Unterhaltung

Das Krankenhaus Rief Mich Wegen Eines Jungen An, Den Ich Nicht Kannte – Dann Nannte Er Den Namen Meiner Seit Zwölf Jahren Verschwundenen Freundin

„Die Frau mit den zwei Augen?“, wiederholte ich.

Noah nickte, aber sein Blick wanderte sofort zur Tür, als hätte er Angst, jemand könnte uns hören. „So hat Mama dich genannt.“

Ich trat näher ans Bett. „Warum?“

Er presste die Lippen zusammen. Für einen Moment wirkte er nicht wie ein Elfjähriger, sondern wie jemand, der viel zu früh gelernt hatte, dass jedes Wort gefährlich sein konnte.

Die Pflegekraft neben mir räusperte sich leise. „Ich lasse Sie beide einen Moment allein. Aber die Polizei ist unterwegs. Wegen des Unfalls und weil wir seinen Vater beziehungsweise Erziehungsberechtigten noch nicht erreichen konnten.“

Bei dem Wort Vater zuckte Noah sichtbar zusammen.

Ich bemerkte es.

Die Pflegekraft offenbar auch.

Als die Tür hinter ihr zufiel, setzte ich mich auf den Stuhl neben seinem Bett. „Noah, du musst mir nichts erzählen, was du nicht erzählen willst. Aber ich kenne deine Mutter von früher. Wenn sie dir gesagt hat, du sollst nach mir fragen, dann hatte sie einen Grund.“

Er starrte auf seine bandagierte Hand.


„Mama hat gesagt, du würdest verstehen.“

„Was genau soll ich verstehen?“

Er hob langsam den Kopf. „Dass Leute manchmal zwei Augen haben und trotzdem nichts sehen.“

Ich sagte nichts.

„Und dass du immer zwei Augen benutzt hast.“

Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz.

Plötzlich war ich wieder zwanzig.

Megan und ich im Lesesaal der Universität, zwischen viel zu hohen Bücherstapeln und billigem Kaffee. Sie hatte mich damals ständig damit aufgezogen, dass ich alles zweimal überprüfte. Verträge, Quittungen, Nachrichten, sogar Kinokarten.

„Du hast zwei Augen, Emily“, hatte sie einmal lachend gesagt. „Benutz gefälligst beide.“

Es war ein Satz zwischen uns gewesen. Ein alberner Satz. Ein Satz, den außer uns niemand kennen konnte.


Ich sah Noah an.

„Deine Mutter hat dir das wirklich gesagt?“

„Immer wieder.“

Meine Hände wurden kalt.

„Wo ist Megan?“

Seine Augen füllten sich sofort mit Tränen.

„Ich weiß es nicht.“

„War sie im Auto?“

Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein.“

„Mit wem warst du unterwegs?“


Er schluckte. „Mit Daniel.“

„Wer ist Daniel?“

Noahs Blick ging wieder zur Tür.

„Mein Stiefvater.“

Das Wort kam so leise, dass ich es beinahe nicht verstand.

„Und wo ist er jetzt?“

„Weg.“

„Ist er nach dem Unfall verschwunden?“

Noah nickte.

Ich spürte, wie sich mein Nacken verspannte. „War er der Fahrer?“


Diesmal kam keine Antwort.

Ich beugte mich etwas vor. „Noah, hat Daniel den Unfall verursacht?“

„Er hat gesagt, ich soll still sein.“

Das war keine Antwort.

Und gleichzeitig war es eine.

Ich wollte weiterfragen, doch da klopfte es. Eine Ärztin trat ein, vielleicht Mitte vierzig, ruhige Stimme, graue Strähnen im dunklen Haar.

„Frau Hartmann? Ich bin Dr. Keller.“

Ich stand auf.

„Noahs körperlicher Zustand ist stabil“, sagte sie. „Die Gehirnerschütterung müssen wir beobachten. Was uns allerdings Sorgen macht, ist sein Stresszustand.“

„Was bedeutet das?“


„Er reagiert stark auf bestimmte Fragen. Besonders auf seinen Wohnort, seinen Stiefvater und seine Mutter.“

Noah zog die Decke höher.

Dr. Keller sah kurz zu ihm, dann wieder zu mir. „Wir haben außerdem etwas in seiner Jacke gefunden.“

Sie hielt mir einen durchsichtigen Beutel hin.

Darin lag ein kleiner Messingschlüssel.

An einem roten Plastikanhänger stand handschriftlich nur:

317.

„Wissen Sie, wozu der gehört?“

Ich schüttelte den Kopf.

Noah flüsterte: „Mama hat gesagt, der ist für dich.“


Dr. Keller sah ihn an. „Das hast du uns vorher nicht gesagt.“

„Weil sie noch nicht da war.“

Mir lief ein Schauer über die Arme.

