Ich starrte auf die Unterschrift, bis die schwarzen Linien vor meinen Augen verschwammen. Sie sah aus wie meine. Nicht ungefähr. Nicht wie eine schlechte Fälschung. Jeder Schwung stimmte, sogar der kleine Haken am Ende meines Nachnamens, den ich seit meiner Schulzeit machte.
„Woher habt ihr das?“
Mein Vater antwortete nicht.
Ich hob das Blatt an. „Ich habe das nicht unterschrieben.“
„Es ist nur eine Formalität“, sagte er.
Ich sah ihn an und musste für einen Moment tatsächlich überlegen, ob dieser Mann immer so gewesen war und ich es nur nie hatte sehen wollen.
„Eine Formalität über achtundvierzig Millionen Euro?“
„Sprich leiser.“
Natürlich. Selbst jetzt sorgte er sich um die Gäste.
Sophie stand neben der Tür, beide Hände gegen ihr Brautkleid gepresst. Meine Mutter kam herein, schloss hinter sich ab und sagte:
„Wir haben keine Zeit für deine moralische Empörung.“
„Meine moralische Empörung? Ihr habt meine Unterschrift gefälscht.“
„Niemand hat etwas gefälscht.“
„Dann habe ich offenbar im Schlaf achtundvierzig Millionen überwiesen.“
Meine Mutter verzog das Gesicht. „Du verstehst diese Geschäfte nicht.“
„Dann erklär sie mir.“
Stille.
Ich legte das Papier auf den Tisch.
„Wem gehören die achtundvierzig Millionen?“
Mein Vater sah zur Mutter. Diese winzige Bewegung sagte mir mehr als jede Antwort.
„Ihr wisst es selbst nicht“, sagte ich.
„Maximilian weiß, was er tut“, erwiderte meine Mutter.
Da begriff ich, wie absurd die Situation wirklich war. Sie hatten meine Identität geopfert, ohne vermutlich selbst zu verstehen, wofür.
„Was hat er euch versprochen?“
Sophie hob plötzlich den Kopf.
„Lena, hör auf.“
„Was hat er euch versprochen?“
Mein Vater ballte die Hände.
„Eine Beteiligung.“
Da war es.
„Woran?“
„An einem Projekt in Hamburg.“
„Welchem Projekt?“
„Ein neues Luxusquartier. Hotels, Wohnungen, Büros. Maximilian sagte, nach der Hochzeit würden wir als Familie beteiligt.“
Ich lachte leise.
„Als Familie.“
Meine Mutter trat näher.
„Du hast doch selbst immer gesagt, Geld sei nicht das Wichtigste.“
Der Satz traf mich fast härter als die Schere.
„Deshalb durftet ihr meines nehmen?“
„Wir wollten dir alles zurückgeben.“
„Wann? Nachdem ich im Gefängnis sitze?“
Sophie begann zu weinen.
Meine Mutter fuhr herum. „Jetzt sieh, was du machst!“
Ich sah Sophie an. „Nein. Diesmal nicht. Sie weint nicht wegen mir.“
Sophie wischte sich über die Wange und flüsterte:
„Er hat gesagt, es könne nichts passieren.“
„Maximilian?“
Sie nickte.
„Er sagte, die Firma brauche nur jemanden außerhalb der Steinberg-Gruppe. Jemanden ohne geschäftliche Verbindung.“
„Also mich.“
„Du hattest eine saubere Bonität.“
Ich konnte sie nur anstarren.
Nicht Schwester.
Bonität.
Das war offenbar mein Wert gewesen.
Mein Handy vibrierte in meiner Tasche.
Mein Vater bemerkte es.
„Gib mir das Telefon.“
„Nein.“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
Ich wich zurück.
„Fass mich nicht an.“
Vielleicht lag etwas in meiner Stimme, das er nicht kannte. Er blieb stehen.
Ich zog das Handy heraus.
Eine Nachricht von Krüger.
Sind Sie allein?
Ich antwortete nicht, sondern sperrte das Display.
Meine Mutter sah mich scharf an.
„Mit wem schreibst du?“
„Mit meinem Friseur.“
Sie glaubte mir nicht.
Plötzlich klopfte jemand an die Tür.
„Herr Hartmann?“
Eine Männerstimme.
Mein Vater öffnete nur einen Spalt. Draußen stand einer von Maximilians Assistenten.
„Herr von Steinberg bittet um die Unterlagen.“
Mein Vater sah auf den Ausdruck.
„Sagen Sie ihm, fünf Minuten.“
Die Tür schloss sich wieder.
Unterlagen.
Plural.
„Was noch?“
Niemand antwortete.
Ich ging zum Tisch und öffnete die schwarze Ledermappe, die mein Vater neben dem Ausdruck abgelegt hatte.
Meine Mutter griff danach.
Zu spät.
Darin lagen mehrere Dokumente.
Gesellschaftsverträge.
Bankvollmachten.
Kreditvereinbarungen.
Alles mit meinem Namen.
Ich blätterte schneller.
Dann blieb ich an einem Datum hängen.
Vor sieben Monaten.
Zwei Monate bevor die Hartmann Projektentwicklung offiziell gegründet worden war.
