Brandt reagierte als Erste.
„Ab jetzt bleiben Sie nicht mehr allein.“
Sie zog ihr Telefon hervor und ging ein paar Schritte vom Bett weg. Ihre Stimme wurde leise, schnell, präzise. Zusätzlicher Schutz für mein Zimmer. Sofortige Sicherung von Claras Aufenthaltsort. Prüfung sämtlicher Zugänge zu meinem Patientenprofil. Niemand sollte ohne ausdrückliche Freigabe zu mir.
Ich hörte zu und dachte nur an einen Satz.
Vor ihrer Aussagefähigkeit.
Nicht vor ihrer Rückkehr nach Hause.
Nicht vor der nächsten Vorstandssitzung.
Vor ihrer Aussagefähigkeit.
Sie hatten gewusst, dass ein Krankenhausaufenthalt möglich war.
Vielleicht sogar wahrscheinlich.
„Brandt.“
Sie drehte sich zu mir.
„Die Patientenverfügung.“
„Was ist damit?“
„Jemand muss gewusst haben, dass Hannah darin steht.“
Hannah hob den Kopf.
Ich sah sie an.
„Der Satz mit der blauen Mappe war absichtlich nicht in den Unterlagen, die Thomas je gesehen hat. Nur in der Version bei meinem Treuhänder und in der Klinikakte.“
Hannah wurde blass.
Brandt verstand sofort.
„Dann gab es noch einen Informationskanal.“
Ich nickte.
„Oder jemand hatte Zugriff auf meine medizinischen Unterlagen.“
Hannah trat an den Computer im Zimmer.
„Ich kann sehen, wer die Akte geöffnet hat.“
Sie meldete sich an, klickte sich durch mehrere Menüs und hielt plötzlich inne.
„Das stimmt nicht.“
„Was?“
„Es gab gestern Nacht einen externen Zugriff.“
Brandt war sofort neben ihr.
„Von wo?“
„Nicht vom Krankenhaus.“
Hannah scrollte weiter.
„Ein medizinischer Dienstleister.“
Ich kannte den Namen nicht.
Hannah schon.
„Die erstellen unter anderem Gutachten für Versicherungen.“
Lebensversicherung.
Zwei Millionen.
Mir wurde kalt.
„Wer hat den Zugriff angefordert?“
Hannah klickte.
Dann sah sie mich an.
„Der Antrag lief über einen Arzt.“
„Welchen?“
„Dr. Martin Seidel.“
Ich kannte ihn.
Nicht gut.
Aber gut genug.
Thomas hatte mich vor etwa einem Jahr zu ihm gebracht.
Ein Psychiater.
Thomas hatte behauptet, meine Schlafprobleme machten ihm Sorgen. Seidel hatte mich kaum zwanzig Minuten allein gesprochen. Danach hatte Thomas wieder im Raum gesessen.
Ich erinnerte mich plötzlich an die Fragen.
Ob ich mich manchmal verfolgt fühle.
Ob ich glaube, andere Menschen wollten mir schaden.
Ob ich meinem Mann misstraue.
Damals hatte ich mich geschämt, die Wahrheit zu sagen.
Also hatte ich gelogen.
Nein.
Nein.
Natürlich nicht.
„Er hat mich begutachtet.“
Hannah drehte sich zu mir.
„Wann?“
Ich nannte ihr den ungefähren Zeitraum.
Brandt schrieb den Namen auf.
„Hat er Medikamente verordnet?“
„Nicht direkt.“
„Aber?“
„Er sagte Thomas, ich müsse dringend zur Ruhe kommen.“
Hannah schloss kurz die Augen.
„Das reicht möglicherweise, um später zu behaupten, Medikamente seien medizinisch begründet gewesen.“
Es fügte sich alles zusammen.
Nicht sauber.
Noch nicht.
Aber genug.
Thomas hatte die Geschichte über meine angebliche Instabilität geliefert.
Margarete hatte sie im Alltag sichtbar gemacht.
Clara hatte die finanziellen Strukturen gebaut.
Ein Arzt hatte vielleicht die medizinische Grundlage geliefert.
„Suchen Sie nach Zahlungen an Seidel“, sagte ich.
Brandt nickte und rief jemanden an.
Keine zwanzig Minuten später hatte sie eine Antwort.
„Meridian Consult hat vor sieben Monaten 48.000 Euro an eine Firma überwiesen, die Seidels Ehefrau gehört.“
Hannah fluchte leise.
Ich tat gar nichts.
Ich spürte nur, wie eine letzte Illusion zerbrach.
Sie hatten nicht improvisiert.
Sie hatten Institutionen benutzt.
Akten.
Diagnosen.
Verträge.
Alles, was glaubwürdiger wirkte als meine eigene Stimme.
„Wir brauchen Clara“, sagte ich.
Brandt sah mich an.
„Wir suchen sie bereits.“
„Nein. Wir brauchen sie zum Reden.“
„Das ist nicht Ihre Aufgabe.“
„Sie wird nicht reden, wenn sie glaubt, der Plan funktioniert noch.“
Brandt schwieg.
Ich dachte an Thomas.
An seinen Blick, als er nach dem Schließfach fragte.
An Margaretes Angst.
An Clara als Projektleiterin.
Und dann begriff ich etwas.
„Sie wissen noch nicht, dass Friedrich den gesamten Ordner gespiegelt hat.“
„Vermutlich nicht.“
„Dann dürfen sie es auch nicht erfahren.“
Brandt musterte mich.
