Dr. Reimers wählte eine Nummer.
„Herr Seidel darf auf keinen Fall erfahren, dass Frau Vogt hier ist“, sagte er, sobald jemand ranging.
Er hörte zu.
Dann fuhr er fort:
„Prüfen Sie sofort, ob für das Grundstück irgendeine Vormerkung beantragt wurde. Und schicken Sie mir alles, was heute beim Grundbuchamt eingegangen ist.“
Er legte auf.
„Was bedeutet das?“, fragte ich.
„Wenn Daniel und Seidel schon weiter sind, könnte jemand versucht haben, den Verkauf abzusichern.“
„Obwohl Daniel nicht Eigentümer ist?“
„Auch ungültige Vorgänge können Zeit kosten, wenn gefälschte oder irreführende Unterlagen im Spiel sind.“
Mir wurde übel.
„Sie können mir also wirklich mein Haus wegnehmen?“
„Nicht rechtmäßig.“
„Das sagen Sie immer.“
Dr. Reimers sah mich ruhig an.
„Weil das der wichtigste Unterschied ist.“
Er setzte sich mir gegenüber.
„Frau Vogt, hören Sie mir genau zu. Solange wir sauber dokumentieren, wem die Immobilie tatsächlich gehört, ist Ihre Position stark. Aber wir müssen jetzt verhindern, dass Daniel Tatsachen schafft oder Unterlagen verschwinden lässt.“
Ich nickte langsam.
„Was brauchen wir?“
„Beweise.“
Ich dachte an Katharinas Foto.
Daniel.
Seidel.
Mein Wohnzimmer.
„Dann fahren wir hin.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil Daniel gerade glaubt, Sie seien schwach, verwirrt und praktisch aus dem Weg.“
Sein Blick blieb auf mir.
„Das ist im Moment unser größter Vorteil.“
Ich hasste den Gedanken, sie weiter in meinem Haus herumlaufen zu lassen.
Aber ich verstand ihn.
„Also lassen wir sie glauben, sie hätten gewonnen.“
„Für eine Weile.“
Mein Handy vibrierte.
Daniel.
Diesmal nahm ich ab.
„Hallo?“
Seine Stimme klang sofort erleichtert.
„Mama. Endlich.“
„Was ist?“
„Nichts Schlimmes.“
Zu schnell.
Zu glatt.
„Markus ist hier. Der Mann vom Maklerbüro.“
Dr. Reimers hob eine Augenbraue.
Daniel log nicht einmal besonders gut.
„Aha.“
„Er braucht nur noch eine Bestätigung, dass du mit allem einverstanden bist.“
„Mit was genau?“
Stille.
Dann:
„Mit der Übergabe.“
Ich ließ mir Zeit.
„Ich dachte, das sei schon geregelt.“
Wieder Stille.
„Ist es auch. Fast.“
Ich sah Dr. Reimers an.
Er schrieb etwas auf einen Block und schob ihn zu mir.
**Frag nach Montag.**
„Und was ist dann am Montag?“, fragte ich.
Daniel atmete hörbar aus.
„Da wird alles endgültig gemacht.“
„Was genau?“
„Mama, bitte.“
Jetzt war die Gereiztheit zurück.
„Du musst nicht alles kompliziert machen.“
Ich ließ eine kleine Pause.
Dann sagte ich leise:
„Ich will nur verstehen, was mit meinem Haus passiert.“
Am anderen Ende wurde es vollkommen still.
Schließlich hörte ich Katharinas Stimme im Hintergrund.
„Sag ihr einfach, was sie hören will.“
Daniel entfernte sich offenbar ein paar Schritte.
„Mama, das Haus wird verkauft.“
Da war es.
Direkt.
Ohne Umweg.
„Verkauft?“
„Es ist das Beste.“
„Für wen?“
„Für alle.“
Ich griff fester um das Telefon.
„Und wohin geht das Geld?“
„Das klären wir später.“
„Wie viel?“
„Mama.“
„Wie viel?“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Sechshundertfünfundachtzigtausend.“
Genau die Summe aus dem Vertrag.
Dr. Reimers nickte kaum sichtbar.
„Und du bekommst das Geld?“
„Ich verwalte es.“
Ich musste beinahe lachen.
„Für mich?“
„Natürlich für dich.“
Katharina sagte im Hintergrund etwas, das ich nicht verstand.
Daniel wurde leiser.
„Hör zu. Wir haben bereits eine Lösung gefunden. Sonnenhof kostet Geld. Deine Pflege wird später auch Geld kosten. So ist alles abgesichert.“
Pflege.
Wieder dieses Wort.
