch immer auf das Foto.
„Ich habe Daniel damals nie gesehen.“
„Du hast gesagt, du wärst Teil von Morgenrot gewesen.“
„Später. Heinrich hat mich erst hinzugezogen, als er juristische Absicherung brauchte.“
„Dann wer war Daniel?“
Martin schüttelte langsam den Kopf.
„Das müssen wir herausfinden.“
Ich glaubte ihm. Diesmal zumindest.
Die Beamten begannen noch am selben Abend, die Aktenschränke im Ferienhaus zu katalogisieren. Fast alles darin stammte aus der Zeit vor meiner Ehe: Kontoauszüge, interne Berichte, Fotos von Firmenvertretern, Listen mit Briefkastenfirmen. Daniel tauchte mehrfach auf, allerdings nie unter seinem heutigen Namen.
Auf einem Dokument hieß er Daniel Berger.
Auf einem anderen D. Hart.
Und schließlich fanden sie eine Personalakte.
Daniel Hartmann, damals zweiundzwanzig Jahre alt, Junioranalyst bei einer kleinen Schweizer Vermögensverwaltung. Sein Foto war unverkennbar.
Darunter stand ein handschriftlicher Vermerk meines Vaters:
**Informant. Kontakt über Elisabeth. Nicht vollständig vertrauenswürdig.**
„Informant“, flüsterte ich.
Damit änderte sich alles.
Daniel war ursprünglich nicht Teil des Netzwerks gewesen. Offenbar hatte er meinen Eltern Informationen geliefert.
Martin ließ die Schweizer Firma überprüfen. Sie war Jahre später wegen Geldwäsche geschlossen worden. Daniel hatte dort Zugang zu Transaktionsdaten gehabt, die zu Morgenrot passten.
„Deine Mutter muss ihn angeworben haben“, sagte Martin.
Ich dachte an das Foto. Daniel zwischen meinen Eltern. Jung, beinahe schüchtern wirkend.
„Dann hat mein Vater ihn später zu mir geschickt.“
„Offenbar.“
„Warum?“
Die Antwort lag möglicherweise auf der beschädigten Kassette.
Der Techniker arbeitete bis spät in die Nacht daran. Gegen zwei Uhr morgens konnte er weitere siebenundvierzig Sekunden rekonstruieren.
Wir sahen wieder meinen Vater.
Das Bild war voller Störungen.
„Daniel besitzt Informationen über die Menschen, die Elisabeth suchen“, sagte er. „Er behauptet, einer von ihnen habe begonnen, Clara zu beobachten.“
Mein Atem stockte.
Das Bild sprang.
„Ich habe ihn gebeten, in ihre Nähe zu kommen. Nicht als Partner. Nicht als Liebhaber. Nur, um herauszufinden, wer sie beobachtet.“
Wieder Störungen.
Dann:
„Aber Daniel entwickelte eigene Interessen.“
Das Bild verzerrte sich.
„Als ich merkte, dass er sich Clara näherte, war es bereits zu spät. Sie vertraute ihm. Ich versuchte, ihn zu entfernen, doch er drohte—“
Schwarz.
„Womit?“, fragte ich.
Der Techniker schüttelte den Kopf.
„Mehr bekomme ich im Moment nicht heraus.“
Ich lehnte mich zurück.
Daniel hatte also nicht gelogen, als er sagte, mein Vater habe ihn in mein Leben gebracht. Aber er hatte die entscheidende Hälfte weggelassen.
Am nächsten Morgen kam eine weitere Entwicklung.
Dr. Baumann gestand.
Nicht alles, aber genug.
Daniel hatte ihm Geld gezahlt, damit er medizinische Beobachtungen über mich formulierte, die später als Grundlage eines psychiatrischen Gutachtens dienen konnten. Baumann behauptete jedoch, er habe nie geglaubt, dass Daniel mir körperlich etwas antun würde.
Und dann nannte er Viktor Reimann.
„Reimann organisierte die Kontakte“, berichtete der Ermittler. „Er stellte Baumann Daniel vor.“
Die Schlinge zog sich enger.
Viktor hatte meine Mutter beschützt.
Später meinen Vater.
Und nun hatte er Daniel geholfen.
„Wo ist Reimann?“
Der Ermittler sah mich ernst an.
„Verschwunden.“
Sein Büro war leer. Sein Telefon ausgeschaltet. Sein Wagen war am Münchner Flughafen gefunden worden, aber es gab keine Buchung auf seinen Namen.
Gegen Mittag erhielt ich eine Nachricht von meiner Mutter.
**Viktor weiß, dass du das Haus gefunden hast. Verlass das Krankenhaus nicht.**
Ich antwortete sofort.
**Wo bist du?**
Diesmal kam eine Antwort.
**München.**
Wut stieg in mir auf.
**Dann komm zu mir.**
Mehrere Minuten vergingen.
**Ich kann nicht. Noch nicht.**
Ich wollte das Telefon gegen die Wand werfen.
Siebzehn Jahre lang hatte sie mich aus der Ferne beschützt. Jetzt lag ich verletzt in einem Krankenhaus, mein Mann hatte versucht, mich rechtlich zu entmündigen, und trotzdem versteckte sie sich.
Dann kam eine zweite Nachricht.
**Daniel kennt Viktors Schwachstelle. Deshalb hat Viktor für ihn gearbeitet.**
**Welche Schwachstelle?**
Keine Antwort.
