Das Foto zitterte zwischen meinen Fingern. Ich betrachtete meinen Vater, als könnte ich durch die verblasste Aufnahme hindurch in eine Vergangenheit sehen, die ich acht Jahre lang für abgeschlossen gehalten hatte. Er stand vor dem Eingang der Kinderwunschklinik, den Mantelkragen hochgeschlagen, eine Hand am Telefon. Neben ihm war Dr. Stefan Reuter zu erkennen. Beide wirkten nicht wie zwei Männer, die sich zufällig begegnet waren. Sie sprachen miteinander, als würden sie auf jemanden warten.
„Das ist unmöglich“, flüsterte ich.
Natalie antwortete nicht.
„Mein Vater war nie in dieser Klinik.“
„Doch.“
„Warum?“
Sie schluckte schwer. „Weil er wusste, was mit unseren Befunden passiert war.“
Ich hob den Blick. „Seit wann weißt du das?“
„Seit sechs Jahren.“
Wut stieg in mir auf. Nicht plötzlich, sondern langsam, heiß und schwer. „Sechs Jahre? Du hattest dieses Foto sechs Jahre lang?“
„Nein.“
„Dann woher hast du es?“
„Ich bekam es gestern.“
„Von wem?“
Natalie sah auf den Umschlag. „Von derselben Person, die mich gewarnt hat, dass die Kinder in Gefahr sind.“
„Und wer ist das?“
Sie schwieg.
Ich trat einen Schritt auf sie zu. „Natalie, zwei Kinder wurden gerade aus einem Krankenhaus entführt. Wenn du noch irgendein Geheimnis vor mir verbirgst, könnte es sie das Leben kosten.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich wollte dich schützen.“
„Vor wem?“
„Vor deiner eigenen Familie.“
Der Satz traf mich härter als alles zuvor.
Mein Vater war vor acht Jahren gestorben. Ein Herzinfarkt, hatte man mir damals gesagt. Sein Tod war ein sauberer Schnitt gewesen, eine Tragödie, aber keine offene Frage. Ich hatte seine Beerdigung organisiert, seine Unternehmen übernommen und jahrelang geglaubt, ich hätte alles über ihn gewusst.
Doch jetzt lag dieses Foto vor mir.
„Was hat mein Vater mit unseren Kindern zu tun?“
Natalie setzte sich auf einen Stuhl.
„Als ich damals schwanger wurde, bekam ich einen Anruf von deinem Vater.“
„Er wusste davon?“
„Er wusste nicht nur davon. Er wusste, dass du der Vater bist.“
Ich konnte nichts sagen.
„Er sagte mir, ich müsse verschwinden. Sofort. Er erklärte mir, dass dein Leben in Gefahr sei, wenn du von den Kindern erfährst.“
„Warum?“
„Weil es Menschen gab, die Zugriff auf dein Vermögen wollten. Menschen, die wussten, dass du ohne Erben irgendwann alles deiner Stiftung überlassen würdest.“
Ich schüttelte den Kopf. „Das klingt absurd.“
„Ich dachte dasselbe.“
„Und trotzdem bist du gegangen.“
„Weil er mir Beweise zeigte.“
Natalie zog mehrere alte Dokumente aus ihrem Umschlag. Kontoauszüge. Klinikunterlagen. Kopien von Überweisungen.
Ich erkannte den Namen einer Firma.
**Hartmann Beteiligungsverwaltung GmbH.**
Meine Hände wurden kalt.
„Diese Firma gehört mir.“
„Nicht vollständig.“
Ich sah sie fragend an.
„Dein Vater hatte vor seinem Tod eine geheime Beteiligung daran. Zusammen mit zwei weiteren Personen.“
„Wer?“
Natalie zeigte auf eine Unterschrift.
**Thomas Krämer.**
Mir wurde schlagartig klar, warum Thomas Zugang zu meinem Leben gehabt hatte. Warum er meine Termine kannte. Warum er wusste, wann ich in Kliniken war. Warum er nach unserer Scheidung plötzlich verschwunden war.
Doch ein Name darunter ließ mein Blut gefrieren.
**Evelyn Bergmann.**
„Nein.“
Natalie sah mich an.
„Doch.“
Ich wich zurück.
„Evelyn?“
„Ich wusste nicht, dass sie beteiligt war, bis gestern.“
Mein Handy klingelte.
Diesmal war es keine Nachricht.
Ein Anruf.
Auf dem Display stand eine Nummer ohne Namen.
Ich nahm ab.
„Wo sind meine Kinder?“
Am anderen Ende herrschte einige Sekunden Schweigen.
Dann hörte ich eine verzerrte Männerstimme.
„Sie sollten aufhören, Fragen über die Vergangenheit zu stellen.“
„Wenn du ihnen etwas antust—“
„Niemand wird ihnen etwas antun.“
„Dann bring sie zurück.“
Ein leises Lachen.
„Sie haben sechs Jahre lang ohne Sie gelebt. Sie können noch ein paar Stunden länger warten.“
Ich ballte die Faust.
„Was willst du? Geld?“
„Ihr Geld interessiert uns nicht.“
„Was dann?“
„Die Wahrheit.“
Die Verbindung brach ab.
Natalie stand inzwischen neben mir.
„Was hat er gesagt?“
Ich sah sie an.
„Er will, dass ich die Wahrheit herausfinde.“
Sie wurde blass.
„Dann weiß er etwas, das wir noch nicht wissen.“
Plötzlich erinnerte ich mich an etwas.
Mein Vater hatte in den letzten Monaten vor seinem Tod immer wieder von einem schwarzen Notizbuch gesprochen. Ich hatte es damals für eine private Sammlung von Geschäftskontakten gehalten. Nach seinem Tod war es jedoch nie gefunden worden.
„Natalie.“
„Ja?“
„Wo ist das schwarze Notizbuch?“
Sie sah mich an, als hätte sie auf genau diese Frage gewartet.
„Ich habe es.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Wo?“
„Nicht hier.“
Sie griff in ihre Tasche und holte einen kleinen Schlüssel hervor.
„Dein Vater hat mir diesen Schlüssel sechs Jahre ago gegeben. Er sagte, ich dürfe ihn dir erst zeigen, wenn du selbst herausfindest, dass deine Kinder existieren.“
Ich nahm den Schlüssel.
„Wozu gehört er?“
Natalie sah zur Krankenhausausgangstür.
„Zu einem Schließfach am Hamburger Hauptbahnhof.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy erneut.
Eine neue Nachricht erschien.
Ein Foto.
Emilia und Felix saßen nebeneinander auf einer Ledercouch. Sie waren unverletzt.
Doch hinter ihnen stand eine Frau.
Evelyn.
Darunter stand:
**Komm allein zum Schließfach. Und Lukas … bring Natalie nicht mit.**







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