Ich starrte auf Julians Nachricht, bis die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen. „Wem die 60.000 Euro wirklich gehören.“ Der Satz passte nicht zu allem, was ich bisher geglaubt hatte. Das Geld sollte angeblich für seine Spielschulden sein. Männer würden hinter ihm her sein. Er hatte immer wieder behauptet, er habe einen Fehler gemacht und brauche nur eine letzte Chance. Aber jetzt sagte er selbst, dass das Geld möglicherweise jemand anderem gehörte.
Elena nahm mir das Handy nicht wieder weg. Sie las die Nachricht noch einmal und legte es dann auf den Tisch.
„Du gehst nicht allein zu ihm.“
„Das habe ich auch nicht vor.“
„Gut.“
Ich sah sie an.
„Aber ich will ihn sehen.“
„Warum?“
„Weil Julian gerade zum ersten Mal eine Nachricht geschrieben hat, die nicht nach einer Ausrede klingt.“
Elena schwieg einen Moment.
„Dann treffen wir ihn morgen. Aber an einem öffentlichen Ort. Und jedes Gespräch wird dokumentiert.“
Ich nickte.
Die ganze Nacht schlief ich kaum. Immer wieder sah ich die Zahl auf dem Kontoauszug vor mir: 2.480.000 Euro. Immer wieder hörte ich die Stimme meines Vaters.
*Dein Bruder braucht dieses Geld mehr, als du dein Leben brauchst.*
Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass es wirklich um 60.000 Euro gegangen war.
Am nächsten Morgen holte Elena mich aus dem Krankenhaus ab. Mein Arzt hatte mich widerwillig entlassen, unter der Bedingung, dass ich mich schonte und sofort zurückkam, wenn die Kopfschmerzen schlimmer wurden. Ich versprach es.
Julian wartete in einem kleinen Café am Stadtrand. Als wir eintraten, saß er allein in der hintersten Ecke. Seine teure Uhr war verschwunden. Zum ersten Mal seit Jahren trug er etwas, das nicht aussah, als hätte es jemand anderes für ihn ausgesucht.
Er stand auf.
„Danke, dass du gekommen bist.“
„Ich wäre nicht gekommen, wenn ich dir nicht eine Sache glauben würde.“
Er schluckte.
„Welche?“
„Dass du Angst hast.“
Er setzte sich wieder.
Elena blieb neben mir stehen.
„Wir haben nicht viel Zeit.“
Julian nickte.
„Ich weiß.“
Er zog einen braunen Umschlag aus seiner Jacke.
„Das hier habe ich vor zwei Tagen bekommen.“
Er schob ihn über den Tisch.
Ich berührte ihn nicht.
„Von wem?“
„Von einem Mann, den ich nicht kenne.“
„Wie sieht er aus?“
„Mitte fünfzig. Graue Haare. Dunkler Mantel. Er wusste alles über unsere Familie.“
Elena nahm den Umschlag und öffnete ihn vorsichtig.
Darin befanden sich mehrere Kopien von Überweisungen, ein altes Foto und ein handgeschriebener Zettel.
Ich nahm das Foto.
Mein Vater stand darauf vor einem Krankenhaus. Neben ihm war ein jüngerer Richard Falk.
Und zwischen ihnen stand meine Mutter.
Aber das war nicht das, was mich erschütterte.
Auf dem Arm meiner Mutter lag ein Baby.
Ich.
Auf der Rückseite des Fotos stand ein Datum.
Zwei Tage vor meiner Geburt.
„Warum hat der Mann dir das gegeben?“, fragte ich.
Julian sah zu Boden.
„Weil er wollte, dass ich dich unter Druck setze.“
„Was?“
„Er sagte, wenn ich die 60.000 Euro von dir bekomme, würde er meine Schulden verschwinden lassen.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Er hat dich benutzt.“
„Ja.“
„Und du hast mitgemacht.“
Julian schloss die Augen.
