Jonas starrte auf das Geburtsdatum, als könnte sich die Zahl verändern, wenn er nur lange genug hinsah.
„Das ergibt keinen Sinn.“
Mir ging es genauso. Mein Vater war ursprünglicher Begünstigter einer Stiftung gewesen, deren Vermögen über dieselben verschachtelten Strukturen lief, die wir seit Stunden mit den Hartmanns verbanden. Und nach seinem Tod sollte ausgerechnet Jonas davon profitieren.
„Wann wurde Jonas als Nachfolger eingetragen?“, fragte ich.
Mein Anwalt überprüfte das Dokument.
„Nicht 2007. Die Nachfolgeregelung wurde 2019 ergänzt.“
„Von wem?“
„Das ist verschlüsselt. Wir brauchen die vollständigen Treuhandunterlagen.“
Helena trat näher.
„2019.“
Ihre Stimme klang plötzlich anders.
„Was war 2019?“, fragte Jonas.
Sie sah ihn an.
„Olivia war damals achtzehn.“
Jonas schüttelte den Kopf. „Was hat das damit zu tun?“
„Vielleicht alles.“
Bevor Helena weitersprechen konnte, klingelte mein Telefon.
Olivia.
Diesmal ging Jonas sofort neben mich.
„Liv?“
Schweres Atmen.
Dann ihre Stimme.
„Ist Helena bei euch?“
„Ja.“
„Dann geh von ihr weg.“
Helena erstarrte.
„Warum?“, fragte ich.
„Weil Eva verschwunden ist.“
„Was?“
„Sie sollte vor einer Stunde zurückkommen. Ihr Telefon liegt hier.“
„Wo ist hier?“
Olivia schwieg.
„Olivia, wenn Eva in Gefahr ist, brauchen wir deinen Standort.“
„Nein.“
„Du kannst dich nicht gleichzeitig verstecken und erwarten, dass wir dir helfen.“
Jonas beugte sich zum Telefon.
„Bitte, Liv.“
Lange Stille.
Dann sagte sie:
„Altona. Alte Druckerei an der Gaußstraße.“
Helena griff sofort nach ihrem Mantel.
„Wir müssen los.“
„Du bleibst hier“, sagte Olivia aus dem Lautsprecher.
Helena hielt inne.
„Olivia—“
„Du hast mich belogen.“
Das Gesicht meiner Tante veränderte sich.
„Worüber?“
„Über Paul.“
Ich sah Helena an.
„Was hat sie dir erzählt?“
„Dass dein Vater 2008 nur Beweise gegen Richard gesammelt hat.“
„Das stimmt.“
„Nein.“
Olivia wurde lauter.
„Er hat selbst Geld durch Nordkap bewegt.“
Niemand sprach.
Ich dachte an die zwei Millionen aus der Treuhand. An meinen Vater, dessen Bild innerhalb weniger Stunden vom Opfer zum Beteiligten und wieder zurück gewechselt hatte.
„Wie viel?“
„Fast zwölf Millionen Euro.“
Meine Mutter setzte sich.
„Unmöglich.“
„Ich habe die Konten gesehen.“
„Wohin ging das Geld?“
„In die Stiftung.“
Jonas sah wieder auf das Dokument.
„Dann hat Paul die Stiftung selbst finanziert.“
„Zum Teil.“
„Warum sollte er dann mich als Nachfolger einsetzen? Ich war 2008 ein Kind.“
Olivia schwieg.
„Das ist die falsche Frage.“
„Welche ist die richtige?“
„Warum wurde dein Name erst 2019 eingetragen?“
Helena stand vollkommen regungslos.
Ich sah sie an.
„Du weißt es.“
„Nein.“
„Helena.“
„Ich habe eine Vermutung.“
„Dann sag sie.“
Doch Olivia kam ihr zuvor.
„2019 hat Viktoria herausgefunden, dass die Stiftung noch existiert.“
Ich spürte, wie sich die einzelnen Teile langsam bewegten.
„Sie hat Jonas eingetragen.“
„Ja.“
Jonas lachte fassungslos.
„Warum sollte meine Mutter mir heimlich Millionen hinterlassen, die Clara zufolge ihrer Familie gehören könnten?“
Olivia antwortete sehr leise.
„Vielleicht wollte sie sie dir nicht hinterlassen.“
„Was dann?“
„Vielleicht brauchte sie deinen Namen.“
Das kannte ich inzwischen.
Namen als Werkzeuge.
Unterschriften als Waffen.
Menschen als Sicherheiten.
„Olivia, bleib dort“, sagte ich. „Wir kommen.“
Vierzig Minuten später erreichten Jonas, mein Anwalt, zwei Sicherheitsleute und ich die alte Druckerei. Helena hatte ich gegen ihren Protest bei meiner Mutter zurückgelassen.
Das Gebäude wirkte verlassen.
Olivia öffnete uns selbst.
Jonas zog sie sofort an sich.
Für einige Sekunden war alles andere unwichtig.
„Du Idiotin“, flüsterte er.
Olivia begann zu weinen.
