Krüger ließ das Protokoll des Hotels auf dem Tisch liegen.
Sophie betrachtete die drei Zeitstempel, als könnten sie ihr sagen, was Martin nach ihrer Flucht noch in der Suite gesucht hatte.
„Mein Handy hatte ich bei mir“, sagte sie leise.
Ich sah sie an.
„Bist du sicher?“
„Ja. Ich habe es später bei dir im Flur fallen lassen. Meine Handtasche hatte ich auch.“
Sie schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern.
„Die Papiere lagen auf dem Tisch. Claudia hatte mehrere davon.“
Alexander sah sofort zu Krüger.
„Wenn Martin zurückgegangen ist, könnte er Unterlagen entfernt haben.“
„Möglich.“
„Können Sie die Suite sichern?“
Krüger nickte.
„Meine Kollegen sind bereits dort.“
Sophie stand langsam auf.
„Ich möchte wissen, ob Claudia noch etwas von mir hatte.“
„Was zum Beispiel?“, fragte ich.
Sie dachte nach.
„Meine Ausweiskopie. Vielleicht meine Unterschrift. Irgendetwas, das sie benutzen konnten.“
Alexander deutete auf den Laptop.
„Dann sehen wir uns zunächst an, was sie bereits benutzt haben.“
Wir kehrten zu den Finanzierungsanfragen zurück.
Sophie öffnete jede Nachricht einzeln. Diesmal las sie nicht nur die Beträge, sondern jedes Datum, jeden Anhang und jeden Namen.
Nach fast vierzig Minuten bemerkte sie etwas.
„Hier.“
Sie zeigte auf eine Anfrage bei einer Privatbank.
„Die ist anders.“
Alexander beugte sich vor.
Bei den anderen Banken stand der Vorgang noch auf „Prüfung“, „Unterlagen unvollständig“ oder „Anfrage zurückgezogen“.
Hier nicht.
**Finanzierung genehmigt.**
Darunter:
**Auszahlung erfolgt.**
Niemand sprach.
Sophie scrollte weiter.
„Das kann nicht sein.“
Der bewilligte Betrag betrug 280.000 Euro.
Auszahlungsdatum: zwölf Tage vor der Hochzeit.
Empfänger: Wagner Events GmbH.
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Sie haben das Geld schon bekommen?“
Krüger zog sofort ihr Notizbuch näher.
„Öffnen Sie bitte die Anhänge.“
Sophie klickte auf die erste PDF.
Darlehensvertrag.
Auf der zweiten Seite stand ihr Name.
Nicht als Eigentümerin.
Nicht als Bürgin.
Als Mitdarlehensnehmerin.
„Nein.“
Sophie schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, nein.“
Alexander nahm ihre Schulter.
„Langsam.“
„Ich habe nie einen Kredit aufgenommen.“
„Das sehen wir.“
„Aber da steht meine Unterschrift.“
Die Unterschrift wirkte erschreckend echt.
Sophie vergrößerte sie.
Dann erstarrte sie.
„Ich weiß, woher die kommt.“
„Woher?“, fragte Krüger.
Sophie sah zu mir.
„Vom Ehevertrag.“
Ich runzelte die Stirn.
„Ihr hattet doch keinen Ehevertrag.“
„Nicht direkt.“
Sie erklärte, dass Martin wenige Wochen vor der Hochzeit vorgeschlagen hatte, eine einfache Vereinbarung über Haushaltskosten und persönliche Vermögenswerte aufzusetzen. Nichts Besonderes, hatte er gesagt. Nur eine Absicherung, damit später niemand behaupten könne, ihre Wohnung gehöre automatisch beiden.
„Ich fand das sogar beruhigend“, sagte Sophie bitter.
Alexander schloss kurz die Augen.
„Du hast etwas unterschrieben?“
„Eine Seite. Martin sagte, sein Anwalt würde den Rest ergänzen.“
„Hast du eine Kopie?“
Sophie schüttelte den Kopf.
„Er wollte sie mir mailen.“
Krüger schrieb jedes Wort mit.
Dann klingelte ihr Telefon.
Sie nahm ab.
Diesmal hörte sie fast zwei Minuten schweigend zu.
Als sie auflegte, wirkte sie noch ernster als zuvor.
„Meine Kollegen haben in der Suite etwas gefunden.“
Sophie sah sofort auf.
„Was?“
„Im Papierkorb des Badezimmers lagen zerrissene Dokumente.“
Alexander richtete sich auf.
„Welche?“
„Ein Teil konnte vor Ort zusammengesetzt werden.“
Krüger sah Sophie direkt an.
„Es handelt sich um eine Bestätigung der Bank über die Auszahlung der 280.000 Euro.“
Sophie wurde blass.
„Dann wusste Martin, dass ich sie finden könnte.“
„Offenbar.“
„Deshalb ist er zurück.“
Krüger nickte.
