„Wer hat das geschickt?“
Ich griff nach Lukas’ Handy, doch er zog es nicht weg. Die Nummer war nicht gespeichert. Keine weiteren Nachrichten. Kein Profilbild.
Nur diese zwei Sätze.
**GEH NICHT ZU DEM HAUS.**
**SOPHIE HÄTTE DEN BRIEF NIE SCHREIBEN DÜRFEN.**
„Ruf zurück“, sagte ich.
Lukas tat es sofort.
Eine automatische Stimme erklärte, dass die Nummer nicht erreichbar sei.
„Noch mal.“
Dasselbe Ergebnis.
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
„Jemand weiß, dass Sophie im Krankenhaus ist.“
„Und jemand weiß von ihrem Brief“, sagte Lukas.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zur Intensivstation.
Der Chirurg kam heraus.
Wir verstummten beide.
„Herr Wagner.“
Lukas steckte das Handy ein und ging ihm entgegen.
„Ist sie wach?“
„Nein. Aber ihre Werte sind im Moment stabil.“
„Im Moment?“
„Die nächsten Stunden bleiben kritisch. Ihr Körper hat eine enorme Belastung hinter sich.“
Lukas nickte, als müsste er sich zwingen, jedes Wort zu verstehen.
„Kann ich zu ihr?“
„Kurz.“
Der Arzt sah mich an.
„Sie können ebenfalls hinein, aber bitte nur für wenige Minuten.“
Ich hätte sofort Ja sagen sollen.
Stattdessen dachte ich an die weiße Kommode.
An die Schublade.
Und an den Menschen, der offenbar verhindern wollte, dass wir dorthin gingen.
Lukas bemerkte mein Zögern.
„Wir bleiben bei Sophie.“
„Und wenn jemand vor uns zum Haus fährt?“
Er erstarrte.
Wir wussten beide, dass ich recht hatte.
„Dann geh du“, sagte er schließlich.
„Allein?“
„Ich lasse Sophie jetzt nicht allein.“
Ich konnte ihm das nicht übel nehmen.
„Schick mir die Adresse“, sagte er. „Und ruf mich an, sobald du dort bist. Bleib die ganze Zeit am Telefon.“
Ich nickte.
Doch bevor ich ging, betrat ich Sophies Zimmer.
Der Anblick meiner Schwester traf mich härter als alles, was in diesem Flur gesagt worden war.
Sophie lag beinahe reglos zwischen Geräten und Schläuchen. Ihr Gesicht war blass. Ihre Haare waren zur Seite gestrichen worden.
Lukas setzte sich neben sie und nahm vorsichtig ihre Hand.
„Die Mädchen leben“, flüsterte er. „Beide. Hast du gehört? Unsere Töchter leben.“
Keine Reaktion.
Er küsste ihre Finger.
Ich stellte mich auf die andere Seite des Bettes.
Plötzlich erinnerte ich mich an Sophie mit sieben Jahren, wie sie wütend vor mir gestanden hatte, nachdem ein Junge auf dem Schulhof über sie gelacht hatte.
Ich hatte ihn angeschrien.
Später hatte Sophie zu mir gesagt: „Du musst nicht immer kämpfen.“
Damals hatte ich gelacht.
Jetzt verstand ich zum ersten Mal, dass sie vielleicht schon damals mehr gesehen hatte, als ich ihr zugetraut hatte.
Ich beugte mich zu ihr.
„Ich gehe zu Mamas Haus.“
Lukas sah auf.
„Ich finde heraus, was du entdeckt hast“, flüsterte ich. „Aber du wachst trotzdem auf und erklärst mir alles selbst. Verstanden?“
Ihre Hand bewegte sich nicht.
Ich küsste ihre Stirn und ging.
Das Haus unserer Mutter stand seit ihrem Tod leer. Sophie und ich hatten es noch nicht verkauft. Zu viele Erinnerungen, zu viele Dinge, über die wir uns später kümmern wollten.
Es war kurz nach Mitternacht, als ich davor parkte.
Die Straße lag still.
Ich rief Lukas an.
„Ich bin da.“
„Bleib dran.“
„Wie geht es ihr?“
„Unverändert.“
Ich schloss die Haustür auf.
