Margarete verstand sofort, was sie getan hatte.
Ihr Gesicht verlor jede Farbe, und für einen Moment wirkte sie nicht mehr wie die Frau, die drei Jahre lang jeden Raum beherrscht hatte, den sie betrat. Sie sah plötzlich alt aus. Nicht schwach – nur entlarvt.
Thomas drehte sich langsam zu ihr um.
„Mutter.“
Es war kein Vorwurf. Es war eine Warnung.
Kriminalhauptkommissarin Brandt trat zwischen die beiden. „Welcher zweite Schlüssel?“
Margarete senkte die Hände. „Ich habe mich versprochen.“
„Das klang ziemlich konkret.“
„Ich bin aufgewühlt.“
„Dann erklären Sie es mir ganz in Ruhe.“
Thomas öffnete den Mund, doch Brandt hob nur eine Hand.
„Sie sprechen nicht für Ihre Mutter.“
Ich beobachtete die Szene aus dem Bett und dachte daran, wie oft Thomas für mich gesprochen hatte. Beim Arzt. Bei Freunden. Bei Bankterminen. Sogar im Restaurant, wenn der Kellner mich direkt gefragt hatte, was ich bestellen wollte.
Er hatte mein Leben Stück für Stück in Sätze verwandelt, die nur er beenden durfte.
Nun durfte er nicht einmal den seiner Mutter beenden.
Margarete schluckte. „Es gab einmal einen Ersatzschlüssel.“
„Für das Bankschließfach Ihrer Schwiegertochter?“
„Ich weiß nicht, wofür er war.“
Brandt sah sie lange an. „Aber Sie wussten, dass Ihr Sohn ihn genommen hat.“
„Ich sagte doch, ich habe mich versprochen.“
Thomas verlor zum ersten Mal sichtbar die Geduld. „Das reicht jetzt. Sie behandeln uns wie Verbrecher, während meine Frau unter Medikamenten steht und irgendwelche Fantasien erzählt.“
Ich sah zu ihm.
„Fantasiere ich auch über den Schlüssel?“
Er erstarrte.
Meine Stimme war schwach, aber sie schnitt durch den Raum.
Hannah legte mir vorsichtig eine Hand auf den Unterarm. „Nicht zu viel sprechen.“
Doch ich wollte Thomas ansehen.
Ich wollte sehen, wie lange seine Fassade hielt, wenn ich nicht mehr schwieg.
„Du hast mich vor drei Tagen nach den Öffnungszeiten meiner Bank gefragt“, sagte ich.
„Weil wir über Finanzen gesprochen haben.“
„Nein.“
„Du erinnerst dich falsch.“
Da war er wieder.
Der Satz, der jahrelang funktioniert hatte.
Du erinnerst dich falsch.
Vielleicht war genau deshalb die Kamera entstanden. Nicht nur, weil Dokumente verschwanden. Sondern weil ich irgendwann begonnen hatte, meinen eigenen Erinnerungen weniger zu vertrauen als seinen Behauptungen.
Brandt wandte sich an ihren Kollegen. „Ich möchte, dass die Bank informiert wird. Keine Verfügung über das Schließfach ohne Rücksprache mit uns.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Nein.“
Alle sahen mich an.
Ich zwang mich, ruhig zu atmen.
„Nicht nur informieren.“
Brandt trat wieder näher. „Was meinen Sie?“
„Mein Treuhänder.“
Ich nannte ihr seinen Namen: Dr. Friedrich Lenz.
Thomas’ Gesicht veränderte sich kaum merklich.
Nur Margarete bemerkte es ebenfalls.
„Was ist mit ihm?“, fragte Brandt.
„Er hat Anweisungen.“
„Welche?“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Mein Vater hatte Friedrich Lenz seit mehr als zwanzig Jahren gekannt. Nach seinem Tod war Lenz nicht nur Treuhänder geworden, sondern der letzte Mensch außerhalb meiner Ehe, dem ich noch vollständig vertraute. Ich hatte ihn vor vier Monaten kontaktiert, zuerst unter einem Vorwand. Später hatte ich ihm alles gesagt.
Fast alles.
„Wenn ich unter verdächtigen Umständen ins Krankenhaus komme, soll er eine Prüfung auslösen.“
„Welche Prüfung?“
„Der Beteiligungsgesellschaft. Sämtliche Konten, Vollmachten, Anteilstransfers und externen Zahlungen der vergangenen zwölf Monate.“
Thomas lachte kurz.
Es klang gezwungen.
