Unterhaltung

Ich Kontrollierte Die Schulden Der Familie Meines Freundes – Bis Seine Mutter Mich Auf Der Jacht Demütigte Und Nicht Wusste, Wen Sie Wirklich Vor Sich Hatte

Viktorias „Nein“ hing noch immer zwischen uns, obwohl niemand mehr etwas sagte. Es war nur ein einziges Wort gewesen, doch zum ersten Mal an diesem Nachmittag hatte sie etwas gezeigt, das sich nicht hinter Arroganz oder Verachtung verstecken ließ: Angst. Nicht um Olivia. Nicht um Jonas. Um das, was wir finden könnten.

„Warum soll Clara nicht in ihr eigenes Café fahren?“, fragte Jonas.

Viktoria fasste sich schnell. „Weil ihr gerade dabei seid, aus den wirren Nachrichten deiner Schwester eine Verschwörung zu machen.“

„Du hast eben noch behauptet, Olivia sei in Zürich.“

„Das habe ich angenommen.“

„Nein.“ Jonas trat näher. „Du hast gesagt, sie hätte dir geschrieben.“

Richard hob die Hand. „Genug.“

Doch diesmal gehorchte Jonas nicht.

Ich sah meinen Anwalt an. „Sorgen Sie dafür, dass niemand die Jacht verlässt, der für die laufende Prüfung relevant ist. Und sichern Sie sämtliche Unterlagen.“

Richard lachte bitter. „Du kannst uns nicht festhalten.“

„Ich halte niemanden fest. Aber jedes Dokument, jedes Gerät und jeder Vermögenswert, der Bestandteil der Finanzierung ist, wird gesichert.“

Dann wandte ich mich an Jonas.

„Kommst du?“

Er nickte.

Viktoria griff nach seinem Arm.

„Jonas, wenn du jetzt mit ihr gehst, machst du alles schlimmer.“

Er blickte auf ihre Hand und dann in ihr Gesicht.

„Für wen?“

Sie ließ ihn los.

Vierzig Minuten später hielt mein Wagen vor dem Café in Eimsbüttel. Die Nachmittagssonne war inzwischen hinter grauen Wolken verschwunden. Das vertraute Schild über der Tür bewegte sich leicht im Wind. Normalerweise beruhigte mich dieser Ort. Der Geruch nach Kaffee, Holz und frischem Gebäck hatte mich jahrelang daran erinnert, dass es Dinge gab, die ich selbst aufgebaut hatte.

Heute fühlte sich das Café fremd an.

Meine Filialleiterin Mara stand hinter dem Tresen.

„Clara? Ich dachte, du bist auf dieser Feier.“

Dann sah sie mein noch immer fleckiges Kleid.

„Was ist passiert?“

„Später. War Olivia Hartmann in den letzten Tagen hier?“

Mara runzelte die Stirn.

„Jonas’ Schwester?“

„Ja.“

Sie dachte kurz nach.

„Dienstag.“

Jonas und ich sahen uns an.

Zwei Tage vor Olivias Verschwinden.

„Wann?“

„Kurz vor Feierabend. Vielleicht halb neun.“

„War sie allein?“

Mara nickte zunächst, hielt dann inne.

„Als sie reinkam, ja.“

„Und später?“

„Da war dieser Mann.“

Jonas spannte sich an.

„Welcher Mann?“

„Keine Ahnung. Mitte fünfzig vielleicht. Dunkler Mantel. Er hat draußen gewartet.“

„Hat er mit Olivia gesprochen?“

„Nicht hier drin. Aber sie hat ständig durch das Fenster geschaut.“

Ich ging hinter den Tresen.

„Hat sie dir etwas gegeben?“

Mara schüttelte den Kopf.

Dann wurde ihr Blick unsicher.

„Nicht direkt.“

„Was bedeutet das?“

„Sie fragte, ob sie kurz deine Toilette benutzen könne. Danach wollte sie wissen, ob der Keller noch immer über die alte Treppe erreichbar ist.“

Mein Magen zog sich zusammen.

Der Keller.

Das Gebäude war mehr als hundert Jahre alt. Als ich es gekauft hatte, hatten wir den Gastraum vollständig renoviert, aber unter dem Café befand sich noch immer ein schmaler Lagerkeller mit einem zweiten, seit Jahren kaum benutzten Zugang zum Hinterhof.

„Wie lange war sie unten?“

„Vielleicht zehn Minuten.“

Jonas war bereits auf dem Weg zur Kellertür.

Ich hielt ihn zurück.

„Nichts anfassen.“

Er sah mich ungeduldig an.

„Meine Schwester könnte in Gefahr sein.“

„Genau deshalb.“

Ich rief meinen Anwalt an und bat ihn, jemanden zur Dokumentation zu schicken. Trotzdem gingen Jonas und ich hinunter.

