Klaus nahm den kleinen Messingschlüssel nicht sofort in die Hand. Er lag zwischen den alten Briefen wie etwas völlig Banales, und doch schien sich plötzlich alles in der Küche um ihn zu drehen. Nadine betrachtete das verblichene Schild. Schließfach 214 – Hauptbahnhof. Der Münchner Hauptbahnhof war seit 1989 mehrfach umgebaut worden. Sie wusste nicht einmal, ob solche alten Schließfächer noch existierten.
Sebastian war der Erste, der die naheliegende Frage stellte. „Warum sollte Mama einen Schlüssel fast vierzig Jahre aufbewahren?“
Klaus hob ihn schließlich hoch. „Vielleicht hat sie ihn nie benutzt.“
Helga wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Oder sie konnte es nicht.“
Nadine sah sie an. „Du weißt etwas darüber.“
„Nein.“
„Du wusstest aber, wer mein Vater war, bevor du neben ihm eingezogen bist. Dein Vater taucht auf Mamas Kassette auf. Seine Firma überwies unserer Großmutter hundertachtzigtausend Mark. Hör auf, so zu tun, als wärst du nur zufällig hier.“
Helga nahm den Vorwurf hin. Dann öffnete sie ihre Handtasche und holte einen Schlüsselbund heraus. „Der Ordner meines Vaters liegt in einem Bankschließfach.“
Klaus lachte fassungslos. „Natürlich. Noch ein Schließfach.“
„Ich hatte Angst.“
„Neun Jahre lang?“
„Ja.“
Klaus trat näher. „Wovor? Vor mir?“
„Vor dem, was du herausfinden könntest.“
Diese Antwort ließ ihn verstummen.
Helga erzählte schließlich, dass sie 1989 zweiundzwanzig gewesen war und noch bei ihren Eltern gewohnt hatte. Die Winter Immobilien GmbH war damals ein kleines, aber erfolgreiches Unternehmen gewesen. Ihr Vater Friedrich Winter kaufte alte Mietshäuser, sanierte sie und verkaufte einzelne Wohnungen weiter. Im Herbst 1989 hatte sie eines Abends einen Streit zwischen ihm und einem unbekannten jungen Mann gehört.
„Thomas“, sagte Klaus.
„Das weiß ich heute. Damals kannte ich seinen Namen nicht.“
„Was haben sie gesagt?“
„Ich habe nur Bruchstücke gehört. Der Mann sagte, mein Vater habe eine alte Frau ausgenutzt. Mein Vater antwortete, es gebe Verträge und niemand könne ihm etwas beweisen.“
Nadine dachte an ihre Großmutter. „Welche alte Frau?“
Helga schüttelte den Kopf. „Das habe ich erst Jahre später vermutet.“
Sebastian legte die Hände auf den Tisch. „Warum bekam unsere Großmutter dann Geld von seiner Firma, wenn sie angeblich ausgenutzt wurde?“
„Genau das verstehe ich nicht.“
Klaus betrachtete den Kontoauszug auf dem Foto. „Vielleicht war es eine Auszahlung für eine Immobilie.“
„Welche Immobilie?“, fragte Nadine.
Klaus wurde still.
Dann erinnerte er sich.
Seine Mutter Elisabeth hatte als junges Mädchen einmal ein Haus erwähnt. Nicht in München, sondern außerhalb, irgendwo Richtung Starnberg. Klaus und Thomas hatten die Geschichte nie ernst genommen. Angeblich hatte das Gebäude Elisabeth gemeinsam mit ihrer Schwester gehört, doch nach einem Familienstreit sei es verkauft worden.
„Wann?“, fragte Sebastian.
„Sie sagte immer: lange vor unserer Geburt.“
Helga schüttelte langsam den Kopf. „Dann hat sie euch vielleicht belogen.“
Der Satz blieb im Raum hängen.
Nadine griff nach dem Schlüssel. „Wir müssen herausfinden, ob dieses Schließfach noch existiert.“
„Heute Nacht?“, fragte Klaus.