„Das ist absurd. Du bist seit Jahren nicht mehr operativ beteiligt.“
„Ich muss nicht operativ beteiligt sein.“
„Du verstehst die aktuelle Struktur überhaupt nicht mehr.“
Dieser Satz brachte mich beinahe zum Lächeln.
„Ich habe sie mit entworfen.“
Brandt sah von mir zu Thomas.
„Warum sollte eine Prüfung der Gesellschaft für Sie problematisch sein, Herr Weber?“
„Ist sie nicht.“
Zu schnell.
Margarete sah ihn an.
Wieder dieser Blick.
Nicht der einer Mutter, die um ihren Sohn fürchtete.
Der einer Geschäftspartnerin, die gerade begriff, dass der andere vielleicht einen Fehler gemacht hatte.
Und da traf mich ein Gedanke, unangenehm klar.
Margarete hatte nie nur meine Kleidung oder meine Mahlzeiten kontrolliert.
Sie hatte regelmäßig Thomas’ Post sortiert.
Sie nahm Anrufe in seinem Arbeitszimmer entgegen.
Mehr als einmal hatte ich spätabends Stimmen hinter der geschlossenen Tür gehört, wenn die beiden glaubten, ich schlafe.
Ich hatte angenommen, sie redeten über mich.
Vielleicht hatten sie über Geld gesprochen.
Hannah bemerkte, dass mein Puls auf dem Monitor schneller wurde.
„Genug für heute“, sagte sie.
Brandt nickte. „Ich komme später zurück.“
Thomas wurde hinausgeführt. Margarete folgte unter Aufsicht.
Kurz bevor sie verschwand, drehte sie sich zu mir um.
Ihre Augen waren voller Hass.
Aber darunter lag etwas anderes.
Furcht.
Als die Tür geschlossen war, atmete Hannah aus.
„Du hast mir damals nur von der Patientenverfügung erzählt“, sagte sie leise.
„Ich wollte dich nicht hineinziehen.“
„Das hast du nicht.“
„Doch.“
„Nein. Thomas und seine Mutter haben das getan.“
Ich sah an die Decke.
„Hannah, ich glaube, es geht nicht nur um das Haus.“
Sie schwieg.
„Thomas wollte die Kontrolle über die Beteiligungsgesellschaft. Das wusste ich. Aber wenn Friedrich jetzt prüft, findet er vielleicht etwas, von dem ich selbst nichts weiß.“
Hannah setzte sich an mein Bett.
„Dann lass ihn prüfen.“
Weniger als eine Stunde später klingelte ihr Diensttelefon.
Sie ging ans Fenster, meldete sich und hörte lange zu.
Dann blickte sie zu mir.
„Es ist Brandt.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Hannah stellte den Lautsprecher an.
Brandts Stimme war sachlich, aber angespannt.
„Frau Weber, wir haben Dr. Lenz erreicht. Die Prüfung wurde automatisch ausgelöst, als das Krankenhaus Ihre Einlieferung gemeldet hat.“
„Gut.“
„Es gibt ein Problem.“
Ich wartete.
„Vor neun Tagen wurde versucht, über eine notariell beglaubigte Vollmacht Zugriff auf Vermögenswerte der Treuhand zu erhalten.“
Mir wurde kalt.
„Das ist unmöglich.“
„Dr. Lenz sagt dasselbe.“
„Wer hat die Vollmacht vorgelegt?“
Eine kurze Pause.
„Nicht Ihr Mann.“
Ich sah Hannah an.
„Wer dann?“
Brandt antwortete:
„Sie.“
Für einen Moment hörte ich nur das regelmäßige Piepen meines Monitors.
„Ich war bei keinem Notar.“
„Das dachte Dr. Lenz ebenfalls. Deshalb hat er die Freigabe blockiert.“
„Dann ist die Unterschrift gefälscht.“
„Möglicherweise.“
„Möglicherweise?“
Brandts Stimme wurde leiser.
„Die Unterschrift ist nicht das Merkwürdigste.“
Ich spürte, wie sich meine Finger in die Decke krallten.
„Was dann?“
„Der Antrag enthielt eine Kopie Ihres Personalausweises, eine beglaubigte Identitätsprüfung und eine Videoaufnahme, auf der eine Frau zu sehen ist, die Ihnen zum Verwechseln ähnlich sieht.“
Hannah wurde vollkommen still.
Ich ebenfalls.
Dann fügte Brandt hinzu:
„Und diese Frau nennt Thomas nicht ihren Ehemann.“
Eine Pause.
„Sie nennt ihn ihren Geschäftspartner.“







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