Der vertraute Geruch traf mich sofort.
Holz. Alte Bücher. Ein Hauch des Parfüms unserer Mutter, obwohl das unmöglich sein musste.
„Ich bin drin.“
„Licht an.“
„Schon gemacht.“
Ich ging die Treppe hinauf.
Sophies altes Zimmer war fast genauso geblieben wie früher. An der Wand hingen noch kleine Sterne. Auf dem Regal standen Fotos.
Und an der gegenüberliegenden Wand stand die weiße Kommode.
„Ich sehe sie.“
Lukas atmete hörbar aus.
Ich kniete mich hin und zog die unterste Schublade heraus.
Nichts.
„Da ist nichts.“
„Sophie sagte dahinter.“
Ich zog stärker.
Die Schublade klemmte.
Dann löste sie sich plötzlich, und ich fiel beinahe nach hinten.
Hinter der Kommode war ein schmaler Umschlag mit Klebeband befestigt.
„Lukas.“
„Was?“
„Ich habe etwas.“
Ich zog den Umschlag hervor.
Mein Name stand darauf.
Nicht in Sophies Handschrift.
In der Handschrift meiner Mutter.
Meine Knie wurden weich.
„Was steht drauf?“
„Mein Name.“
Ich öffnete den Umschlag.
Darin befanden sich mehrere gefaltete Dokumente und ein kleiner Schlüssel.
Das erste Blatt war eine Kopie meiner Geburtsurkunde.
Ich überflog sie.
Mein Name.
Geburtsdatum.
Der Name meiner Mutter.
Dann blieb mein Blick bei der Zeile für den Vater hängen.
Ich kannte den Namen dort.
Natürlich kannte ich ihn.
Aber daneben hatte jemand mit einem roten Stift zwei Worte geschrieben:
**NICHT BIOLOGISCH.**
„Was ist?“, fragte Lukas.
Ich konnte nicht antworten.
Unter der Geburtsurkunde lag ein Laborbericht.
Alt.
Fast zwanzig Jahre alt.
Ich sah die Begriffe „Abstammungsanalyse“ und „Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft“.
Dann die Zahl.
**0,00 %.**
Ich setzte mich auf den Boden.
„Mein Vater ist nicht mein Vater.“
Am anderen Ende herrschte Stille.
„Was?“
„Der Test sagt, dass er nicht mein biologischer Vater ist.“
Ich dachte an den Mann, der mich großgezogen hatte. An unsere Streitereien. An Weihnachten. An Geburtstage.
An sein Gesicht bei der Beerdigung meiner Mutter.
Warum hatte niemand etwas gesagt?
Ich griff nach dem nächsten Dokument.
Es war kein weiterer Test.
Es war ein Brief unserer Mutter.
Nur wenige Zeilen.
„Wenn du das liest, ist Sophie der Wahrheit näher gekommen, als ich je wollte. Ich habe dich angelogen, weil ich glaubte, dich damit zu schützen. Dein biologischer Vater weiß von dir. Er hat immer von dir gewusst.“
Mein Herz begann zu rasen.
Darunter stand:
„Und Lukas’ Familie ist der Grund, warum ich dir niemals seinen Namen gesagt habe.“
Ich hörte Lukas scharf einatmen.
„Meine Familie?“
Bevor ich antworten konnte, knarrte unten im Haus eine Diele.
Ich verstummte.
„Was war das?“, flüsterte Lukas.
Ich blickte zur offenen Zimmertür.
Dann hörte ich es wieder.
Ein langsamer Schritt.
Noch einer.
Jemand war im Erdgeschoss.
„Lukas“, flüsterte ich.
„Raus da.“
Ich stand auf, stopfte die Dokumente und den Schlüssel in meine Tasche und ging zur Tür.
Doch bevor ich den Flur erreichte, hörte ich unten eine Stimme.
Eine Männerstimme.
„Du hättest auf die Nachricht hören sollen.“
Ich erstarrte.
Ich kannte diese Stimme.
Seit meiner Kindheit.
„Wer ist das?“, fragte Lukas über das Telefon.
Ich konnte kaum sprechen.
Denn der Mann unten war derjenige, den ich mein ganzes Leben lang meinen Vater genannt hatte.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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