„Warum nicht?“
„Weil es fast Mitternacht ist.“
„Papa, vor zwei Stunden dachte ich noch, unser größtes Problem wäre, dass du zu spät zu deinem Geburtstag gekommen bist.“
Zum ersten Mal musste Sebastian trotz allem kurz lachen. Selbst Klaus’ Mundwinkel bewegten sich. Der Moment dauerte kaum eine Sekunde, aber er erinnerte Nadine daran, dass sie noch immer eine Familie waren.
Sie beschlossen, am nächsten Morgen zum Hauptbahnhof zu fahren. Helga wollte anschließend den Ordner ihres Vaters holen. Klaus bestand darauf, dass niemand Daniel kontaktierte, bevor sie die Unterlagen gesehen hatten.
Doch Daniel kam ihnen zuvor.
Um 6:17 Uhr klingelte Klaus’ Telefon.
Nadine hatte auf dem Sofa geschlafen, Sebastian im alten Kinderzimmer. Sie hörte ihren Vater im Flur sprechen und stand auf.
„Woher haben Sie diese Nummer?“, fragte Klaus.
Eine Pause.
Dann: „Was meinen Sie damit?“
Nadine trat in den Flur. Klaus bemerkte sie, sagte jedoch nichts.
„Nein“, sagte er ins Telefon. „Die Kassette war vollständig.“
Wieder eine Pause.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Welche zweite Kassette?“
Nadine war sofort hellwach.
Klaus stellte den Lautsprecher an.
Daniels Stimme klang ruhig, aber angespannt. „Meine Mutter hatte zwei Kassetten. Die erste war von Ingrid. Die zweite von meinem Vater.“
Klaus hielt sich am Türrahmen fest.
„Thomas hat eine Aufnahme gemacht?“
„Ja.“
„Wann?“
„Am 18. Oktober 1989.“
Niemand im Flur bewegte sich.
„Was sagt er darauf?“, fragte Nadine.
Daniel schwieg kurz, offenbar überrascht von ihrer Stimme. „Sie sind Nadine?“
„Ja.“
„Dann sollte Ihr Vater entscheiden, ob Sie das hören.“
„Wo ist die Kassette?“
„Nicht bei mir.“
Klaus schloss die Augen. „Wo dann?“
„Mein Vater sagt am Ende der Aufnahme, er habe das Original zusammen mit Dokumenten an einem sicheren Ort hinterlegt.“
Nadine blickte sofort auf den Messingschlüssel in Klaus’ Hand.
„Schließfach 214“, sagte sie.
Am anderen Ende wurde es still.
„Woher wissen Sie davon?“
Jetzt war Klaus an der Reihe zu schweigen.
Daniel atmete hörbar aus. „Dann hat Ingrid den Schlüssel tatsächlich behalten.“
„Was ist auf deiner Kopie?“, fragte Sebastian, der inzwischen aus dem Zimmer gekommen war.
„Nur etwa sieben Minuten. Das Band ist beschädigt.“
„Und was sagt Thomas?“
Daniel zögerte.
„Er sagt, Friedrich Winter habe ihn am Abend zuvor empfangen. Er habe ihm Unterlagen gezeigt und verlangt, dass Thomas München verlässt.“
Helga war inzwischen ebenfalls aufgestanden. Als sie den Namen ihres Vaters hörte, blieb sie im Türrahmen stehen.
„Warum?“, fragte Klaus.
„Weil Thomas herausgefunden hatte, wem das Geld wirklich gehörte.“
„Meiner Mutter?“
„Nein.“
Die Antwort kam sofort.
Klaus runzelte die Stirn.
Daniel sprach weiter. „Die hundertachtzigtausend Mark waren offenbar nur ein kleiner Teil.“
Nadine spürte, wie sich die Anspannung erneut steigerte.
„Ein kleiner Teil wovon?“
„Von einem Verkauf.“
„Welchem Verkauf?“
„Das weiß ich nicht. Genau an dieser Stelle ist meine Kopie beschädigt.“
Klaus fluchte leise.
„Aber ein Satz ist noch verständlich“, sagte Daniel.
Niemand unterbrach ihn.