„Sehr wahrscheinlich.“
Sophie setzte sich.
Für einige Sekunden schien sie völlig leer.
Dann fragte sie:
„Warum brauchten sie meine Unterschrift gestern überhaupt noch, wenn das Geld schon ausgezahlt war?“
Das war die Frage, die alles veränderte.
Alexander zog den Darlehensvertrag näher heran und las die Bedingungen.
Seine Augen bewegten sich langsam über die Seiten.
Dann stoppte er.
„Hier.“
Er zeigte auf einen Abschnitt.
Krüger las mit.
Ich verstand zunächst nur einzelne Begriffe.
Vorläufige Auszahlung.
Nachzureichende Sicherheiten.
Grundbuchliche Absicherung.
Frist.
Sophie sah ihren Vater an.
„Was bedeutet das?“
Alexander antwortete sehr langsam.
„Die Bank hat das Geld ausgezahlt, obwohl die Wohnung noch nicht als Sicherheit eingetragen war.“
„Warum sollte eine Bank so etwas tun?“
„Weil jemand behauptet hat, die notarielle Übertragung sei bereits vorbereitet und würde unmittelbar nach der Hochzeit vollzogen.“
Mir wurde schwindelig.
„Und wenn Sophie nicht unterschreibt?“
Alexander sah auf das Datum.
„Dann läuft die Frist heute ab.“
Sophie starrte ihn an.
„Heute?“
„Um zwölf Uhr.“
Plötzlich ergab die Brutalität der vergangenen Nacht eine grausame neue Form.
Claudia hatte Sophie nicht einfach aus Gier schlagen lassen.
Sie hatte unter Zeitdruck gestanden.
„Wenn ich nicht unterschrieben hätte …“, begann Sophie.
Alexander beendete den Satz.
„Dann hätte die Bank die Sicherheiten nicht bekommen.“
Krüger ergänzte:
„Und möglicherweise sofort geprüft, warum ein Kredit auf Grundlage von Unterlagen ausgezahlt wurde, die Sie nie autorisiert haben.“
Sophie stand auf.
„Dann hätten sie den Betrug entdeckt.“
Niemand widersprach.
Sie ging zum Fenster und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Also war die Hochzeit nicht der Anfang.“
Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Nein“, sagte Alexander.
„Sie war der letzte Schritt.“
Sophie drehte sich um.
In ihrem Gesicht lag jetzt etwas, das ich vorher nicht gesehen hatte.
Nicht nur Schmerz.
Ekel.
„Martin hat mich nicht geheiratet, um irgendwann an meine Wohnung zu kommen.“
Sie deutete auf den Darlehensvertrag.
„Er hatte sie bereits benutzt.“
Krüger nickte langsam.
„So sieht es im Moment aus.“
Sophie lachte kurz und bitter.
„Und als ich mich geweigert habe, sollte ich unterschreiben, damit niemand merkt, dass das Geld längst weg ist.“
Alexander blätterte weiter.
Dann blieb er erneut stehen.
„Hier ist noch etwas.“
Er zeigte auf den Verwendungsnachweis.
Von den 280.000 Euro waren innerhalb von drei Tagen nach der Auszahlung 190.000 Euro weiterüberwiesen worden.
Nicht an Lieferanten.
Nicht an Mitarbeiter.
Nicht an das Finanzamt.
An ein privates Konto.
Kontoinhaberin:
**Claudia Wagner.**
Sophie bewegte sich nicht.
Ich sah Krüger an.
„Dann brauchte Martin das Geld gar nicht für seine Firma.“
„Zumindest nicht vollständig.“
Alexander blickte auf den Namen.
„Die Schulden der Firma waren vielleicht nur der Vorwand.“
Sophie kam zurück zum Tisch.
Sie betrachtete Claudias Namen.
Dann sagte sie etwas, das mir einen Schauer über den Rücken jagte.
„Sie hat mich gestern nicht geschlagen, weil sie meine Wohnung wollte.“
Alle sahen sie an.
„Sie hat mich geschlagen, weil sie das Geld bereits hatte.“
Eine Sekunde lang herrschte völlige Stille.
Dann vibrierte Sophies Handy.
Eine neue Nachricht von Martin.
**Bitte geh nicht zur Polizei. Meine Mutter hat das Geld genommen. Ich kann dir alles erklären.**
Sophie las die Nachricht zweimal.
Dann reichte sie das Handy wortlos an Krüger.
Diesmal versuchte sie nicht mehr, Martin zu verteidigen.
Sie sagte nur:
„Antworten Sie ihm nicht.“
Und zum ersten Mal seit dieser Nacht hatte ich das Gefühl, dass Martin nicht mehr darüber bestimmte, was als Nächstes geschah.







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