Als wäre ich bereits hilflos.
Als wäre mein Leben abgeschlossen.
„Und wenn ich nicht verkaufen will?“
Lange Pause.
Dann veränderte sich seine Stimme.
„Du hast schon zugestimmt.“
„Habe ich?“
„Ja.“
„Mit meiner Unterschrift?“
„Ja.“
Ich sah auf Dr. Reimers.
Er schrieb nur ein Wort:
**Weiter.**
„Dann muss ja alles in Ordnung sein“, sagte ich.
Daniel entspannte sich sofort.
Ich konnte es hören.
„Genau.“
„Dann brauche ich heute nichts zu tun?“
„Vielleicht nur eine kleine Bestätigung.“
„Schick sie mir.“
„Das geht nicht per Nachricht.“
„Warum nicht?“
Er zögerte.
„Weil der Notar—“
Er brach ab.
Dr. Reimers sah mich scharf an.
„Welcher Notar?“, fragte ich.
„Niemand.“
„Daniel.“
„Es ist nur ein Termin wegen der Abwicklung.“
Ich spielte weiter die ahnungslose alte Frau.
„Muss ich da hin?“
„Nein.“
Zu schnell.
Wieder zu schnell.
„Das regeln wir.“
„Ohne mich?“
„Du hast doch die Vollmacht unterschrieben.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Vollmacht.
Davon hatte Katharina am Morgen nichts gesagt.
Dr. Reimers schrieb sofort etwas.
**Welche Vollmacht?**
„Welche Vollmacht meinst du?“
Daniel schwieg.
Dann lachte er künstlich.
„Mama, du bist müde. Wir sprechen morgen.“
„Daniel.“
„Ja?“
„Schick mir eine Kopie.“
Stille.
Dann legte er auf.
Ich hielt das Handy noch einige Sekunden ans Ohr.
Dr. Reimers stand bereits.
„Das ändert die Lage.“
„Warum?“
„Weil wir jetzt von mindestens zwei Dokumenten sprechen.“
„Der Übertragung und einer Vollmacht.“
„Genau.“
„Beide gefälscht?“
„Möglicherweise.“
Das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte.
Er nahm ab.
Je länger er zuhörte, desto härter wurde sein Gesicht.
„Verstanden.“
Er legte langsam auf.
„Was ist?“
„Es wurde heute Morgen tatsächlich ein Antrag beim Grundbuchamt vorbereitet.“
Ich spürte einen Druck in der Brust.
„Von Daniel?“
„Über einen anderen Notar.“
„Wie kann das sein?“
„Mit einer angeblichen Generalvollmacht von Ihnen.“
Ich starrte ihn an.
„Ich habe Daniel nie eine Generalvollmacht gegeben.“
„Das dachte ich mir.“
„Und jetzt?“
Dr. Reimers griff nach seinem Mantel.
„Jetzt fahren wir nicht zu Ihrem Haus.“
„Wohin dann?“
„Zu dem Notariat, das diese Unterlagen angenommen hat.“
Zwanzig Minuten später standen wir vor einem modernen Bürogebäude in der Innenstadt.
Dr. Reimers kannte die Notarin offenbar.
Wir wurden sofort hereingelassen.
Dr. Sabine Kern war eine ernste Frau Mitte fünfzig.
Sie begrüßte mich knapp.
Dann legte sie einen Ausdruck vor uns.
„Das ist die Vollmacht, die uns vorgelegt wurde.“
Mein Name stand oben.
Meine Adresse.
Mein Geburtsdatum.
Unten meine Unterschrift.
Wieder fast perfekt.
Fast.
„Das ist nicht meine.“
Dr. Kern nickte.
„Dann haben wir ein erhebliches Problem.“
Sie blätterte um.
An die Vollmacht war eine Kopie meines Personalausweises geheftet.
Ich erkannte sie sofort.
Das Foto.
Die Nummer.
Alles korrekt.
„Woher haben die das?“
Dann erinnerte ich mich.
Vor vier Monaten hatte Katharina mir angeboten, meine Unterlagen für die neue Krankenkassenkarte zu kopieren.
Mein Ausweis hatte einen Nachmittag lang in ihrem Arbeitszimmer gelegen.
Mir wurde schlecht.
„Sie hatten Zugang zu meinen Dokumenten.“
Dr. Kern zog noch eine Seite hervor.
„Und zu etwas anderem.“
Darauf war eine ärztliche Bescheinigung.
Mein Name.
Mein Geburtsdatum.
Darunter stand, ich zeige Anzeichen einer beginnenden kognitiven Beeinträchtigung und sei bei komplexen finanziellen Entscheidungen nur eingeschränkt urteilsfähig.
