Ich zeigte Elena die Nachricht.
Sie las sie zweimal. Dann legte sie mir das Handy aus der Hand, als könnte allein die Berührung des Bildschirms die Gefahr näherbringen.
„Du gehst nirgendwo allein hin.“
„Das verlangt die Nachricht.“
„Genau deshalb machst du es nicht.“
Ich sah wieder auf das Foto von Thomas Reuter. Sein Gesicht war blass, seine Brille lag schief auf dem Tisch. Hinter ihm war eine graue Betonwand zu sehen. Kein Fenster. Keine sichtbare Tür. Nur ein schwarzer Stuhl in der Ecke.
„Wenn er wirklich entführt wurde, haben wir nicht viel Zeit.“
Elena stand auf und ging zum Fenster des Krankenhauszimmers. Draußen begann gerade der Morgen. Menschen gingen zur Arbeit, Busse hielten vor dem Eingang, jemand schob einen Kinderwagen über den Gehweg. Alles wirkte normal.
„Wir rufen die Polizei.“
„Und wenn sie ihn dann umbringen?“
Elena drehte sich zu mir.
„Du denkst, du musst das allein lösen.“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich denke, dass meine Familie mich jahrelang glauben ließ, ich sei schwach. Und vielleicht habe ich ihnen irgendwann geglaubt.“
Elena setzte sich wieder.
„Du bist nicht schwach. Aber Mut bedeutet nicht, dass man sich in eine Falle stellt.“
Ich wollte antworten, doch mein Handy vibrierte erneut.
Eine neue Nachricht.
**„Du hast zehn Minuten.“**
Darunter erschien ein Standort.
Nicht das ehemalige Notariat.
Sondern ein altes Parkhaus am Münchner Ostbahnhof.
Elena fluchte leise.
„Das ist nicht die Adresse.“
„Ich weiß.“
„Dann wissen sie, dass du die Adresse kennst.“
„Ja.“
Sie griff nach ihrem Telefon.
„Ich kontaktiere die Polizei.“
Ich nickte.
Zum ersten Mal widersprach ich ihr nicht.
Während sie telefonierte, betrachtete ich das alte Foto von Richard Falk. Je länger ich es ansah, desto stärker wurde das Gefühl, dass ich etwas übersah.
Dann bemerkte ich etwas.
Auf dem Foto vor dem Krankenhaus stand mein Vater nicht neben Richard.
Er stand zwischen Richard und meiner Mutter.
Als würde er bewusst verhindern wollen, dass die beiden sich berührten.
Ich nahm das Foto näher an mich.
„Elena.“
Sie beendete das Gespräch.
„Was?“
„Schau hier.“
Sie beugte sich über das Bild.
„Was siehst du?“
Ich deutete auf Papas rechte Hand.
An seinem Finger glänzte ein Ring.
Ein Siegelring.
„Den kenne ich.“
Elena runzelte die Stirn.
„Woher?“
„Ich habe ihn als Kind gesehen.“
„Bei deinem Vater?“
„Nein.“
Ich schloss die Augen.
Eine Erinnerung tauchte auf. Ich war ungefähr sechs Jahre alt. Mama hatte mich nachts geweckt, weil sie mit mir zu einem Arzt fahren wollte. Im Flur stand ein fremder Mann. Er trug denselben dunklen Mantel wie auf dem Foto. Und an seiner Hand glänzte ein Ring mit einem kleinen Falkenkopf.
Ich hatte ihn nie wieder gesehen.
Oder zumindest dachte ich das.
„Der Mann auf dem Foto“, sagte ich langsam. „Er war später noch einmal bei uns.“
Elena sah mich an.
„Bist du sicher?“
„Jetzt ja.“
Mein Handy vibrierte.
Diesmal kam keine Nachricht.
Ein Anruf.
Unbekannte Nummer.
Elena bedeutete mir, auf Lautsprecher zu stellen.
Ich nahm ab.
„Hallo?“
Die Stimme war dieselbe wie am Vorabend.
„Du hast das Foto erkannt.“
Ich sagte nichts.
„Gut.“
„Wo ist Thomas?“
„Noch am Leben.“
„Was wollen Sie?“
Ein leises Lachen.
„Dass du aufhörst, Fragen über Richard Falk zu stellen.“
„Nein.“
„Dann wird jemand anderes für deine Neugier bezahlen.“
Ich ballte die Hand zur Faust.
„Wer?“
„Deine Mutter.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Ich sah Elena an.
„Wir müssen zu ihr.“
„Die Polizei ist unterwegs.“
„Sie wissen nicht, wo Mama ist.“
Elena griff nach ihrer Tasche.
„Dann finden wir es heraus.“
Wir riefen meine Mutter an.
Keine Antwort.
Noch einmal.
Mailbox.
Beim dritten Versuch ging jemand ran.
Aber es war nicht meine Mutter.
Es war mein Vater.
„Sie ist nicht hier“, sagte er.
Meine Stimme wurde kalt.
„Wo ist sie?“
„Das sollte ich dich fragen.“
„Was hast du mit ihr gemacht?“
„Gar nichts.“
Im Hintergrund hörte ich ein Geräusch.
Ein leises metallisches Klirren.
Dann eine Tür.
„Papa.“
Er schwieg.
„Wenn Mama etwas passiert—“
„Ihr wird nichts passieren.“
Seine Stimme klang anders.
Nicht wütend.
Erschöpft.
„Du musst mir zuhören.“
„Warum sollte ich?“
„Weil ich versucht habe, dich zu schützen.“
Ich lachte bitter.
„Du hast versucht, mich umzubringen.“
„Ich weiß.“
Zum ersten Mal hörte ich etwas in seiner Stimme, das ich bei ihm noch nie gehört hatte.
Scham.
„Ich habe heute Nacht einen Fehler gemacht, den ich nicht rückgängig machen kann.“
„Dann sag mir die Wahrheit.“
Lange Stille.
„Richard Falk war dein biologischer Vater.“
Ich schloss die Augen.
Obwohl ich es bereits wusste, tat es weh, es aus seinem Mund zu hören.
„Warum hast du mich angelogen?“
„Weil Richard nicht der Mann war, für den du ihn hältst.“
„Was meinst du?“
„Er wollte dich nicht nur finden.“
Papas Stimme wurde leiser.
„Er wollte dich mitnehmen.“
Mein Herz schlug schneller.
„Warum?“
„Weil du nicht das einzige Kind warst, das er damals hatte.“
Ich erstarrte.
„Was?“
„Deine Mutter hat dir nie erzählt, dass sie Zwillinge bekommen hat.“
Die Welt schien für einen Moment stillzustehen.
„Ich habe keinen Zwilling.“
„Doch.“
Ich hörte Papas Atem.
„Du hattest einen Bruder.“
Meine Finger wurden taub.
„Wo ist er?“
Papa antwortete nicht.
„Wo ist mein Bruder?“
Dann sagte er nur:
„Das ist der Grund, warum Richard Falk sterben musste.“
Die Verbindung brach ab.
Ich sah Elena an.
Sie hatte jedes Wort gehört.
Doch bevor einer von uns etwas sagen konnte, erhielt ich eine letzte Nachricht.
Ein Foto.
Darauf lag eine alte Geburtsurkunde auf einem Tisch.
Zwei Namen standen darauf.
**Clara Schneider.**
Und darunter:
**Leon Schneider.**
Neben Leons Namen war mit schwarzer Tinte ein einziges Wort geschrieben.
**„Vermisst.“**







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