Klaus hielt den Brief so fest, dass das alte Papier zwischen seinen Fingern knisterte. Niemand wagte zunächst, den letzten Satz zu wiederholen. Nadine stand ihm gegenüber und hatte das Gefühl, der Boden unter ihr sei verschwunden. Nadine ist nicht diejenige, für die sie sich hält. Es gab kaum eine Formulierung, die grausamer wirken konnte, weil sie alles offenließ.
„Mach ihn auf“, sagte Sebastian.
Klaus bewegte sich nicht.
„Papa.“
„Der Brief ist an Ingrid.“
Nadine lachte fassungslos. „Mama ist seit sieben Jahren tot.“
Klaus hob den Blick zu ihr. Etwas in seinem Gesicht erschreckte sie mehr als der Brief selbst. Es war Angst vor einer Möglichkeit, die offenbar auch ihm gerade erst bewusst wurde.
Nadine nahm ihm den Umschlag aus der Hand.
„Wenn dort etwas über mich steht, lese ich es.“
Daniel widersprach nicht.
Der Brief bestand aus vier eng beschriebenen Seiten. Thomas schrieb, dass er seit Jahren in Kanada lebe und Ingrid nicht kontaktieren wollte. Dann erklärte er, weshalb er 1989 tatsächlich gegangen war. Nicht Friedrich Winter hatte ihn vertrieben. Auch Klaus’ gefälschte Unterschrift war nicht der entscheidende Grund gewesen.
Thomas hatte erfahren, dass Elisabeth Hartmann die Unterschrift ihrer Schwester Margarete gefälscht und anschließend versucht hatte, das Haus heimlich zu verkaufen. Er wollte den Betrug offenlegen. Margarete jedoch hatte ihn in Salzburg davon abgehalten.
Sie selbst hatte einen Grund, keinen öffentlichen Skandal zu wollen.
„Was für einen Grund?“, fragte Sebastian.
Nadine las weiter.
Margarete hatte Thomas offenbart, dass das Mehrfamilienhaus ursprünglich gar nicht den beiden Schwestern allein gehört hatte. Ein dritter Anteil war jahrzehntelang verschwiegen worden. Der ursprüngliche Eigentümer, ihr Großvater, hatte ein uneheliches Kind gehabt. Dessen Nachkommen hätten ebenfalls Ansprüche stellen können. Friedrich Winter hatte davon erfahren und die komplizierten Besitzverhältnisse genutzt, um den Verkauf weit unter Wert abzuwickeln und einen Teil des Geldes über Firmen zu verschieben.
„Deshalb diese ganzen Konstruktionen“, sagte Helga leise.
Thomas schrieb weiter, dass Ingrid versucht habe, das Geld zu sichern, bis geklärt werden konnte, wem es tatsächlich zustand. Die IHB Verwaltung war keine Bereicherung gewesen. Sie war ein improvisierter Schutzschild.
Klaus setzte sich.
„Sie hat versucht, alles zu retten.“
Zum ersten Mal seit Beginn dieser Nacht lag Wärme in seiner Stimme, wenn er von Ingrid sprach.
Doch Nadine suchte bereits nach ihrem Namen.
Er stand erst auf der dritten Seite.
Was Nadine betrifft, musst du irgendwann selbst entscheiden, wann du es Klaus erzählst. Aber lass ihn nicht glauben, dass ich ihr Vater bin. Das bin ich nicht.
Nadine hielt abrupt inne.
Sebastian trat näher. „Lies weiter.“
Sie konnte nicht.
Klaus nahm ihr vorsichtig den Brief ab.
Seine Stimme zitterte.
Ich weiß, dass du Angst hast, Klaus zu verlieren, wenn er erfährt, dass Nadine nicht im Krankenhaus geboren wurde, in dem ihr es später angegeben habt. Aber dieses Geheimnis gehört nicht nur dir. Irgendwann gehört es Nadine.
Klaus verstummte.
