Ich konnte das Foto nicht loslassen. Meine Finger waren wie festgefroren um den Rand gekrallt, während ich immer wieder zwischen dem Gesicht des jungen Viktor Frost und dem kleinen Mädchen auf dem Bild hin und her sah. Dem Mädchen mit den blaugrauen Augen, den dunklen Locken und dem gelben Kleid.
Mir.
„Das bin ich“, flüsterte ich.
Niemand widersprach.
Sebastian stand neben mir und starrte ebenfalls auf das Foto. In seinem Gesicht lag eine Mischung aus Schock und Verwirrung, die ich inzwischen kannte. Doch diesmal ging es nicht um seine Kinder.
„Woher hatte mein Vater dieses Foto?“, fragte ich.
Eleanor antwortete nicht.
Ich drehte mich zu ihr um.
„Woher?“
Sie sah auf das Bild, und für einen kurzen Moment wirkte sie nicht wie die kontrollierte Frau, die ein Milliardenimperium beherrschte. Sie wirkte alt.
„Deine Mutter hieß Claire“, sagte sie schließlich.
Ich nickte langsam.
„Ja.“
„Sie arbeitete damals für eine unserer Gesellschaften.“
„Meine Mutter hat nie für Frost Immobilien gearbeitet.“
„Nicht offiziell.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Was bedeutet das?“
Eleanor erhob sich.
„Claire war Buchhalterin. Sie entdeckte Unregelmäßigkeiten in den Geschäftsbüchern deines Vaters. Zahlungen, die nicht existieren durften. Grundstücke, die unter falschen Namen gekauft worden waren. Geld, das über mehrere Firmen verschoben wurde.“
Sebastian sah sie scharf an.
„Und was hatte Marie damit zu tun?“
Eleanor blickte mich an.
„Du warst damals ungefähr vier Jahre alt.“
Ich konnte kaum atmen.
„Meine Mutter sagte immer, mein Vater sei früh gestorben.“
„Das war die Geschichte, die sie dir erzählen musste.“
„Warum?“
Falk trat näher.
„Weil Claire Angst hatte.“
„Vor Viktor?“
Der alte Anwalt schwieg.
„Vor wem?“, fragte ich erneut.
Diesmal antwortete Eleanor.
„Vor Menschen, die mächtiger waren als Viktor.“
Sebastian runzelte die Stirn.
„Mutter, hör auf, in Rätseln zu sprechen.“
„Du verstehst nicht, Sebastian. Dein Vater wollte das Unternehmen verlassen. Er wollte die Beweise übergeben. Claire sollte ihm helfen.“
Ich sah erneut auf das Foto.
„Und dann?“
Eleanor schloss kurz die Augen.
„Dann verschwand Claire.“
Der Raum schien enger zu werden.
„Meine Mutter ist nicht verschwunden“, sagte ich. „Sie ist gestorben.“
„Ja.“
„Sie starb vor sechs Jahren.“
„Das weiß ich.“
„Dann warum—“
„Weil sie sechs Jahre lang unter falschem Namen gelebt hat, nachdem sie dich bei Verwandten unterbringen ließ.“
Ich starrte sie an.
„Nein.“
„Marie“, sagte Sebastian leise.
„Nein.“
Ich wich zurück.
„Meine Mutter hätte mir so etwas erzählt.“
„Sie wollte dich schützen.“
„Vor wem?“
Eleanor sah zu Sebastian.
„Vor deinem Vater.“
Sebastian erstarrte.
„Aber du hast gerade gesagt, Viktor wollte aussteigen.“
„Das wollte er.“
„Dann warum sollte er Marie etwas antun?“
Eleanor antwortete nicht sofort.
Stattdessen nahm sie das Foto aus meiner Hand und drehte es um.
Unter den vier Worten, die bereits dort standen, befand sich eine zweite Zeile, die ich vorher nicht bemerkt hatte.
**Frag Sebastian, was am 14. November geschah.**
Sebastian wurde kreidebleich.
„Der 14. November.“
Ich sah ihn an.
„Was ist an diesem Tag passiert?“
Er sagte nichts.
