Ich wich einen Schritt zurück. Mein verletztes Bein pochte so stark, dass ich mich am Tisch abstützen musste. Marlene stand neben mir und sah zur Tür, als würde sie in diesem Moment zum ersten Mal begreifen, dass all ihre Vorsicht nicht mehr ausreichte.
„Sophie“, sagte Alexander erneut. Seine Stimme war ruhig. Fast zu ruhig. „Ich weiß, dass du da drin bist.“
Marlene legte einen Finger an die Lippen.
Dann hörten wir einen Schlüssel im Schloss.
Sie packte meinen Arm. „Hier.“
Hinter einem alten Aktenschrank befand sich eine schmale Tür, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Marlene zog sie auf. Dahinter führte eine dunkle Treppe nach unten.
„Wo führt die hin?“
„In den Innenhof.“
„Und Alexander?“
„Er wird nicht lange warten.“
Wir stiegen die Treppe hinunter. Jeder Schritt ließ Schmerzen durch mein Bein schießen, doch ich biss die Zähne zusammen. Über uns hörte ich, wie die Tür des Büros geöffnet wurde.
„Marlene?“, rief Alexander.
Keine Antwort.
„Ich will keinen Streit.“
Seine Stimme klang jetzt härter.
Wir erreichten den Innenhof. Claudia wartete bereits am Wagen. Als sie uns sah, sprang sie aus dem Auto.
„Steigt ein!“
Marlene blieb stehen.
„Ich komme nicht mit.“
Ich sah sie an. „Was?“
„Wenn ich verschwinde, wird Alexander wissen, dass ich dir alles erzählt habe.“
„Dann kommst du erst recht mit.“
Sie schüttelte den Kopf. „Sophie, du verstehst nicht. Wenn er glaubt, dass ich den Schlüssel noch habe, wird er mich suchen. Das verschafft dir Zeit.“
Ich wollte widersprechen, doch Claudia rief: „Sophie!“
Oben im Gebäude wurde eine Tür zugeschlagen.
Marlene drückte mir den kleinen Schlüssel in die Hand.
„Schließfach 417.“
„Marlene—“
„Und wenn du dort etwas findest, glaub nicht sofort, was darauf steht.“
Dann drehte sie sich um und lief zurück ins Gebäude.
„Marlene!“
Sie verschwand hinter der Tür.
Claudia zog mich ins Auto.
„Wir müssen weg.“
Während wir losfuhren, sah ich durch das Fenster zurück. Alexander erschien oben am Fenster. Er sah direkt zu unserem Wagen.
Doch er folgte uns nicht.
Das machte mir mehr Angst als alles andere.
---
Wir erreichten den Hauptbahnhof kurz nach elf Uhr. Der Regen hatte zugenommen, und die Halle war voller Menschen. Claudia blieb bei mir, während ich mich mit den Krücken durch die Menge bewegte.
Schließfach 417 befand sich in einem abgelegenen Bereich im Untergeschoss.
Ich steckte den Schlüssel ins Schloss.
Ein Klick.
Die Tür sprang auf.
Darin lag eine alte Ledermappe.
Kein Geld.
Keine Wertgegenstände.
Nur Dokumente, ein USB-Stick und ein kleines Diktiergerät.
Auf der Mappe stand in der Handschrift meiner Mutter:
**Für Sophie. Erst öffnen, wenn du nicht mehr zurückwillst.**
Meine Hände zitterten.
„Deine Mutter wusste, dass dieser Tag kommen würde“, sagte Claudia.
Ich öffnete die Mappe.
Oben lag ein Vertrag über die Gründung von Mertens & Berger.
Darunter befanden sich Kontoauszüge.
Und dann sah ich einen Namen.
**Theresa Mertens.**
Sie hatte kurz vor meiner Hochzeit mehrere hohe Zahlungen erhalten.
Von einem Konto, das offiziell Konrad Mertens gehörte.
Ich blätterte weiter.
Die letzte Zahlung war nur neun Tage vor meiner ersten Begegnung mit Alexander erfolgt.
Mir wurde kalt.
„Sie hat dafür bezahlt, dass er mich kennenlernt.“
Claudia antwortete nicht.
Ich nahm das Diktiergerät.
Es funktionierte noch.
Eine männliche Stimme erklang.
Konrad.