Ich las den Satz zweimal.
„Welcher Arzt hat das geschrieben?“
Dr. Kern zeigte auf die Unterschrift.
**Dr. Peter Albrecht.**
Ich kannte den Namen nicht.
Dr. Reimers schon.
„Privatpraxis in Hamburg“, sagte er.
„Kennen Sie ihn?“
„Nein. Aber ich kenne seinen Ruf.“
Dr. Kern lehnte sich zurück.
„Frau Vogt, laut Unterlagen soll dieser Arzt Sie im Juni untersucht haben.“
„Ich war im Juni bei keinem Arzt in Hamburg.“
„Sicher?“
Ich sah sie so scharf an, dass sie sofort nickte.
„Entschuldigen Sie. Ich muss fragen.“
„Ich war nicht dort.“
Sie legte das Blatt beiseite.
„Dann handelt es sich möglicherweise nicht nur um eine gefälschte Vollmacht.“
Dr. Reimers ergänzte:
„Sondern auch um ein falsches medizinisches Dokument.“
Ich dachte wieder an Daniel.
An seinen Satz.
*Du merkst es selbst nicht mehr.*
Plötzlich passte alles zusammen.
Sie hatten nicht spontan behauptet, ich würde Dinge vergessen.
Sie hatten eine Geschichte aufgebaut.
Eine Akte.
Eine Version von mir.
Alt.
Verwirrt.
Nicht mehr entscheidungsfähig.
„Sie wollten mich nicht nur aus dem Haus bekommen“, sagte ich.
„Sie wollten dafür sorgen, dass niemand mir glaubt.“
Niemand antwortete.
Weil alle wussten, dass ich recht hatte.
Mein Handy vibrierte.
Katharina.
Diesmal war es eine Sprachnachricht.
Ich spielte sie ab.
Ihre Stimme klang süß.
Zu süß.
„Helene, wir machen uns Sorgen. Daniel sagt, du wirkst heute sehr durcheinander. Wenn du nicht bald zurückrufst, müssen wir vielleicht jemanden verständigen, damit nach dir gesucht wird.“
Die Nachricht endete.
Ich sah Dr. Reimers an.
„Sie bereiten schon die nächste Geschichte vor.“
Er nickte.
„Dann sollten wir ihnen keine Zeit geben.“
Dr. Kern griff zum Telefon.
„Ich stoppe hier jede weitere Bearbeitung sofort.“
Dr. Reimers nahm die Kopien.
„Und ich kümmere mich um den Rest.“
„Was heißt das?“, fragte ich.
Er sah mich an.
„Dass Daniel und Katharina ab jetzt jede weitere Handlung nur noch schlimmer für sich machen.“
Am Abend saß ich in einem kleinen Hotelzimmer nahe der Altstadt.
Nicht im Sonnenhof.
Nicht zu Hause.
Dr. Reimers hatte mir geraten, eine Nacht nicht auffindbar zu sein.
Kurz nach neun klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Frau Vogt?“
„Ja.“
„Mein Name ist Markus Seidel.“
Der Käufer.
Mein Herz schlug schneller.
„Was wollen Sie?“
Seine Stimme war ruhig.
„Ihnen sagen, dass Ihr Sohn Sie anlügt.“
Ich schwieg.
„Und bevor Sie auflegen“, fuhr er fort, „sollten Sie wissen, dass ich Ihr Haus nie kaufen wollte.“
Jetzt setzte ich mich aufrecht hin.
„Aber Sie haben einen Vertrag unterschrieben.“
„Ja.“
„Warum?“
Am anderen Ende hörte ich ein leises Ausatmen.
„Weil ich Daniel seit sieben Jahren dabei zusehe, wie er versucht, seine alten Schulden verschwinden zu lassen.“
„Ich verstehe nicht.“
„Das werden Sie.“
Dann sagte er etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
„Friedrich hat mich damals gebeten, Daniel nie wieder Geld zu geben.“
Ich hielt den Atem an.
„Sie kannten meinen Mann?“
„Besser, als Daniel wusste.“
Eine Pause.
„Und Frau Vogt?“
„Ja?“
„Wenn Sie wirklich wissen wollen, was Ihr Mann vorbereitet hat, suchen Sie nicht nur in dem roten Ordner.“
Meine Hand wurde kalt.
„Wo dann?“
„Im USB-Stick gibt es einen versteckten zweiten Ordner.“
„Woher wissen Sie das?“
Seidel schwieg.
Dann sagte er:
„Weil ich Friedrich geholfen habe, ihn anzulegen.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.







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