Nadine sah ihn an.
„Was bedeutet das?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ich bin deine Tochter, oder?“
Klaus wurde bleich. „Natürlich bist du meine Tochter.“
„Biologisch.“
Er stand sofort auf. „Nadine, ich war bei deiner Geburt nicht dabei. Ich hatte Nachtdienst. Deine Mutter sagte, die Wehen hätten früher begonnen. Als ich ins Krankenhaus kam, lagst du bereits in ihren Armen.“
Nadine erinnerte sich an eine Geschichte, die sie hundertmal gehört hatte. Klaus war mit seinem Bus mitten in der Schicht gewesen. Ein Kollege hatte ihn abgelöst. Er war mit Blumen ins Krankenhaus gerannt.
Nur hatte Ingrid offenbar über das Krankenhaus gelogen.
Daniel zeigte auf den Brief. „Thomas schreibt ausdrücklich, dass er nicht Ihr Vater war.“
„Das macht es nicht besser.“
Nadine ging einige Schritte weg. Ihre Kindheit, ihr Name, ihr Geburtstag – plötzlich erschien ihr alles überprüfungsbedürftig.
Helga nahm die vierte Seite.
„Hier steht noch etwas.“
Thomas erklärte, Ingrid habe ihn 1989 gebeten, niemals über Nadines Geburt zu sprechen. Er habe zugestimmt, weil die Wahrheit eine andere Familie zerstört hätte. Danach folgte ein Satz, der teilweise durch einen Wasserfleck unleserlich geworden war.
Nur einzelne Worte blieben:
…Kind vertauscht… Klinik… Ingrid bemerkte… drei Tage später…
Sebastian nahm Helga das Blatt ab.
„Vertauscht?“
Nadine wurde schwindelig.
Klaus schüttelte sofort den Kopf. „Nein. Das ist unmöglich.“
Daniel blieb bemerkenswert ruhig. „Nicht unbedingt.“
Alle sahen ihn an.
„Meine Mutter wusste davon.“
„Was wusste Marianne über meine Geburt?“, fragte Nadine.
Daniel zögerte.
„Sie sagte mir einmal, Ingrid habe jahrzehntelang nach einer Frau gesucht.“
„Welcher Frau?“
„Das wusste ich damals nicht.“
Klaus plötzlich schon.
Er griff sich an die Stirn.
„Sabine.“
Nadine sah ihn an. „Wer ist Sabine?“
„Ich dachte immer, sie wäre eine alte Schulfreundin.“
Ingrid hatte über Jahre hinweg Weihnachtskarten an eine Sabine Reuter geschickt. Manchmal kamen Antworten. Später nicht mehr. Nach Ingrids Tod hatte Klaus die Adresse nicht weiter beachtet.
„Wo wohnte sie?“, fragte Daniel.
Klaus dachte nach.
„Früher Rosenheim.“
Daniel nahm sein Telefon heraus. Wenige Minuten später hatte Sebastian ebenfalls gesucht. Es gab mehrere Sabine Reuter. Doch eine alte Traueranzeige führte zu einer Familie, deren Namen Klaus kannte.
Sabine Reuter war vor zwei Jahren gestorben.
Sie hatte eine Tochter.
Geboren am selben Tag wie Nadine.
Im selben Jahr.
„Nein“, sagte Klaus.
Niemand antwortete.
Die Tochter hieß Katharina Reuter.
Nadine starrte auf das Foto aus einer öffentlich zugänglichen beruflichen Seite, das Sebastian gefunden hatte. Eine Frau Ende vierzig lächelte in die Kamera.
Nadine musste sich setzen.
Es war nicht so, dass Katharina ihr vollkommen ähnlich sah.
Aber die Augen.
Diese hellgrauen Augen hatte Klaus.
Und Sebastian.
Nadine dagegen hatte die dunkelbraunen Augen ihrer Mutter.
„Das beweist gar nichts“, sagte Klaus sofort.
