Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Ich hörte nur meinen eigenen Atem und das leise Wimmern von Clara, die Sebastian noch immer misstrauisch ansah. Das Blatt in seiner Hand schien plötzlich schwerer zu sein als alles, was er jemals unterschrieben hatte.
„Lass mich sehen.“
Sebastian reichte mir die Akte.
Ich las meinen Namen.
**Marie Laurent.**
Darunter das Geburtsdatum.
Dann die Namen meiner Eltern.
Meine Mutter: Claire Laurent.
Mein Vater: Sebastian Frost.
Ich starrte auf die Zeile, bis die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen.
„Das ist gefälscht.“
Viktor trat näher.
„Ja.“
Ich sah ihn an.
„Du weißt das?“
„Natürlich.“
„Dann warum hast du mich hierhergebracht?“
Viktor antwortete nicht sofort.
Sebastian dagegen wurde immer unruhiger. Er nahm die Akte wieder an sich und blätterte durch die Seiten.
„Hier sind mehrere Dokumente. Krankenhausunterlagen. Eine Geburtsbescheinigung. Ein notarieller Vermerk.“
„Alles gefälscht“, sagte Viktor.
„Aber warum sollte jemand mich als meine eigene Tochter ausgeben?“
Viktor sah Sebastian an.
„Weil das nicht deine Geburtsakte ist.“
Sebastian runzelte die Stirn.
„Was?“
„Sie gehört zu einem anderen Kind.“
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Wem?“
Viktor schwieg.
Eleanor setzte sich langsam.
„Sebastian, bevor du weiterliest, musst du verstehen, was damals passiert ist.“
„Nein“, sagte Sebastian. „Jetzt redest du.“
Seine Mutter blickte ihn an.
„Vor zwölf Jahren glaubten wir, Viktor sei tot. Tatsächlich verschwand er, weil Gabriel seine eigenen Leute gegen ihn eingesetzt hatte. Viktor hatte Beweise über ein Netzwerk gefunden, das weit über unsere Familie hinausging.“
„Und Marie?“
„Claire hatte ebenfalls Beweise.“
„Welche?“
Eleanor sah mich an.
„Eine Liste von Kindern.“
Ich verstand nicht.
„Was für Kinder?“
„Kinder von Männern, die Teil dieses Netzwerks waren. Kinder, deren Geburtsdaten verändert worden waren, damit bestimmte Vermögensübertragungen und Erbschaften später nicht nachvollziehbar waren.“
Sebastian wurde bleich.
„Du willst sagen, Marie wurde benutzt, um Geld zu verschieben?“
„Nicht nur Geld.“
Viktor nahm ihm die Akte ab und schlug eine Seite auf.
„Schau dir die Nummer an.“
Sebastian sah hin.
„Was ist das?“
„Eine Identifikationsnummer aus dem alten Frost-System.“
Viktor deutete auf eine handschriftliche Notiz.
„Diese Nummer gehört nicht Marie.“
Ich trat näher.
„Wem gehört sie?“
Viktor sah mich an.
„Einem Kind, das am selben Tag wie du geboren wurde.“
Ich hielt den Atem an.
„Ein Zwilling?“
„Nein.“
Viktor schüttelte den Kopf.
„Ein Junge.“
Sebastian sah ihn fassungslos an.
„Wo ist er?“
„Das weiß niemand.“
Eleanor stand plötzlich auf.
„Genug.“
Sebastian fuhr herum.
„Nein! Noch lange nicht genug.“
„Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst.“
„Und du weißt es?“
„Ja.“
Ihre Stimme brach.
„Deshalb habe ich versucht, dich davon fernzuhalten.“
Sebastian lachte bitter.
„Du hast mir eingeredet, Marie hätte mich verlassen wollen. Du hast mir erzählt, mein Vater sei tot. Du hast mir verschwiegen, dass ich drei Kinder habe. Und jetzt soll ich glauben, du hättest mich beschützt?“
Eleanor sah ihn mit feuchten Augen an.
„Ich habe dich vor deinem Vater beschützt.“
Viktor wurde plötzlich still.
„Was hast du ihm erzählt?“, fragte er.
„Die Wahrheit.“
„Welche Wahrheit?“
Eleanor sah ihn direkt an.
„Dass du damals nicht allein verschwunden bist.“
Viktor sagte nichts.
Sebastian blickte zwischen seinen Eltern hin und her.
„Was bedeutet das?“
Eleanor antwortete:
„Am 14. November war dein Vater nicht allein auf diesem Flug.“
Viktor schloss die Augen.
„Eleanor.“
„Es reicht.“
„Nein.“
Sie zeigte auf mich.
„Marie hat das Recht, es zu wissen.“
Mein Herz schlug bis zum Hals.