Am Nachmittag wurde Daniel erneut vorgeladen. Diesmal wegen der gefälschten medizinischen Unterlagen und der Finanztransaktionen. Sein Anwalt war bei ihm.
Ich verlangte, bei der Befragung nicht anwesend zu sein. Ich wollte Daniel nicht sehen. Noch nicht.
Doch Daniel verlangte seinerseits etwas.
Er wollte eine Aussage machen, wenn er vorher zehn Minuten mit mir sprechen durfte.
„Nein“, sagte Lena.
Der Ermittler war ebenfalls dagegen.
Ich stimmte zu.
Nicht allein. Zwei Beamte blieben im Raum, Lena ebenfalls.
Daniel kam ohne Krawatte herein. Zum ersten Mal wirkte er nicht wie der Mann, der jeden Raum kontrollierte.
Er setzte sich.
„Du hast das Foto gefunden.“
Keine Frage.
„Wer ist Viktor?“
„Du weißt, wer er ist.“
„Wer ist er für dich?“
Daniel sah zu den Beamten.
„Ich möchte Clara etwas Persönliches sagen.“
„Dann sagen Sie es“, erwiderte einer.
Daniel lächelte bitter.
„Deine Mutter hat dir vermutlich erzählt, Viktor sei der Feind.“
„Meine Mutter hat mir fast gar nichts erzählt.“
„Das überrascht mich nicht.“
„Warum hat Viktor dir geholfen?“
Daniel schwieg.
„Daniel.“
Er sah mich schließlich an.
„Weil ich etwas über ihn weiß.“
„Was?“
„Wer deinen Vater getötet hat.“
Im Raum wurde es still.
„Sag es.“
„Nicht Viktor.“
„Wer dann?“
Daniel beugte sich vor.
„Dein Vater wollte Morgenrot beenden. Er hatte genug Beweise und wollte zur Staatsanwaltschaft. Zwei Tage vorher traf er jemanden in seinem Büro.“
„Wen?“
„Elisabeth.“
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Meine Mutter?“
„Sie stritten.“
„Woher weißt du das?“
„Weil Viktor mich angerufen hat.“
Daniel blickte kurz zu den Beamten.
„Er sagte, Heinrich habe beschlossen, Elisabeth aus Morgenrot auszuschließen. Sie sei zu weit gegangen.“
„Womit?“
„Mit dem Geld.“
Die 4,2 Millionen.
„Der Köder?“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Das war die Geschichte, die Martin kannte.“
Ich sah Martin nicht an. Er war nicht im Raum.
„Was war es wirklich?“
„Deine Mutter hatte herausgefunden, wie man das Netzwerk übernehmen konnte.“
„Unsinn.“
„Frag sie.“
Daniel stand auf, doch der Beamte bedeutete ihm, sitzen zu bleiben.
„Du willst mich gegen sie aufbringen.“
„Clara, ich habe schreckliche Dinge getan. Ich habe dein Geld genommen. Ich habe Baumann bezahlt. Ich wollte die Kontrolle über die Treuhand.“
Zum ersten Mal hörte ich Daniel etwas ohne Ausrede zugeben.
„Aber ich habe deinen Vater nicht getötet.“
„Und Vivian?“
Seine Augen wichen meinen aus.
„Ich wusste, dass sie dir Angst machen wollte.“
„Du hast die Tür geschlossen.“
Er schwieg.
Das war Geständnis genug.
Dann sagte er:
„Viktor hat mir geholfen, weil er glaubte, dass ich nach deinem fünfunddreißigsten Geburtstag Zugang zu etwas bekommen würde, das Heinrich versteckt hatte.“
„Zu was?“
„Nicht zu Geld.“
Er sah mich direkt an.
„Zu Morgenrots vollständigem Archiv.“
Mein Vater hatte also nicht nur Vermögen hinterlassen.
„Wo ist es?“
„Das weiß ich nicht.“
„Warum glaubte Viktor, ich wüsste es?“
„Weil Heinrich den Zugang an etwas gebunden hat, das nur du besitzt.“
Mein Herz schlug schneller.
Der Schlüssel aus der Standuhr.
Ich hatte ihn völlig vergessen.
Daniel beobachtete mein Gesicht und verstand sofort.
„Du hast ihn gefunden.“
Ich sagte nichts.
Er lächelte traurig.
„Dann ist Viktor bereits unterwegs.“
Mein Telefon vibrierte.
Eine Nachricht meiner Mutter.
Nur ein Foto.
Darauf war der Eingang des Krankenhauses zu sehen.
Aufgenommen offenbar vor wenigen Sekunden.
Darunter:
**Viktor ist hier.**
Fast gleichzeitig ertönte draußen ein Tumult.
Ein Beamter öffnete die Tür.
Doch es war nicht Viktor, der davor stand.
Eine Frau mit grauen Strähnen im dunklen Haar wartete zwischen zwei Polizisten. Ihr Gesicht war älter als auf meinen Erinnerungen, schmaler, müder.
Aber das Muttermal neben ihrer linken Augenbraue war dasselbe.
Meine Mutter sah mich an.
Siebzehn Jahre verschwanden in einem einzigen Atemzug.
„Clara.“
Ich konnte nichts sagen.
Sie trat einen Schritt näher.
Dann öffnete sie ihre Hand.
Darin lag ein zweiter Schlüssel.
Fast identisch mit dem aus der Standuhr.
„Dein Vater hat das Archiv nicht vor Viktor versteckt“, sagte sie.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Er hat es vor mir versteckt.“







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