Unterhaltung

Das Krankenhaus Rief Mich Wegen Eines Jungen An, Den Ich Nicht Kannte – Dann Nannte Er Den Namen Meiner Seit Zwölf Jahren Verschwundenen Freundin

„Emily war nie nur meine Freundin.“

Der Satz blieb im Raum hängen, als hätte jemand die Luft abgesaugt.

Ich hörte Noah atmen. Ich hörte das leise Piepen des Monitors. Irgendwo auf dem Flur rollte ein Wagen über Linoleum.

Aber in meinem Kopf war nur Megan.

Megan mit neunzehn, wie sie barfuß auf meinem Studentenwohnheim-Bett saß und meine Pullover trug. Megan, die mich jeden Morgen mit Kaffee weckte, obwohl sie selbst keinen mochte. Megan, die ihre Hand manchmal einen Moment zu lange auf meinem Arm liegen ließ.

Und ich, die sich damals eingeredet hatte, enge Freundschaften fühlten sich eben so an.

„Was soll das bedeuten?“, fragte Vogt.

Ich sah ihn an. „Ich weiß es nicht.“

Es klang schwächer, als ich wollte.

Noah beobachtete mich aufmerksam. „Mama hatte ein Foto von dir.“


Mein Herz setzte einen Schlag aus.

„Was für ein Foto?“

„Ihr zwei am Wasser. Du hattest kurze Haare.“

Ich wusste sofort, welches er meinte.

Sommer vor zwölf Jahren. Blankenese. Wir hatten uns am Elbstrand fotografiert, die Schuhe in der Hand, die Hosenbeine hochgekrempelt. Megan hatte das Bild später zweimal ausdrucken lassen.

Eines für sie.

Eines für mich.

Meines lag irgendwo in einer Kiste.

Zusammen mit dem Umschlag.

Ich stand auf.


„Ich muss nach Hause.“

Vogt schüttelte sofort den Kopf. „Nicht allein.“

„Dann kommen Sie mit.“

„Frau Hartmann—“

„Wenn Megan mir vor zwölf Jahren etwas gegeben hat und jetzt ein Schlüssel auftaucht, dazu eine Nachricht mit ‚zweites Auge‘ und ‚Elbe‘, dann werde ich nicht hier sitzen und darauf warten, dass noch jemand verschwindet.“

Zum ersten Mal an diesem Abend hatte ich nicht das Gefühl, in eine Geschichte hineingezogen zu werden.

Ich traf eine Entscheidung.

Lehmann sah Vogt an. „Ich fahre mit ihr.“

Zwanzig Minuten später saß ich auf dem Beifahrersitz eines Zivilwagens. Hamburg lag dunkel und nass hinter der Windschutzscheibe. Ich sagte kaum ein Wort.

Als wir vor meinem Mehrfamilienhaus hielten, war es kurz nach halb zwei.


Lehmann bestand darauf, zuerst hineinzugehen.

Meine Wohnungstür war unbeschädigt.

Drinnen sah auf den ersten Blick alles normal aus.

Dann bemerkte ich die Schublade im Wohnzimmer.

Sie stand einen Spalt offen.

„Die war geschlossen“, sagte ich.

Lehmann hob eine Hand. „Nichts anfassen.“

Wir gingen langsam weiter.

Keine eingeschlagenen Fenster. Keine umgeworfenen Möbel.

Aber jemand war hier gewesen.


Nicht, um zu verwüsten.

Um zu suchen.

Die Kiste stand im oberen Fach meines Schlafzimmerschranks. Als ich sie herunterholte, war meine Handfläche feucht.

Alte Fotos. Universitätsunterlagen. Konzertkarten. Ein Schal, den ich seit Jahren nicht getragen hatte.

Und ganz unten lag der Umschlag.

Gelblich geworden.

Auf der Vorderseite stand in Megans Handschrift:

Für Emily. Nur wenn ich dich darum bitte.

Lehmann fotografierte ihn, bevor ich ihn öffnete.

Darin lagen drei Dinge.


Das Foto vom Elbstrand.

Ein kleiner gefalteter Zettel.

Und ein Ausdruck einer Banküberweisung.

Ich nahm zuerst den Zettel.

Emily,

wenn du das liest, dann bin ich wahrscheinlich zu feige gewesen, dir die Wahrheit selbst zu sagen.

Adrian glaubt, er weiß alles über mich. Das stimmt nicht.

Es gibt etwas, das nur du sehen kannst, weil du immer beide Augen benutzt.

Wenn ich verschwinde, glaube nicht automatisch dem, was man dir erzählt.

M.


Meine Finger zitterten.

„Was ist mit der Überweisung?“, fragte Lehmann.

Ich reichte sie ihr.

Es war eine Zahlung über 48.000 Euro.

Empfänger: A. Blackwell.

Absender: Cole Maritime Consulting GmbH.

Verwendungszweck: Beratungsleistung 317-B.

„Sagt Ihnen die Firma etwas?“

„Nein.“

Lehmann fotografierte das Dokument.