Die Holzstufen knarrten unter unseren Füßen. Im Keller roch es nach Staub, Kartons und gerösteten Kaffeebohnen. Ich schaltete das Licht ein.

Auf den ersten Blick war nichts verändert.

Regale. Ersatzgeschirr. Getränkekisten. Ein alter Schreibtisch, den ich nach der Renovierung nie entsorgt hatte.

Jonas begann die Regale abzusuchen.

„Olivia hätte nicht ohne Grund hierherkommen können.“

„Sie kannte diesen Keller nicht einmal.“

„Offenbar doch.“

Dieser Gedanke störte mich.

Woher?

Ich ging zum alten Schreibtisch. Auf seiner Oberfläche lag eine dünne Staubschicht.

Bis auf eine Stelle.

Ein schmales Rechteck war sauber.

Dort hatte kürzlich etwas gelegen.

„Jonas.“

Er kam herüber.

Ich öffnete die oberste Schublade.

Leer.

Die zweite ebenfalls.

Bei der dritten klemmte das Holz. Ich zog stärker.

Nichts.

Dann bemerkte ich einen winzigen Kratzer am Rahmen.

Frisch.

Jemand hatte die Schublade geöffnet.

Oder versucht, sie aufzubrechen.

Jonas kniete sich hin. „Warte.“

Er tastete unter die Tischplatte und hielt plötzlich inne.

Mit zwei Fingern zog er einen kleinen schwarzen Schlüssel hervor, der mit Klebeband darunter befestigt worden war.

Daran hing ein Anhänger.

214.

„Schließfach?“, fragte er.

„Wahrscheinlich.“

In diesem Moment hörten wir oben etwas fallen.

Dann Maras Stimme.

„Hey! Sie dürfen da nicht rein!“

Jonas rannte sofort die Treppe hinauf.

Ich folgte ihm.

Als wir den Gastraum erreichten, stand die Hintertür offen.

Mara zeigte erschrocken darauf.

„Ein Mann. Er kam durch die Küche.“

„Der Mann von Dienstag?“

Sie war kreidebleich.

„Ich glaube ja.“

Jonas wollte hinauslaufen.

„Nein.“ Ich packte seinen Arm. „Wenn er Olivia verfolgt hat, rennst du ihm nicht blind hinterher.“

Er atmete schwer, blieb aber stehen.

Mara sah auf den Schlüssel in meiner Hand.

„Das hatte Olivia übrigens auch.“

Ich erstarrte.

„Was?“

„So einen Schlüssel. Als sie gegangen ist.“

„Mit derselben Nummer?“

„Die Nummer habe ich nicht gesehen.“

Jonas zog sein Telefon heraus.

„Dann finden wir heraus, welche Bank Schließfächer mit solchen Schlüsseln verwendet.“

„Vielleicht ist es keine Bank.“

Ich betrachtete den Anhänger.

Keine Gravur. Kein Logo.

Nur 214.

Dann fiel mir etwas auf.

Auf der Rückseite befand sich ein winziger blauer Aufkleber.

Ich kannte dieses Blau.

„Das ist kein Bankschließfach.“

Jonas sah mich an.

„Woher weißt du das?“

„Weil ich diese Schlüssel schon gesehen habe.“

Zwölf Minuten später standen wir vor einem privaten Lagerhaus unweit der Speicherstadt. Meine Vermögenstreuhand hatte dort früher Archivflächen gemietet. Im Untergeschoss gab es kleine Sicherheitsboxen für vertrauliche Unterlagen.

Box 214 lag am Ende eines schmalen Korridors.

Der Schlüssel passte.

Jonas stand hinter mir, während ich die Metalltür öffnete.

Darin lag kein Geld.

Kein Schmuck.

Nur ein brauner Umschlag, ein USB-Stick und ein altes Foto.

Ich nahm zuerst das Foto heraus.

Darauf standen Richard und Viktoria, deutlich jünger, neben einem Mann, den ich nicht kannte.

Zwischen ihnen befand sich eine vierte Person.

Eine Frau.

Ich brauchte einige Sekunden, bis ich verstand, warum mir ihr Gesicht bekannt vorkam.

Jonas flüsterte plötzlich:

„Das kann nicht sein.“

„Wer ist sie?“

Er nahm das Foto.

Seine Hände begannen zu zittern.

„Meine Tante Helena.“

„Was ist daran ungewöhnlich?“

Jonas sah mich an.

„Helena ist vor zweiundzwanzig Jahren gestorben.“

Unter dem Foto lag ein handgeschriebener Zettel.

Nur eine Zeile.

Clara muss erfahren, warum Helena Berger nicht Helena Hartmann hieß.

Mein Atem stockte.

Berger.

Mein Nachname.

Ich drehte das Foto um.

Auf der Rückseite hatte Olivia ein Datum notiert und darunter drei Worte:

Frag deine Mutter.

Doch sie hatte nicht geschrieben, wessen Mutter sie meinte.

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