Ich ging den Flur entlang, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich lief. Für einen Mann, der es gewohnt war, dass sich Türen auf einen Anruf hin öffneten und Menschen auf jedes seiner Worte reagierten, war dieses Gefühl der völligen Orientierungslosigkeit beinahe unerträglich. Der Arzt war nicht einfach irgendwo abgebogen. Er war verschwunden. Innerhalb weniger Sekunden.
„Lukas.“
Natalies Stimme hielt mich zurück.
Ich drehte mich um. Sie stand noch immer bei den Zwillingen, eine Hand auf der Schulter des Jungen, während das Mädchen sich eng an ihr Bein schmiegte. In ihrem Gesicht lag etwas, das ich früher hätte erkennen müssen: Angst. Nicht die Angst vor mir. Eine viel ältere Angst.
„Du musst mir jetzt sagen, was hier passiert“, sagte ich.
Natalie schüttelte langsam den Kopf. „Nicht hier.“
„Warum nicht?“
Sie sah sich im Flur um. Zwei Krankenschwestern schoben einen Wagen vorbei. Eine Familie saß einige Meter entfernt auf Plastikstühlen. Niemand schien uns besondere Aufmerksamkeit zu schenken, und trotzdem senkte Natalie ihre Stimme.
„Weil ich nicht weiß, wem ich noch vertrauen kann.“
Der Satz traf mich härter als jede Anschuldigung.
„Du wusstest davon?“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich wusste, dass etwas mit unseren alten Befunden nicht stimmte.“
„Seit wann?“
Sie antwortete nicht sofort. Stattdessen kniete sie sich vor die Kinder und strich dem Mädchen eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Geht bitte mit Frau Keller. Sie wartet am Ende des Flurs.“
Das Mädchen wollte ihre Hand nicht loslassen.
„Mama, willst du wieder weglaufen?“
Natalie erstarrte.
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog.
„Ich laufe nicht weg“, sagte Natalie sanft. „Ich muss nur mit ihm reden.“
Der Junge sah mich an. Diesmal war keine kindliche Neugier mehr in seinem Gesicht. Nur Vorsicht.
„Ist er böse?“
Natalie schloss kurz die Augen.
„Nein“, flüsterte sie. „Er weiß nur noch nicht, was passiert ist.“
Die Kinder gingen schließlich mit der Krankenschwester davon. Ich sah ihnen nach, bis sie hinter einer Tür verschwanden.
Dann wandte ich mich wieder Natalie zu.
„Sechs Jahre“, sagte ich leise. „Sie sind sechs Jahre alt.“
Sie nickte.
„Und du hast nie versucht, mich zu kontaktieren?“
Ein bitteres Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Ich habe es versucht.“
Ich glaubte ihr nicht.
„Wann?“
„Mehrmals.“
„Ich habe nie etwas bekommen.“
„Ich weiß.“
Ihre Antwort ließ mich verstummen.
Wir gingen in einen kleinen, fast leeren Wartebereich. Natalie setzte sich ans Fenster. Ich blieb stehen.
„Erzähl mir alles.“
Sie sah hinaus auf den grauen Hamburger Himmel.
„Nach unserer Scheidung stellte ich fest, dass ich schwanger war.“
Mein Herz setzte aus.
„Was?“
„Ich wusste es selbst erst einige Wochen später.“
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits überzeugt war, dass du mich für die Ursache unserer Kinderlosigkeit gehalten hast.“
„Das habe ich nie gesagt.“
„Nein.“ Sie sah mich an. „Aber du hast es mich spüren lassen.“
Ich senkte den Blick.
Sie hatte recht.
Die Erkenntnis war schlimmer als jede Anschuldigung.
„Als ich erfuhr, dass es Zwillinge waren, wollte ich dich anrufen. Aber am selben Tag bekam ich Besuch.“
„Von wem?“
Natalie zögerte.
„Von einem Mann, den ich aus der Kinderwunschklinik kannte.“
„Wie hieß er?“
„Dr. Stefan Reuter.“
Der Name sagte mir zunächst nichts.
„Er sagte mir, dass es besser wäre, wenn du nichts von den Kindern erfährst.“
Ich starrte sie an.
„Und du hast ihm geglaubt?“
„Nein.“
„Dann warum—“
„Weil er mir deine angeblich unterschriebene Erklärung zeigte.“
Sie griff in ihre Tasche und zog einen kleinen Umschlag hervor.
„Darin stand, dass du keinerlei Kontakt zu mir oder möglichen Kindern möchtest.“
Mir wurde kalt.
„Das würde ich niemals unterschreiben.“
„Das weiß ich heute.“
„Und damals?“
Ihre Stimme brach.
„Damals wollte ich dir glauben. Aber ich war gerade allein, schwanger und hatte Angst. Und kurz darauf verschwanden meine ursprünglichen Krankenakten.“
Ich nahm den Umschlag nicht.
„Wo sind sie jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Dann warum bist du heute hier?“
Natalie sah mich lange an.
„Weil vor drei Tagen jemand meine Wohnung durchsucht hat.“
Ich trat näher.
„Was wurde gestohlen?“
„Nichts Wertvolles.“
„Was dann?“
Sie öffnete den Mund, doch plötzlich hörten wir Schritte auf dem Flur.
Natalie wurde blass.
„Wir müssen gehen.“
„Warum?“
Sie griff nach meiner Hand.
„Weil der Arzt nicht verschwunden ist.“
„Was?“
Sie zog mich vom Fenster weg.
„Er wurde vor zehn Minuten von zwei Männern aus dem Krankenhaus gebracht.“
Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog.
„Woher weißt du das?“
Natalie sah mich an.
„Weil ich einen von ihnen kenne.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
Eine neue Nachricht.
Kein unbekannter Absender diesmal.
Eine Nummer, die ich seit acht Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Darunter standen nur sechs Worte:
**Lukas, frag Natalie, wer der Vater ist.**







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