Ich nahm den Beutel nicht. „Wo war der Schlüssel?“

„In einer vernähten Innentasche“, sagte Dr. Keller. „Nicht dort, wo die Kontaktdaten standen. Wir hätten ihn fast übersehen.“

Zwei Augen.

Benutz beide.

Megan hatte also nicht nur meinen Namen hinterlassen. Sie hatte Noah vorbereitet.

Auf etwas.

„Hat man Megan inzwischen erreicht?“, fragte ich.


Dr. Kellers Gesicht veränderte sich kaum, aber genug.

„Nein.“

„Und Daniel?“

„Auch nicht.“

„Gibt es eine Adresse?“

„Eine Adresse ist im System hinterlegt, aber die Polizei kümmert sich darum.“

Noah richtete sich plötzlich auf. „Nein.“

Wir sahen beide zu ihm.

„Was?“

„Sie dürfen nicht zu unserem Haus.“


Dr. Keller trat näher. „Warum nicht?“

„Weil er da wartet.“

„Daniel?“

Noah atmete schneller.

Ich setzte mich sofort wieder. „Noah. Schau mich an.“

Er tat es.

„Wenn Daniel dort wartet, ist das für die Polizei wichtig.“

„Nicht Daniel.“

Die Worte waren kaum mehr als ein Hauch.

„Wer dann?“


Noah sah mich so lange an, dass mir unwohl wurde.

„Der Mann, wegen dem Mama immer die Vorhänge zugemacht hat.“

Dr. Keller und ich wechselten einen Blick.

„Kennst du seinen Namen?“, fragte ich.

Noah schüttelte den Kopf.

„Hast du ihn gesehen?“

Ein langsames Nicken.

„Wie sieht er aus?“

Noah öffnete den Mund, doch bevor er antworten konnte, ging die Tür erneut auf.

Zwei Polizeibeamte traten ein.


Der ältere stellte sich als Kriminalhauptkommissar Vogt vor. Seine Kollegin, Kriminalkommissarin Lehmann, blieb etwas zurück und beobachtete Noah aufmerksam.

Vogt wandte sich an mich. „Frau Hartmann, wir müssen Ihnen einige Fragen stellen.“

„Natürlich.“

„Zunächst einmal: Wann haben Sie Megan Cole zuletzt gesehen?“

„Vor zwölf Jahren.“

„Warum brach der Kontakt ab?“

Die Frage traf mich unerwartet.

Ich sah zu Noah.

„Das ist kompliziert.“

Vogt blieb sachlich. „Dann machen wir es einfach. Hatten Sie Streit?“

„Nein.“

„Gab es einen Grund, warum sie verschwunden ist?“

Verschwunden.

Nicht: den Kontakt abgebrochen.

Ich bemerkte das Wort sofort.

„Was meinen Sie mit verschwunden?“

Vogt zögerte.

Lehmann sah ihn an.

Dann sagte er: „Megan Cole wurde vor neun Jahren offiziell als vermisst gemeldet.“

Mein Atem stockte.

„Das ist unmöglich.“

„Warum?“

Ich blickte zu Noah.

Elf Jahre alt.

Megan seit neun Jahren vermisst.

Noah war zwei gewesen.

„Wer hat sie vermisst gemeldet?“

Vogt sah auf seine Notizen.

„Ihr damaliger Lebensgefährte.“

„Daniel?“

„Nein.“

Ich hörte Noah scharf einatmen.

Vogt hob den Blick.

„Ein Mann namens Adrian Blackwell.“

Der Nachname des Jungen.

Noah wurde kreidebleich.

Und dann flüsterte er etwas, das den Raum völlig veränderte.

„Das ist mein Vater.“

Ich spürte, wie sich alle losen Teile in meinem Kopf verschoben, ohne sich bereits zusammenzufügen.

„Wo ist Adrian Blackwell jetzt?“, fragte ich.

Vogt antwortete nicht sofort.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass noch etwas kam.

„Er saß bis vor sechs Monaten wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis.“

Noah begann zu zittern.

Ich griff nach seiner unverletzten Hand.

„Und seit seiner Entlassung“, fuhr Vogt fort, „gibt es keine verlässliche Spur von ihm.“

Noah drückte meine Finger so fest, wie ein Kind es nur konnte.

Dann sah er mich an.

„Emily“, sagte er mit brüchiger Stimme, „Mama hat gesagt, wenn Adrian wiederkommt, soll ich dir den Schlüssel geben.“

Mein Blick fiel auf den Beutel mit dem Messingschlüssel.

317.

Und zum ersten Mal an diesem Abend begriff ich, dass Megan nicht einfach vor zwölf Jahren aus meinem Leben verschwunden war.

Sie hatte etwas vorbereitet.

Etwas, das offenbar all die Jahre auf mich gewartet hatte.

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