Am nächsten Morgen war der Himmel über Hamburg bleigrau. Ich hatte kaum geschlafen. Die Adresse, die Marlene mir geschickt hatte, lag auf dem Nachttisch neben meinem Bett, und jedes Mal, wenn ich sie ansah, wurde das Gefühl stärker, dass ich kurz davorstand, eine Tür zu öffnen, hinter der etwas auf mich wartete, das mein ganzes Leben verändern würde.
„Du gehst nicht allein“, sagte Claudia.
Ich schüttelte den Kopf. „Sie hat ausdrücklich geschrieben, dass ich allein kommen soll.“
„Und genau deshalb kommst du nicht allein.“
Herr Brenner saß am Fenster und las die Unterlagen aus der Nacht noch einmal durch. „Ihre Freundin hat recht. Wir wissen nicht, wer hinter der Nachricht steckt.“
„Marlene ist keine Freundin.“
Brenner hob den Blick.
„Sie ist die Frau, für die mein Mann mich beinahe sterben ließ.“
Ich sagte es ruhig. Gerade deshalb klang es härter.
Claudia schob mir eine Tasse Tee hin. „Dann geh nicht wegen ihr. Geh wegen dir.“
Eine Stunde später fuhr Claudia mich zu der Adresse. Mein Bein schmerzte bei jeder Bewegung, und die Krücken machten mir jeden Schritt schwer. Das Gebäude, vor dem wir hielten, war ein unscheinbares altes Bürohaus nahe der Elbe. Kein Schild. Keine Empfangshalle. Nur eine schwere Glastür und ein Namensschild, auf dem längst nichts mehr zu lesen war.
„Ich warte unten“, sagte Claudia.
Ich sah sie an.
„Wenn ich nach zwanzig Minuten nicht zurück bin—“
„Dann komme ich hoch.“
Ich nickte und ging hinein.
Im dritten Stock stand eine Tür offen.
Marlene wartete dort.
Zum ersten Mal sah ich sie ohne Alexander.
Sie trug einen dunklen Mantel, ihr Gesicht war blass, und unter ihren Augen lagen tiefe Schatten. Sie sah nicht aus wie die Frau, die im Krankenhaus weinend meinen Mann gerufen hatte. Sie sah erschöpft aus.
„Du bist gekommen.“
„Du hast gesagt, du wüsstest etwas über meinen Vater.“
Marlene schloss die Tür.
„Ja.“
„Dann rede.“
Sie zögerte.
„Dein Vater hat mich sechs Monate vor seinem Tod angerufen.“
Mein Herz schlug schneller.
„Warum?“
„Weil er wusste, dass Alexander mich beobachtete.“
Ich starrte sie an.
„Was?“
Marlene setzte sich und verschränkte die Hände.
„Alexander sollte damals herausfinden, ob dein Vater Vermögen aus dem Unternehmen abgezogen hatte. Konrad hatte behauptet, Johannes Berger hätte Geld gestohlen.“
„Das hat mein Vater nicht getan.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
Marlene sah mich direkt an.
„Weil ich die Konten gesehen habe.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Du hast für Konrad gearbeitet?“
„Nein. Ich war damals bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die den Mertens-Konzern geprüft hat.“
Plötzlich ergaben einige Dinge Sinn. Marlenes ständige Nähe zu Alexander. Ihre Kenntnis über Geschäftsangelegenheiten. Die Art, wie Theresa sie immer als „Familie“ bezeichnet hatte.
„Dann warst du von Anfang an Teil davon.“
„Ja.“
Ich trat einen Schritt zurück.
„Und Alexander?“
„Er war es ebenfalls.“
„Hat er mich geheiratet, weil er den Auftrag meines Vaters angenommen hatte?“
Marlene schloss für einen Moment die Augen.
„Am Anfang sollte er dich nur kennenlernen.“
„Das habe ich bereits gehört.“
„Aber danach hat sich etwas verändert.“
Ich lachte bitter.