Ich nahm das alte Foto.

Megan und ich am Elbstrand.

Auf der Vorderseite war nichts Besonderes.

Dann erinnerte ich mich.

Zweites Auge.

Nicht nur anschauen.

Umdrehen.

Auf der Rückseite stand mit blassem Kugelschreiber eine Reihe von Zahlen:

53.5451 / 9.9661

Darunter:


Nicht dort suchen, wo alle suchen.

Lehmann zog ihr Handy heraus.

„Koordinaten.“

Sie tippte sie ein.

„Was ist dort?“

Sie sah mich an.

„Ungefähr Steinwerder. Hafengebiet.“

Elbe.

Mein Puls beschleunigte sich.

„Und 317?“


„Kann ein Schließfach sein. Oder eine Lagereinheit. Oder eine Containernummer.“

Ich nahm die Überweisung zurück und betrachtete sie erneut.

Die Firma.

Cole Maritime Consulting.

Megan Cole.

„Sie hatte eine Firma?“

„Vielleicht.“

„Sie war damals Studentin.“

Lehmann runzelte die Stirn. „Der Ausdruck ist zwölf Jahre alt.“

Ich sah genauer hin.


Gründungsdatum im Briefkopf: drei Monate vor ihrem Verschwinden.

„Sie hat mir nie davon erzählt.“

Lehmann telefonierte mit Vogt und gab die Daten durch.

Währenddessen suchte ich weiter in der Kiste.

Unter einem Stapel alter Unterlagen fand ich schließlich einen zweiten Umschlag.

Leer.

Darauf standen nur zwei Buchstaben.

E.H.

Meine Initialen.

„Das habe ich noch nie gesehen“, sagte ich.

Lehmann kam näher.

An einer Ecke klebte etwas Dunkles.

Ein Stück Papier.

Als hätte jemand den Inhalt herausgerissen.

Ich zog meine Hand zurück.

„Jemand war vor uns hier.“

Lehmann nickte. „Und wusste ziemlich genau, wonach er sucht.“

Ihr Handy klingelte.

Sie nahm ab.

„Lehmann.“

Ich sah, wie sich ihr Gesicht veränderte.

„Wann?“

Pause.

„Sicher?“

Noch eine Pause.

Dann legte sie auf.

„Was ist passiert?“

Sie sah mich an.

„Die Kollegen haben Daniel gefunden.“

„Wo?“

„Nicht weit von der Unfallstelle.“

Mein Magen verkrampfte sich.

„Ist er tot?“

„Nein. Schwer verletzt. Er hatte sich offenbar aus dem Wagen geschleppt und war eine Böschung hinuntergestürzt.“

„Kann er sprechen?“

„Noch nicht.“

Ich atmete aus.

Dann fügte sie hinzu:

„Aber sie haben etwas bei ihm gefunden.“

„Was?“

„Einen Zugangsausweis.“

„Wofür?“

„Für eine Lageranlage im Hamburger Hafen.“

Ich sah wieder auf das Foto.

53.5451 / 9.9661.

„Nummer 317?“

Lehmann nickte langsam.

„Exakt.“

Zum ersten Mal passten zwei Teile zusammen.

Nicht genug für die ganze Wahrheit.

Aber genug, um zu wissen, dass Megan vor zwölf Jahren etwas im Hafen versteckt hatte.

Etwas, wofür Adrian offenbar bereit war, Menschen zu jagen.

„Wir müssen hin“, sagte ich.

„Nicht heute Nacht.“

„Warum nicht?“

„Weil jemand bereits Ihre Wohnung durchsucht hat und Daniel von der Straße gedrängt wurde. Wer auch immer dahintersteckt, kennt wahrscheinlich denselben Ort.“

„Dann kommt er vielleicht zuerst dort an.“

Lehmann sah mich lange an.

„Das ist möglich.“

Ich trat ans Fenster und blickte auf die nasse Straße hinunter.

Vor einer Stunde hatte ich noch geglaubt, mein größtes Problem sei eine absurde Krankenhausverwechslung.

Jetzt stand ich in meiner Wohnung mit einem zwölf Jahre alten Geheimnis in der Hand.

Und plötzlich sah ich etwas, das mir vorher nicht aufgefallen war.

Unten auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein schwarzer Wagen.

Motor aus.

Licht aus.

Aber auf dem Fahrersitz saß jemand.

Ich ging einen Schritt näher ans Fenster.

Der Wagen setzte sich sofort in Bewegung.

Lehmann war in zwei Sekunden neben mir.

„Kennzeichen?“

„Nein.“

Sie griff nach ihrem Telefon.

Ich sah dem Wagen nach, bis er um die Ecke verschwand.

Dann blickte ich wieder auf das Foto von Megan.

Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr nur, was sie vor Adrian versteckt hatte.

Sondern warum sie ausgerechnet mir zugetraut hatte, es zu finden.

Und warum jemand zwölf Jahre später noch immer Angst davor hatte, dass ich es tat.

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