„Mein Vater sagt: Wenn Klaus erfährt, was Ingrid unterschrieben hat, wird er verstehen, warum Friedrich Winter uns alle zum Schweigen bringen will.“
Klaus blickte zu Helga.
„Ingrid?“
Daniel bestätigte es.
Nadine musste sich setzen. Wieder ihre Mutter. Immer tiefer führte jede Antwort zu ihr zurück.
Eine Stunde später standen sie am Münchner Hauptbahnhof. Nach mehreren Gesprächen mit Mitarbeitern und einer beinahe halbstündigen Suche stellte sich heraus, dass die ursprüngliche Schließfachanlage längst entfernt worden war. Klaus’ Hoffnung sank sichtbar.
Dann fand ein älterer Mitarbeiter in einem internen Verzeichnis einen Hinweis.
Schließfach 214 war 1997 bei einem Umbau geöffnet worden.
„Und der Inhalt?“, fragte Nadine.
Der Mitarbeiter scrollte durch den Datensatz. „Nicht entsorgt. Wertgegenstände und Dokumente aus nicht zugeordneten Langzeitfächern wurden damals eingelagert.“
Klaus trat näher. „Wo?“
„Das müsste im alten Fundarchiv sein.“
Nach weiteren Formularen und einer Identitätsprüfung führte man sie schließlich in einen Verwaltungsbereich. Fast eine Stunde später brachte eine Mitarbeiterin einen staubigen grauen Behälter.
Darin lag ein kleiner Lederkoffer.
Der Messingschlüssel passte.
Klaus öffnete ihn.
Oben lagen Verträge, Kontoauszüge und mehrere Fotografien. Darunter tatsächlich eine Audiokassette.
Sebastian nahm währenddessen einen der Verträge heraus.
„Papa.“
Klaus reagierte nicht.
„Papa, sieh dir das an.“
Auf dem Dokument stand Kaufvertrag, 12. September 1989.
Verkäuferin war Elisabeth Hartmann, Klaus’ Mutter.
Käufer: Winter Immobilien GmbH.
Doch der Kaufgegenstand war keine Wohnung.
Es handelte sich um ein Mehrfamilienhaus mit Grundstück in München-Sendling.
Klaus wurde bleich. „Meine Mutter hatte kein Mehrfamilienhaus.“
Nadine nahm die nächste Seite.
Dort war der Kaufpreis angegeben.
1.480.000 DM.
Sebastian sah auf den Kontoauszug über 180.000 Mark.
„Wo sind die anderen 1,3 Millionen?“
Klaus blätterte weiter.
Dann fiel ein einzelnes Dokument aus der Mappe auf den Boden.
Nadine hob es auf.
Es war keine Rechnung und kein Vertrag, sondern eine handschriftliche Erklärung vom 17. Oktober 1989.
Darunter standen drei Unterschriften.
Thomas Hartmann.
Friedrich Winter.
Und als Zeugin:
Ingrid Hartmann.
Doch über den Unterschriften stand ein Satz, der Klaus das Dokument aus der Hand gleiten ließ.
Hiermit bestätige ich, Thomas Hartmann, dass Klaus Hartmann weder Kenntnis vom tatsächlichen Verkaufspreis noch vom Verbleib des restlichen Kaufbetrages hatte.
Klaus setzte sich auf den nächstgelegenen Stuhl.
Thomas hatte ihn nicht beschuldigt.
Im Gegenteil.
Sein Bruder hatte versucht, ihn zu entlasten.
Nadine hob das Blatt erneut auf. Auf der Rückseite standen mit anderer Handschrift sechs Zahlen.
Helga sah sie und wurde schlagartig blass.
„Ich kenne diese Zahlen.“
Alle blickten sie an.
„Das ist keine Kontonummer“, sagte sie.
„Was dann?“
Helga starrte auf die Zahlenfolge.
„Die Kombination für den alten Tresor meines Vaters.“
Klaus sah sie an. „Welchen Tresor?“
Helga antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Den Tresor, der noch immer im Keller meines Elternhauses steht.“
Dann fügte sie leise hinzu:
„Und ich habe ihn seit dem Tod meines Vaters kein einziges Mal geöffnet.“







No comments yet