„Was schlagen Sie vor?“
„Lassen Sie sie glauben, dass die Beweise im Schließfach liegen.“
Hannah schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
„Ich muss nirgendwohin.“
„Das habe ich nicht gemeint.“
Ich sah Brandt an.
„Wenn Thomas oder Clara glauben, dass nur das Schließfach sie belastet, werden sie versuchen, daran heranzukommen.“
„Zu riskant.“
„Für wen?“
„Für Sie.“
„Ich liege auf einer bewachten Station.“
Brandt antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie: „Und wenn sie einen weiteren Weg haben?“
„Dann finden wir ihn jetzt statt später.“
Es dauerte fast eine Stunde, bis Staatsanwaltschaft und Ermittler zustimmten.
Nicht zu einer Falle im klassischen Sinn.
Zu kontrollierter Desinformation.
Lenz sollte über einen Kanal, von dem wir wussten, dass Thomas ihn kannte, den Eindruck erwecken, die relevanten Originalunterlagen würden am nächsten Morgen aus dem Bankschließfach abgeholt.
Mehr nicht.
Kein Ort.
Keine Uhrzeit.
Nur genug, um jemanden nervös zu machen.
Um 23:47 Uhr kam die erste Bewegung.
Nicht bei der Bank.
Bei Thomas.
Sein Telefon, das seit Stunden ausgeschaltet gewesen war, meldete sich kurz in einem Mobilfunknetz an.
Drei Minuten später ein zweites Gerät.
Claras.
Beide in derselben Gegend.
Brandt zeigte mir die Karte.
„Industriegebiet im Norden.“
„Was ist dort?“
Sie schwieg kurz.
Dann sagte sie: „Unter anderem Meridian Consult.“
Ich hätte lachen können.
All die Scheinfirmen.
All die Umwege.
Und am Ende liefen sie offenbar doch zum Zentrum zurück.
Die Polizei fuhr los.
Ich blieb mit Hannah im Zimmer.
Mitternacht verging.
Dann halb eins.
Um 00:38 Uhr klingelte Brandts Telefon bei Hannah, weil meines vorsorglich ausgeschaltet worden war.
Hannah nahm ab.
„Ja?“
Sie hörte.
Ihr Gesicht veränderte sich.
„Was ist passiert?“
Ich richtete mich auf.
„Hannah.“
Sie sah mich an.
„Sie haben Clara gefunden.“
Mein Herz schlug schneller.
„Und Thomas?“
Hannah hörte weiter zu.
Dann sagte sie: „Noch nicht.“
„Wo war Clara?“
„Im Büro von Meridian.“
Ich wartete.
„Und?“
Hannah presste die Lippen zusammen.
„Sie wollte gerade Unterlagen verbrennen.“
Ich atmete aus.
Endlich.
Ein Fehler.
Ein echter.
„Hat sie geredet?“
Hannah stellte auf Lautsprecher.
Brandts Stimme kam aus dem Telefon.
„Nicht viel. Aber genug.“
„Was hat sie gesagt?“
„Zuerst behauptete sie, Thomas habe alles allein gemacht.“
Ich schloss die Augen.
Natürlich.
„Und dann?“
„Dann haben wir ihr Projekt Abendrot gezeigt.“
„Wie hat sie reagiert?“
„Sie hat nach einem Anwalt verlangt.“
„Das ist noch kein Geständnis.“
„Nein.“
Brandt machte eine Pause.
„Aber kurz davor hat sie etwas gesagt.“
„Was?“
„Sie fragte, ob Thomas bereits bei Ihnen gewesen sei.“
Mein Blick ging sofort zur Tür.
Zwei Beamte standen davor.
„Er ist nicht hier.“
„Das wissen wir.“
Brandts Stimme wurde schärfer.
„Aber Clara behauptet, Thomas habe seit Monaten einen Krankenhausplan.“
Hannah wurde blass.
„Was für einen Plan?“
„Einen Zugang, der nicht über Besucher oder Personal läuft.“
Ich spürte, wie sich mein Nacken versteifte.
„Wovon reden Sie?“
Im selben Moment fiel im Zimmer das Licht aus.
Nicht nur bei mir.
Der gesamte Flur wurde dunkel.
Eine Sekunde später sprang die Notbeleuchtung an.
Rot.
Schwach.
Hannah drehte sich zur Tür.
Draußen hörte ich Rufe.
Dann Funkverkehr.
Mein Monitor lief weiter.
Und plötzlich begriff ich, warum Thomas sich nie für meine medizinischen Geräte interessiert hatte.
Er hatte sich für den Umbau des Krankenhauses interessiert.
Vor sechs Monaten hatte er beim Abendessen beiläufig erwähnt, dass eine seiner Firmen einen technischen Subunternehmer für dieses Gebäude vermittle.
Damals hatte ich nicht einmal nachgefragt.
Jetzt hörte ich Brandt am Telefon schreien:
„Schließen Sie sofort den Versorgungstrakt!“
Zu spät.
Am Ende des Flurs öffnete sich eine Tür, die für Patienten und Besucher nie benutzt wurde.
Ein Mann in grauer Technikerjacke trat heraus.
Und obwohl er eine Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte, erkannte ich Thomas sofort.
In seiner rechten Hand hielt er keinen Schlüssel.
Keine Waffe.
Sondern eine blaue Mappe.







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