Ich hörte meine eigene Stimme, bevor ich überhaupt begriff, was ich sagte.
„Leo?“
Keine Antwort.
Ich rannte durch den Flur, riss die Haustür auf und stürzte auf die Straße. Mein Blick flog von einem Ende der Straße zum anderen. Nichts. Nur der kalte Abendwind, ein paar vorbeifahrende Autos und die alte Bank neben dem Haus.
„Leo!“
Hinter mir hörte ich meinen Vater.
„Emma, warte!“
„Wo ist mein Sohn?“
Meine Mutter stand noch immer im Flur. Ihr Gesicht war kreidebleich.
„Er war gerade noch hier.“
„Du warst bei ihm!“
„Ich habe nur für eine Sekunde zur Seite gesehen.“
„Für eine Sekunde?“
Meine Stimme brach.
Ich wollte wieder losrennen, doch mein Vater packte meinen Arm.
„Wir müssen ruhig bleiben.“
Ich riss mich los.
„Mein zehnjähriger Sohn ist verschwunden! Ich werde ganz sicher nicht ruhig bleiben.“
Er zog sein Handy heraus.
„Ich rufe die Polizei.“
In diesem Moment entdeckte ich etwas auf dem Boden. Neben Leos Rucksack lag ein kleiner schwarzer Gegenstand. Ich ging in die Hocke und hob ihn auf.
Ein Schlüsselanhänger.
Daran hing ein Metallplättchen mit einer eingravierten Nummer.
**17.**
Mein Vater sah ihn und erstarrte.
„Was ist?“
Er antwortete nicht.
„Papa!“
„Der Schlüsselanhänger gehörte Daniel.“
Mir wurde schwindelig.
„Woher sollte Leo ihn haben?“
„Das weiß ich nicht.“
Ich hielt den Gegenstand fester.
„Du lügst.“
„Emma, ich schwöre—“
„Du hast zehn Jahre lang gelogen!“
Meine Mutter begann zu weinen.
„Emma, bitte, wir müssen Leo finden.“
Dann vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht.
Diesmal von derselben unbekannten Nummer.
Ich öffnete sie.
**„Wenn du Leo zurückhaben willst, komm allein zum alten Bahnhof. Du hast dreißig Minuten. Bring die Mappe mit.“**
Darunter stand:
**„Und sag deinem Vater nichts.“**
Ich hob langsam den Kopf.
Mein Vater sah mich an.
„Wer ist es?“
Ich steckte das Handy in meine Tasche.
„Niemand.“
Er erkannte sofort, dass ich log.
„Emma.“
„Ich muss Leo finden.“
„Wir gehen zusammen.“
„Nein.“
„Du weißt nicht, wer dahintersteckt.“
„Genau deshalb darfst du nicht mitkommen.“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Ich lasse dich nicht allein dorthin gehen.“
„Du hast mich schon einmal allein gelassen.“
Er zuckte zusammen.
„Diesmal werde ich nicht—“
„Doch“, unterbrach ich ihn. „Diesmal musst du.“
Ich nahm die braune Mappe vom Boden, die ich im Keller gefunden hatte. Bevor ich ging, sah ich noch einmal zu meiner Mutter.
„Wenn Leo etwas passiert, werde ich euch das nie verzeihen.“
„Bitte bring ihn zurück“, flüsterte sie.
Ich ging.
Der alte Bahnhof lag nur wenige Kilometer entfernt. Während der Fahrt konnte ich kaum atmen. Immer wieder dachte ich an die Geburtsurkunde. An den fremden Namen unter „Mutter“. An das Foto von mir und Daniel. An die Nachricht, die behauptete, Daniel sei noch am Leben.
Und vor allem an Leo.
Als ich den Wagen vor dem verlassenen Bahnhofsgebäude abstellte, war es bereits dunkel.
Ich stieg aus.
Niemand war zu sehen.
„Ich bin hier!“, rief ich.
Nur der Wind antwortete.
Dann hörte ich Schritte.
Ein Mann kam langsam aus dem Schatten des alten Wartehäuschens.
Ich blieb stehen.
Er trug einen dunklen Mantel und hatte die Hände in den Taschen.
„Die Mappe“, sagte er.
„Wo ist mein Sohn?“
„Er ist sicher.“
„Ich will ihn sehen.“
„Zuerst die Mappe.“
Ich hielt sie hoch.
„Wer bist du?“
Der Mann kam näher.
Das Licht einer alten Lampe fiel auf sein Gesicht.
Ich erkannte ihn nicht.
Doch dann zog er einen kleinen Gegenstand aus seiner Tasche.
Ein altes Foto.
Mein Herz setzte aus.
Es zeigte Daniel.
Und neben ihm stand eine Frau.
Dieselbe Frau, deren Name auf meiner Geburtsurkunde stand.
„Sie kennen sie“, sagte der Mann.
„Nein.“
„Doch.“
Er drehte das Foto um.
Auf der Rückseite stand ein Datum.
Neunzehn Jahre vor meiner Schwangerschaft.
Darunter nur ein Satz:
**„Emma darf niemals erfahren, dass sie nicht unsere Tochter ist.“**
Ich konnte nicht sprechen.
Der Mann sah mich ernst an.
„Jetzt verstehen Sie, warum Ihre Eltern damals solche Angst hatten.“
„Wo ist Leo?“
„Bei jemandem, dem er vertraut.“
„Bei wem?“
Der Mann antwortete nicht sofort.
Dann sagte er leise:
„Bei seinem Vater.“
Mein ganzer Körper wurde kalt.
„Daniel ist tot.“
Der Mann schüttelte langsam den Kopf.
„Das haben Sie zehn Jahre lang geglaubt.“
In diesem Augenblick hörte ich hinter mir einen Wagen bremsen.
Ich drehte mich um.
Die Scheinwerfer blendeten mich.
Eine Autotür öffnete sich.
Und eine Stimme, die ich seit zehn Jahren nur noch aus meinen Erinnerungen kannte, sagte:
„Emma.“
Ich erkannte sie sofort.
Daniel.
Doch bevor ich mich bewegen konnte, sagte er nur einen weiteren Satz:
„Dein Vater hat dir nie erzählt, warum er damals wirklich versucht hat, dich loszuwerden.“







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