„Tut mir leid.“
„Mach das nie wieder.“
„Kann ich nicht versprechen.“
Trotz allem musste Jonas kurz lachen.
Dann sah ich den Raum hinter ihr.
Laptops.
Akten.
Ausgedruckte Kontoauszüge.
Eine ganze Wand voller Namen und Verbindungslinien.
„Du hast hier eine eigene Untersuchung aufgebaut.“
Olivia wischte sich die Augen.
„Seit sechs Monaten.“
„Wo ist Eva?“
Ihr Gesicht wurde wieder ernst.
„Ich weiß es nicht.“
Auf dem Tisch lag Evas Handy.
Daneben eine Tasse Kaffee.
Noch nicht vollständig kalt.
„Sie ist freiwillig gegangen?“
„Ich dachte zuerst ja. Dann habe ich ihre Tasche gefunden.“
Olivia zeigte auf einen Stuhl.
Portemonnaie.
Autoschlüssel.
Ausweis.
Alles da.
Mein Sicherheitsleiter begann sofort, das Gebäude zu überprüfen.
Ich ging zur Wand.
In der Mitte hing ein Foto meines Vaters.
Daneben Richard.
Viktoria.
Keller.
Helena.
Meine Mutter.
Und zwei weitere Personen.
Eine davon kannte ich nicht.
„Wer ist der Mann?“
Olivia trat neben mich.
„Sebastian Falk.“
„Noch nie gehört.“
„War früher Wirtschaftsprüfer bei der Hartmann Holding. Verschwand 2009 aus Deutschland.“
„Tot?“
„Nein. Lebt vermutlich in Portugal.“
„Und die Frau?“
Olivia sah mich an.
„Das ist komplizierter.“
Das Foto zeigte eine junge Frau vor einem Krankenhaus. Vielleicht Ende zwanzig.
„Name?“
„Anna Weiss.“
Auch dieser Name sagte mir nichts.
„Was hat sie damit zu tun?“
Olivia öffnete einen Ordner.
„Sie arbeitete 2008 im Labor von Dr. Keller.“
Mein Puls beschleunigte sich.
„Die Blutprobe.“
„Genau.“
„Hast du sie gefunden?“
„Anna Weiss starb 2011 bei einem Autounfall.“
Wieder eine Sackgasse.
Doch Olivia schob mir ein zweites Dokument hin.
„Sie hatte eine Tochter.“
„Und?“
„Die Tochter lebt.“
„Wo?“
Olivia antwortete nicht.
Stattdessen zeigte sie auf das Geburtsdatum des Kindes.
Dann auf den Namen des Vaters.
Das Feld war leer.
„Warum ist das wichtig?“
„Weil Anna kurz vor ihrem Tod einen Brief an einen Anwalt geschickt hat. Darin behauptete sie, sie habe 2008 eine Blutprobe aus dem Krankenhaus mitgenommen.“
Mein Herz setzte beinahe aus.
„Von meinem Vater?“
„Ja.“
„Dann existiert sie vielleicht noch.“
„Vielleicht.“
Jonas trat zu uns.
„Und ihre Tochter weiß, wo sie ist?“
Olivia sah ihn an.
„Das versuche ich herauszufinden.“
In diesem Moment kam der Sicherheitsleiter zurück.
„Frau Berger.“
Sein Gesicht war angespannt.
„Wir haben hinten eine offene Tür gefunden.“
„Spuren?“
„Jemand war dort.“
„Eva?“
„Vielleicht.“
Er hielt mir etwas hin.
Einen kleinen silbernen Ohrring.
Olivia wurde blass.
„Der gehört Eva.“
Jonas sah zur Tür.
„Dann wurde sie mitgenommen.“
„Oder sie wollte, dass wir das glauben“, sagte ich.
Olivia schüttelte sofort den Kopf.
„Eva würde mich nicht verraten.“
Ich hatte inzwischen zu viele Menschen gehört, die diesen Satz über jemanden gesagt hatten.
Dann vibrierte Evas Telefon auf dem Tisch.
Eine neue Nachricht.
Absender unbekannt.
Olivia öffnete sie.
Wenn ihr Eva wiedersehen wollt, hört auf, nach Anna Weiss zu suchen.
Darunter erschien ein zweiter Satz.
Die Blutprobe beweist nicht, was ihr glaubt. Sie beweist, wer Claras Vater wirklich war.
Niemand bewegte sich.
Ich spürte, wie Jonas mich ansah.
„Was soll das bedeuten?“
Bevor ich antworten konnte, ertönte ein weiteres Signal.
Diesmal war es keine Nachricht.
Eine geplante E-Mail wurde automatisch auf Evas Telefon zugestellt.
Empfänger: Clara Berger.
Betreff:
Falls ich nicht zurückkomme.
Ich öffnete sie.
Nur drei Zeilen.
Clara, vertraue keiner Abstammungsgeschichte, bevor du die Probe selbst gesehen hast.
Paul Berger hat 2008 nicht versucht herauszufinden, wer dein Vater war.
Er wollte beweisen, dass Jonas Hartmann nicht Richards Sohn ist.







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