„Nein“, antwortete Nadine. „Aber Mama wusste etwas.“
Daniel nahm den kanadischen Brief wieder an sich. „Thomas schreibt von drei Tagen.“
„Was soll das bedeuten?“
„Vielleicht hat Ingrid erst drei Tage nach der Geburt erfahren, dass etwas nicht stimmt.“
Helga blickte Klaus an. „Dann könnte Nadine tatsächlich versehentlich vertauscht worden sein.“
Klaus schlug mit der Hand auf die Werkbank. „Hört auf, über meine Tochter zu reden, als wäre sie ein Gegenstand!“
Stille.
Nadine sah ihn an.
Klaus’ Augen waren feucht.
„Du bist meine Tochter“, sagte er. „Was auch immer auf irgendeinem Stück Papier steht.“
Zum ersten Mal an diesem Abend brach etwas in Nadine. Sie ging zu ihm und ließ sich von ihrem Vater umarmen. Nicht weil ihre Angst verschwunden war, sondern weil sie plötzlich verstand, dass Klaus dieselbe Angst hatte: Sie zu verlieren.
Daniel wartete, bis sie sich voneinander lösten.
„Es gibt eine Möglichkeit, herauszufinden, was damals passiert ist.“
Nadine wischte sich über die Augen. „Katharina.“
„Ja.“
Sebastian schüttelte den Kopf. „Wir können doch nicht bei einer fremden Frau auftauchen und sagen, vielleicht bist du unsere Schwester.“
„Nein“, sagte Nadine. „Aber ich will die Wahrheit.“
Klaus schwieg lange.
Dann nickte er.
Am Nachmittag gelang es Daniel über eine frühere Geschäftsadresse, eine Telefonnummer von Katharina zu finden. Nadine brauchte fast zehn Minuten, bevor sie anrief.
Eine Frauenstimme meldete sich.
„Reuter?“
Nadine brachte zunächst kaum ein Wort heraus.
„Mein Name ist Nadine Hartmann. Sie kennen mich nicht.“
Stille.
Dann hörte sie Katharina scharf einatmen.
„Hartmann?“
Nadine sah Klaus an.
„Ja.“
Am anderen Ende blieb es mehrere Sekunden vollkommen ruhig.
Dann sagte Katharina etwas, womit niemand gerechnet hatte.
„Ich habe mich gefragt, wann Sie anrufen.“
Nadine umklammerte das Telefon.
„Sie wissen, wer ich bin?“
„Nicht genau. Aber meine Mutter hat mir vor ihrem Tod einen Brief hinterlassen. Darin steht Ihr Name.“
Klaus trat näher.
„Was steht darin?“, fragte Nadine.
Katharinas Stimme wurde unsicher.
„Dass ich niemals einen DNA-Test machen soll, falls eine Nadine Hartmann mich findet.“
Nadine spürte, wie ihr Herz zu rasen begann.
„Warum?“
„Das hat sie nicht erklärt.“
Eine Pause.
Dann fügte Katharina leise hinzu:
„Aber sie hat mir noch etwas hinterlassen. Zwei Geburtsarmbänder aus dem Krankenhaus.“
Nadine schloss die Augen.
„Welche Namen stehen darauf?“
Katharina antwortete nicht sofort.
Als sie schließlich sprach, wurde selbst Klaus vollkommen still.
„Auf einem steht Katharina Reuter.“
Sie atmete hörbar ein.
„Auf dem anderen steht Nadine Hartmann.“
Nadine wollte fragen, warum Sabine beide Armbänder besessen hatte.
Doch Katharina sprach bereits weiter.
„Und auf der Rückseite des Briefes hat meine Mutter einen einzigen Satz geschrieben.“
Ihre Stimme brach.
„Es war keine Verwechslung. Ingrid und ich haben die Babys zurückgetauscht, nachdem unsere Männer bereits glaubten, sie wären ihre Töchter.“







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