„Was?“
„Er hat sich wirklich in dich verliebt.“
Ich wollte ihr nicht glauben.
Nicht nach dem Krankenhaus.
Nicht nach drei Jahren.
Doch Marlene sprach weiter.
„Das war der Grund, warum Konrad wütend wurde.“
„Was hat Konrad getan?“
Marlene griff in ihre Tasche und holte einen kleinen Schlüssel hervor.
„Dein Vater hat mir vor seinem Tod etwas gegeben. Er sagte, ich dürfe es nur dir übergeben, wenn Alexander dich irgendwann öffentlich verrät.“
Ich sah den Schlüssel an.
„Was öffnet er?“
„Ein Schließfach.“
„Wo?“
„Im Hamburger Hauptbahnhof.“
Ich nahm den Schlüssel nicht.
„Warum gibst du mir das jetzt?“
Marlene sah zur Tür.
„Weil Alexander gestern Nacht bei mir war.“
Mein Atem stockte.
„Was wollte er?“
„Er wollte wissen, wo der Schlüssel ist.“
„Und?“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn verloren habe.“
Sie griff erneut in ihre Tasche und zog ein zerknittertes Blatt Papier heraus.
„Aber er hat mir etwas anderes gesagt.“
Ich nahm das Blatt.
Es war eine Kopie eines alten Schreibens.
Meine Handschrift.
Zumindest sah sie meiner ähnlich.
Oben stand mein Name.
Darunter eine Erklärung, mit der ich angeblich meine sämtlichen Ansprüche an den Berger-Anteilen aufgab.
Mir wurde übel.
„Das habe ich nie unterschrieben.“
„Ich weiß.“
„Wer hat das gefälscht?“
Marlene antwortete nicht.
Ich sah auf die Unterschrift.
Dann bemerkte ich etwas.
Das Datum.
Es war auf den Tag genau drei Monate vor unserer Hochzeit datiert.
„Alexander hatte das schon vor unserer Hochzeit vorbereitet.“
„Ja.“
Ich spürte, wie etwas in mir endgültig zerbrach.
Vielleicht hatte er mich geliebt.
Vielleicht sogar wirklich.
Aber gleichzeitig hatte er von Anfang an gewusst, dass meine Identität für ihn mehr bedeutete als nur die Frau, die er küsste.
„Warum hast du mir das alles nicht früher gesagt?“
Marlene begann zu weinen.
„Weil ich feige war.“
Ich sagte nichts.
„Ich dachte, wenn ich Alexander nahe genug bleibe, könnte ich verhindern, dass Konrad dir etwas antut. Aber irgendwann wurde ich selbst Teil des Problems.“
„Und der Unfall?“
Sie hob den Kopf.
„Der Unfall war kein Zufall.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Was meinst du?“
„Ich habe keine Beweise. Noch nicht. Aber am Morgen des Unfalls hat jemand Alexanders Wagen überprüfen lassen.“
„Wer?“
Marlene sah mich an.
„Theresa.“
Mein Magen zog sich zusammen.
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht von Claudia.
**Sophie, komm sofort zurück. Brenner ist verschwunden.**
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann kam eine zweite.
**Seine Akte ist weg. Und jemand war in deinem Zimmer.**
Ich sah Marlene an.
Sie war plötzlich totenblass.
„Wir müssen gehen.“
„Warum?“
Sie stand auf.
„Weil der Schlüssel nicht nur zu deinem Vater führt.“
„Wohin dann?“
Marlene öffnete die Tür.
„Zu dem Beweis, mit dem deine Mutter die gesamte Familie Mertens hätte zerstören können.“
Draußen im Flur hörten wir Schritte.
Langsam.
Schwer.
Jemand blieb direkt vor der Tür stehen.
Dann ertönte Alexanders Stimme.
„Sophie.“
Ich erstarrte.
„Wir müssen endlich miteinander reden.“







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