„Sebastian.“
„Das war der Tag, an dem mein Vater offiziell starb.“
Ich spürte, wie mir die Knie weich wurden.
„Und du warst dabei?“
„Nein.“
„Wo warst du?“
„In Hamburg.“
„Mit wem?“
Er senkte den Blick.
Falk antwortete.
„Mit seinem Vater.“
Sebastian fuhr zu ihm herum.
„Das stimmt nicht.“
„Doch.“
„Ich war allein.“
„Das hast du geglaubt.“
Eleanor ging langsam zu einem Schrank und öffnete eine versteckte Schublade. Sie holte einen kleinen Schlüssel heraus.
„Es gibt etwas, das Sebastian nie gesehen hat.“
Sie legte den Schlüssel auf den Tisch.
„Das Arbeitszimmer deines Vaters wurde nach seinem Verschwinden versiegelt. Ich habe den Raum nie wieder geöffnet.“
Sebastian starrte auf den Schlüssel.
„Warum jetzt?“
„Weil Viktor zurück ist.“
Ein Geräusch aus dem Flur ließ uns alle verstummen.
Schritte.
Langsam.
Schwer.
Jemand ging auf der anderen Seite der Tür vorbei.
Sebastian stellte sich sofort vor mich und die Kinder.
Falk griff nach seinem Telefon.
Dann hörten wir eine Männerstimme.
„Eleanor.“
Sie erstarrte.
„Viktor“, flüsterte sie.
Die Tür öffnete sich.
Ein Mann trat herein.
Er war älter als auf dem Foto, natürlich. Sein Haar war fast vollständig grau, sein Gesicht schmaler geworden. Aber seine Augen waren unverkennbar.
Sebastian wich einen Schritt zurück.
Zum ersten Mal sah ich Vater und Sohn einander gegenüberstehen.
Zwölf Jahre Lüge standen zwischen ihnen.
„Du bist tot“, sagte Sebastian.
Viktor sah ihn lange an.
„Das sollte ich sein.“
„Warum hast du dich versteckt?“
„Weil ich sterben musste, damit du leben konntest.“
Sebastian schüttelte den Kopf.
„Du hast meine Mutter belogen. Du hast mich belogen. Du hast Marie in eine Geschichte hineingezogen, von der sie nichts wusste.“
Viktor sah mich an.
Sein Blick blieb an meinen Augen hängen.
„Ich habe sie nicht hineingezogen.“
„Dann wer?“
Viktor schwieg.
Ich trat vor.
„Warum kannten Sie meine Mutter?“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Weil Claire die einzige Frau war, der ich jemals vertraut habe.“
Eleanor wandte sich ab.
Viktor fuhr fort.
„Und weil sie mir kurz vor ihrem Tod etwas gegeben hat.“
„Was?“
Er sah zu Sebastian.
Dann zu den Kindern.
Seine Augen wurden feucht.
„Die Wahrheit darüber, warum diese drei Kinder niemals in deine Hände gelangen durften.“
Sebastian wurde starr.
„Was soll das heißen?“
Viktor zog einen kleinen schwarzen USB-Stick aus seiner Jackentasche.
„Diese Kinder sind nicht der Grund, warum deine Familie dich belogen hat.“
Er legte den Stick auf den Tisch.
„Sie sind der Grund, warum jemand bereit ist, dafür zu töten, dass du die Wahrheit niemals erfährst.“
Eleanor schnappte nach Luft.
Ich zog die Kinder enger an mich.
„Wer?“
Viktor sah mich direkt an.
„Der Mann, der damals dafür gesorgt hat, dass deine Mutter verschwinden musste.“
Sebastian trat näher.
„Wer ist er?“
Viktor öffnete den Mund.
Doch bevor er antworten konnte, zerbarst draußen eine Fensterscheibe.
Die Kinder schrien.
Alle fuhren herum.
Der USB-Stick rutschte über den Tisch und fiel zu Boden.
Und auf dem Display von Sebastians Handy erschien gleichzeitig eine neue Nachricht.
**Ihr habt zehn Minuten. Danach verschwindet Marie für immer.**







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