„Johannes, du kannst nicht erwarten, dass ich einfach aufgebe.“
Dann hörte ich meinen Vater.
„Du bekommst Sophie nicht.“
Mein Herz blieb stehen.
Konrad lachte leise.
„Sie ist jung. Sie vertraut Menschen. Du weißt genau, wie leicht sie zu beeinflussen ist.“
„Wenn du ihr etwas antust, werde ich alles veröffentlichen.“
Eine Pause.
Dann Konrad:
„Und wenn dein eigener Schwiegersohn auf unserer Seite steht?“
Ich hielt den Atem an.
Die Aufnahme rauschte.
Dann sagte mein Vater:
„Alexander hat seine Entscheidung getroffen.“
Ich sah Claudia an.
„Was bedeutet das?“
Die Aufnahme ging weiter.
„Er wird Sophie nicht verraten.“
Konrad antwortete:
„Das werden wir sehen.“
Dann endete die Aufnahme.
Ich setzte mich auf die Bank hinter mir.
Alexander hatte also tatsächlich begonnen, mich zu schützen.
Aber warum hatte er mich später so behandelt?
Warum hatte er Marlene immer vor mich gestellt?
Warum hatte er im Krankenhaus gesagt, ich könne warten?
Claudia nahm den USB-Stick aus der Mappe.
„Vielleicht ist dort die Antwort.“
Wir suchten einen Computer im Bahnhof und öffneten die Dateien.
Es gab nur drei Videos.
Das erste zeigte meinen Vater.
Das zweite zeigte Konrad.
Das dritte trug keinen Namen.
Ich öffnete es.
Der Bildschirm zeigte ein Büro.
Alexander saß darin.
Er war jünger. Vielleicht zwei Jahre vor unserer Hochzeit.
Ihm gegenüber saß Theresa.
„Du musst sie heiraten“, sagte sie.
Alexander sah sie lange an.
„Nein.“
„Du hast keine Wahl.“
„Ich werde Sophie nicht benutzen.“
Theresa beugte sich vor.
„Dann stirbt alles, wofür dein Vater gearbeitet hat.“
Alexander ballte die Hände.
„Was willst du?“
„Ihre Unterschrift.“
„Und wenn sie nicht unterschreibt?“
Theresa lächelte.
„Dann sorg dafür, dass sie glaubt, sie hätte keine andere Möglichkeit.“
Ich spürte Tränen in meinen Augen.
Das Video lief weiter.
Alexander stand auf.
„Ich werde sie niemals zwingen.“
Theresa sagte leise:
„Du wirst es tun. Oder Marlene verliert alles.“
Das Bild wurde schwarz.
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Marlene.“
Claudia nickte langsam.
„Sie wurde benutzt, um Alexander unter Druck zu setzen.“
Ich dachte an die Frau, die jahrelang zwischen uns gestanden hatte.
Vielleicht war sie nicht diejenige gewesen, die meine Ehe zerstört hatte.
Vielleicht war sie selbst eine Gefangene dieser Familie gewesen.
Dann öffnete sich plötzlich die letzte Datei automatisch.
Ein eingescanntes Dokument erschien.
Es war ein ärztlicher Bericht.
Darauf stand das Datum des Unfalls.
Darunter ein handschriftlicher Vermerk:
**Fahrzeugprüfung angeordnet durch Theresa Mertens. Bremsanlage manipuliert.**
Mir blieb die Luft weg.
„Claudia …“
Sie beugte sich über den Bildschirm.
Dann sah sie mich an.
„Sophie, das ist der Beweis.“
In diesem Moment klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sprach.
Dann hörte ich Alexanders Stimme.
Doch diesmal klang sie nicht kalt.
Sie klang verzweifelt.
„Sophie, hör mir zu. Ich habe gerade erfahren, dass Marlene verschwunden ist.“
Ich schloss die Augen.
„Wo ist sie?“
„Ich weiß es nicht.“
„Alexander, ich habe den USB-Stick.“
Stille.
Dann flüsterte er:
„Dann weißt du jetzt auch, dass der Unfall nicht dir galt.“
Ich erstarrte.
„Was meinst du?“
Seine Stimme brach.
„Sophie … sie wollten nicht dich töten.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Wen dann?“
Alexander antwortete erst nach mehreren Sekunden.
„Mich.“
Dann brach die Verbindung ab.







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