„Wie kann ich einen Vertrag für eine Firma unterschrieben haben, die damals noch gar nicht existierte?“
Mein Vater wurde blass.
Ich fotografierte die Seite.
Meine Mutter riss mir die Mappe aus der Hand.
„Es reicht.“
„Nein“, sagte ich. „Es fängt gerade erst an.“
Wieder vibrierte mein Handy.
Diesmal rief Krüger an.
Ich nahm ab.
„Ja?“
„Frau Hartmann, hören Sie nur zu. Antworten Sie mit Ja oder Nein. Sind Personen bei Ihnen, die mit den Transaktionen zu tun haben könnten?“
Ich sah meine Eltern an.
„Ja.“
„Sind Dokumente vorhanden?“
„Ja.“
„Sind Sie unter Druck gesetzt worden, heute etwas zu unterschreiben?“
Mein Blick fiel auf die gefälschte Unterschrift.
„Ja.“
Meine Mutter begriff.
„Lena, leg auf.“
Krügers Stimme wurde sofort schärfer.
„Verlassen Sie den Raum, wenn das gefahrlos möglich ist.“
Mein Vater trat vor die Tür.
„Du gehst nirgendwohin.“
Ich spürte Angst. Richtige Angst. Nicht weil ich glaubte, mein Vater würde mir etwas antun, sondern weil ich zum ersten Mal sah, wie verzweifelt er war.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Sophie ging zur Tür.
„Papa.“
„Nicht jetzt.“
Sie öffnete sie.
Mein Vater packte ihren Arm.
„Was machst du?“
„Sie geht.“
Alle sahen Sophie an.
Ihre Stimme zitterte, aber sie wiederholte:
„Lena geht.“
Meine Mutter wurde fassungslos.
„Bist du wahnsinnig?“
Sophie sah sie an.
„Vielleicht möchte ich nicht heiraten, während meine Schwester für meinen Mann ins Gefängnis geht.“
Stille.
Mein Vater ließ ihren Arm los.
Ich ging hinaus.
Im Flur kamen mir Kellner entgegen. Musik erklang aus dem Ballsaal. Hinter den hohen Fenstern standen Fotografen. Alles wirkte vollkommen normal.
„Wo sind Sie?“, fragte Krüger am Telefon.
„Erster Stock. Westflügel.“
„Gehen Sie Richtung Hauptsaal. Einer meiner Kollegen trägt eine dunkelblaue Krawatte mit einer silbernen Krawattennadel.“
„Das beschreibt ungefähr hundert Männer hier.“
„Die Nadel hat die Form eines Adlers.“
Ich ging weiter.
Dann hörte ich hinter mir Schritte.
Maximilian.
„Lena.“
Ich blieb stehen.
Er kam auf mich zu, makellos im schwarzen Smoking, ruhig lächelnd, als würden wir uns zufällig beim Empfang begegnen.
„Dein Vater sagte, es gibt ein Problem.“
„Mehrere.“
„Wir sollten reden.“
„Nicht nötig.“
Sein Lächeln verschwand.
„Du hast keine Ahnung, wie groß das ist.“
„Achtundvierzig Millionen groß?“
Er blieb stehen.
Nur für den Bruchteil einer Sekunde.
Aber es genügte.
„Wer hat dir diese Zahl genannt?“
Ich antwortete nicht.
Er trat näher.
„Lena, hör mir zu. Wenn diese Transaktion heute nicht stattfindet, verlieren Menschen sehr viel Geld.“
„Welche Menschen?“
„Menschen, mit denen du dich nicht beschäftigen willst.“
„Ist das eine Drohung?“
„Ein Rat.“
Hinter Maximilian öffneten sich die Türen des Ballsaals. Hunderte Gäste saßen bereits auf ihren Plätzen.
Dann sah ich einen Mann neben einer Säule.
Dunkelblauer Schlips.
Silberner Adler.
Unsere Blicke trafen sich.
Krüger.
Maximilian bemerkte, wohin ich sah.
Und plötzlich veränderte sich sein Gesicht.
Nicht Angst.
Erkennen.
„Interessant“, murmelte er.
Dann lächelte er wieder.
„Sie haben dich also tatsächlich kontaktiert.“
Mir stockte der Atem.
„Du kennst ihn?“
Maximilian beugte sich näher.
„Lena, glaubst du wirklich, das BKA sei wegen mir hier?“
Bevor ich antworten konnte, erklang der Hochzeitsmarsch.
Sophie erschien am Ende des Flurs neben unserem Vater.
Maximilian richtete seine Manschettenknöpfe und ging Richtung Saal.
Im Vorbeigehen sagte er leise:
„Frag Krüger, warum deine Firma schon drei Monate vor ihrer Gründung auf einer internen Beobachtungsliste des BKA stand.“
Ich drehte mich zu Krüger.
Er hatte Maximilians Worte offensichtlich nicht gehört.
Doch als ich ihn ansah, bemerkte ich etwas, das mir zuvor entgangen war.
Er beobachtete nicht Maximilian.
Er beobachtete meinen Vater.







No comments yet