„Was war an diesem Tag?“
Eleanor atmete tief ein.
„Claire war dabei.“
Ich konnte nichts sagen.
Meine Mutter.
Auf einem Flug, der angeblich nie Überlebende hatte.
„Sie ist mit Viktor verschwunden.“
„Aber sie ist Jahre später gestorben.“
„Ja.“
„Dann war sie also zurück?“
„Nur für kurze Zeit.“
Viktor sah mich an.
„Claire hat dich nicht verlassen, weil sie dich nicht wollte.“
Seine Stimme wurde brüchig.
„Sie wollte dich retten.“
Ich dachte an meine Kindheit. An die Nächte, in denen meine Mutter manchmal plötzlich aufgewacht war. An die Art, wie sie bei jedem unbekannten Geräusch zur Tür gesehen hatte. An ihre ständige Angst vor Telefonanrufen.
All diese kleinen Erinnerungen, die damals keinen Sinn ergeben hatten, schoben sich plötzlich zu einem Bild zusammen.
„Warum hat sie mir nie die Wahrheit gesagt?“
„Weil du beobachtet wurdest.“
„Von wem?“
Viktor antwortete nicht.
Stattdessen nahm er sein Telefon.
„Wir müssen hier weg.“
Sebastian sah ihn an.
„Warum?“
„Weil Falk nicht einfach gegangen ist.“
„Was meinst du?“
Viktor zeigte auf die Sicherheitskameras im Flur.
Alle Anzeigen waren schwarz.
„Jemand hat das Überwachungssystem abgeschaltet.“
Eleanor ging sofort zur Tür.
„Dann sind sie schon im Haus.“
Ein dumpfes Geräusch ertönte aus dem oberen Stockwerk.
Dann ein zweites.
Die Kinder verstummten.
Sebastian nahm Jonas hoch und ich hob Clara auf. Emma klammerte sich an meinen Mantel.
„Wo ist der Ausgang?“, fragte ich.
Viktor zeigte auf eine unscheinbare Tür hinter dem Bücherregal.
„Dahinter befindet sich ein alter Tunnel.“
Sebastian starrte ihn an.
„Du hast einen Tunnel unter dem Haus?“
„Deine Familie hat viele Dinge gebaut, von denen du nichts weißt.“
Wir eilten durch die verborgene Tür. Dahinter führte eine schmale Treppe nach unten. Feuchte Luft schlug uns entgegen. Sebastian ging hinter mir und hielt Jonas fest an seine Brust gedrückt.
Plötzlich ertönte über uns ein lauter Knall.
Emma schrie.
„Papa!“
Sebastian erstarrte.
Das Wort hing zwischen den feuchten Wänden.
**Papa.**
Er sah seine Tochter an.
Dann lächelte er trotz der Angst.
„Ich bin hier.“
Zum ersten Mal glaubte ich ihm.
Wir erreichten einen kleinen Raum unter dem Haus. Viktor schloss eine eiserne Tür hinter uns.
„Hier sind wir sicher.“
„Nein“, sagte Eleanor.
Alle sahen sie an.
Sie stand noch immer im Türrahmen.
„Eleanor“, sagte Viktor.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich komme nicht mit.“
Sebastian trat auf sie zu.
„Was machst du?“
„Jemand muss sie aufhalten.“
„Wer?“
Sie sah mich an.
„Der Mann, den Claire nie beim Namen nennen durfte.“
Dann holte sie einen Umschlag aus ihrer Tasche und drückte ihn mir in die Hand.
„Wenn du wissen willst, wer dein wirklicher Vater ist, öffne ihn erst, wenn du außerhalb dieser Stadt bist.“
Ich sah sie fassungslos an.
„Sie wissen es?“
Eleanor nickte.
„Ja.“
„Wer ist es?“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Sebastian.“
Er sah seine Mutter an.
„Was?“
„Du hast die falsche Frage gestellt.“
Sie blickte mich an.
„Du bist nicht Sebastians Tochter.“
Mein Herz setzte aus.
„Dann wer ist er?“
Eleanor öffnete den Mund.
Doch bevor sie antworten konnte, hörten wir aus dem Tunnel hinter uns Schritte.
Eine Männerstimme hallte durch die Dunkelheit.
„Eleanor.“
Sie erstarrte.
„Gabriel.“
Die Stimme lachte.
„Du hast ihnen also endlich erzählt, wer Marie wirklich ist.“
Sebastian zog mich und die Kinder hinter sich.
Dann erschien am Ende des Tunnels ein Schatten.
Und in seiner Hand hielt Gabriel Frost ein altes Foto von meiner Mutter.
Auf der Rückseite stand nur ein Satz:
**Marie war nie das Ziel. Sebastian war es.**







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