„Ja.“
Diese Ehrlichkeit tat fast mehr weh als seine Lügen.
„Wie hoch waren deine Schulden wirklich?“
Er antwortete nicht.
Elena sah ihn scharf an.
„Herr Schneider.“
„180.000 Euro.“
Ich starrte ihn an.
„Du hast gesagt, es seien 60.000.“
„Die 60.000 wären nur die erste Zahlung gewesen.“
„Und wenn ich sie gegeben hätte?“
„Dann hätte ich weiter zahlen müssen.“
„Bis alles weg gewesen wäre.“
Er nickte.
Ich lehnte mich zurück.
Zum ersten Mal verstand ich, warum meine Familie so verzweifelt gewesen war. Nicht wegen einer einzigen Schuld. Sie hatten versucht, ein Loch zu stopfen, das längst viel größer geworden war.
„Wer ist der Mann?“
Julian schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Warum hat er dich ausgewählt?“
„Weil er wusste, dass ich schwach bin.“
Dann zog Julian einen weiteren Zettel hervor.
„Aber er hat mir etwas gesagt.“
Ich sah ihn an.
„Was?“
Julian flüsterte:
„Er sagte, dass dein Vater nicht dein größtes Problem ist.“
Elena wurde sofort aufmerksam.
„Was meinte er damit?“
„Er sagte, es gebe jemanden, der seit Jahren dafür sorgt, dass Richard Falks Name aus deinem Leben verschwindet.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Wer?“
Julian sah mich an.
„Er hat keinen Namen genannt.“
„Was hat er sonst gesagt?“
Julian zögerte.
Dann schob er den letzten Zettel über den Tisch.
„Nur das.“
Ich nahm ihn.
Darauf stand eine Adresse.
München.
Dieselbe Adresse, die Thomas Reuter mir am Vorabend nicht hatte nennen wollen.
Elena wurde blass.
„Das ist keine Privatadresse.“
„Was ist es?“, fragte ich.
Sie antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Ein ehemaliges Notariat.“
Ich sah Julian an.
„Woher weiß dieser Mann davon?“
„Keine Ahnung.“
„Und warum schickt er mich dorthin?“
Julian öffnete den Mund, doch bevor er antworten konnte, klingelte sein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Hallo?“
Niemand sagte etwas.
Dann veränderte sich sein Gesicht.
„Wer sind Sie?“
Seine Hand begann zu zittern.
Ich beobachtete ihn.
Plötzlich hörte ich aus dem Lautsprecher eine verzerrte Stimme.
„Du hast ihr den Umschlag gegeben.“
Julian wurde kreidebleich.
„Lassen Sie meine Schwester in Ruhe.“
„Du hattest nur eine Aufgabe.“
„Ich habe genug getan.“
„Nein.“
Eine kurze Pause.
Dann sagte die Stimme:
„Jetzt bekommt sie die Wahrheit.“
Die Verbindung wurde beendet.
Julian ließ das Handy sinken.
Elena stand sofort auf.
„Wir gehen.“
Doch ich blieb sitzen.
„Nein.“
Beide sahen mich an.
Ich legte das Foto vorsichtig auf den Tisch.
„Ich habe mein ganzes Leben lang Angst davor gehabt, die Wahrheit über meine Familie zu erfahren.“
Ich nahm den Zettel mit der Münchner Adresse.
„Jetzt habe ich mehr Angst davor, sie nicht zu erfahren.“
Elena wollte etwas sagen.
In diesem Moment erhielt ich eine Nachricht.
Eine unbekannte Nummer.
Nur ein Foto.
Ich öffnete es.
Es zeigte Thomas Reuter.
Er saß in einem dunklen Raum.
Seine Hände waren gefesselt.
Und unter dem Bild stand:
**„Wenn du wissen willst, wer dein Vater wirklich ist, komm allein.“**
Darunter erschien eine zweite Nachricht.
**„Und sag Dr. Vogt nichts.“**







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