Unterhaltung

Mit 19 Warfen Mich Meine Eltern Raus, Weil Ich Mein Baby Behalten Wollte – 10 Jahre Später Kehrte Ich Mit Meinem Sohn Zurück Und Enthüllte Das Geheimnis, Vor Dem Sie Sich All Die Jahre Gefürchtet Hatten

Daniel löschte sofort die kleine Lampe. Das Wohnzimmer versank in Dunkelheit, nur durch die Vorhänge fiel ein schmaler Streifen Licht von draußen. Ich zog Leo instinktiv näher an mich. Die ältere Frau – meine Mutter, obwohl sich dieses Wort in meinem Kopf noch völlig fremd anfühlte – stand regungslos neben dem Tisch.

„Wer ist da?“, flüsterte ich.

Daniel antwortete nicht sofort. Er ging zum Fenster und hob den Vorhang kaum einen Zentimeter an.

„Dein Vater.“

Für einen Augenblick war ich erleichtert.

„Dann lass ihn rein.“

„Nicht Margaretes Mann.“

Ich verstand zunächst nicht.

Dann drehte Daniel sich zu mir um.

„Dein leiblicher Vater.“


Mein Blick wanderte zu der Frau.

Sie war kreidebleich.

„Viktor?“

Daniel nickte.

In diesem Moment klopfte es.

Dreimal.

Langsam. Ruhig.

Meine Mutter griff nach meiner Hand.

„Emma, hör mir genau zu. Was auch passiert, du bleibst bei Leo.“

„Warum?“


„Weil Viktor nicht wegen mir gekommen ist.“

Wieder drei Schläge.

„Wegen wem dann?“

Ihre Augen wanderten zu meinem Sohn.

Mir wurde kalt.

Daniel öffnete die Hintertür.

„Wir gehen.“

Doch bevor wir uns bewegen konnten, ertönte von draußen eine Männerstimme.

„Emma.“

Ich erstarrte.


„Ich weiß, dass du da bist.“

Leo drückte meine Hand.

„Mama, wer ist das?“

„Jemand, mit dem ich reden muss.“

Meine Mutter schüttelte heftig den Kopf.

„Nein.“

„Ich laufe nicht noch einmal weg.“

„Du verstehst nicht, wer dieser Mann ist.“

Ich sah sie an.

„Dann erklär es mir endlich.“


Das Klopfen verstummte.

Meine Mutter schloss die Augen.

„Viktor Rehm war mein Mann.“

Daniel sagte nichts.

„Und dein Vater.“

Die Worte fühlten sich seltsam leer an. Vielleicht weil in den letzten Stunden bereits zu viel zerbrochen war.

„Warum habt ihr mich versteckt?“

Sie setzte sich langsam.

„Weil Viktor besessen von Vererbung war. Nicht als Vater. Als Wissenschaftler.“

Daniel trat näher.


„Er leitete damals ein privates Forschungsprogramm.“

„Was für ein Programm?“

Meine Mutter sah Leo an.

„In unserer Familie gibt es eine seltene genetische Besonderheit.“

Ich dachte an Leo. An seine ungewöhnliche Beobachtungsgabe, sein erstaunliches Gedächtnis, daran, dass er sich Dinge merken konnte, die er nur einmal gesehen hatte.

„Was hat das mit meinem Bruder zu tun?“

Meine Mutter atmete zitternd ein.

„Dein Bruder Lukas wurde drei Jahre vor dir geboren. Viktor begann schon früh, Untersuchungen an ihm durchzuführen. Als ich begriff, wie weit er gehen wollte, versuchte ich mit beiden Kindern zu verschwinden.“

„Mit beiden?“

Sie nickte.


„Aber ich schaffte es nur mit dir.“

„Was geschah mit Lukas?“

„Viktor behielt ihn.“

Ein schweres Schweigen entstand.

„Und dann?“

„Jahre später bekam ich die Nachricht, Lukas sei gestorben.“

Ich blickte auf den Brief in meiner Hand.

„Aber hier steht, dass er lebt.“

„Weil ich später herausfand, dass sein Tod vorgetäuscht worden war.“

Plötzlich hörten wir Schritte neben dem Haus.


Daniel fluchte leise.

„Er geht nach hinten.“

Meine Mutter stand auf.

„Nimm Emma und Leo.“

„Und du?“

„Ich rede mit ihm.“

„Nein“, sagte ich.

Sie sah mich überrascht an.

„Ich kenne dich seit vielleicht zwanzig Minuten“, sagte ich. „Aber ich habe heute genug Menschen verloren und wiedergefunden.“

Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht.


Dann wurde die Hintertür geöffnet.

Nicht gewaltsam.

Mit einem Schlüssel.

Ein älterer Mann trat herein.

Vielleicht Mitte sechzig. Grauer Mantel, silbernes Haar, aufrechte Haltung. Er wirkte nicht bedrohlich. Gerade das machte ihn unheimlicher.

Sein Blick fiel auf mich.

Er blieb stehen.

„Emma.“

Meine Mutter stellte sich zwischen uns.

„Viktor.“


Er ignorierte sie.

Seine Augen wanderten über mein Gesicht, als suche er darin etwas.

„Du siehst deiner Mutter ähnlich.“

„Sie bleiben dort.“

Er lächelte schwach.

„Du glaubst also alles, was sie dir erzählt haben?“

„Ich glaube momentan niemandem.“

„Gut.“

Diese Antwort überraschte mich.

Viktor zog einen Umschlag aus seinem Mantel.


Daniel trat vor.

„Keine Bewegung.“

Viktor sah ihn beinahe amüsiert an.

„Daniel Weber. Zehn Jahre versteckt und immer noch überzeugt, der Held dieser Geschichte zu sein.“

Daniel spannte sich an.

„Was wollen Sie?“

„Dass meine Tochter endlich die Wahrheit erfährt.“

„Von Ihnen?“

„Vor allem über dich.“

Viktor legte den Umschlag auf den Tisch.

„Frag Daniel, warum er Emma wirklich kennengelernt hat.“

Ich sah zu Daniel.

Er schwieg.

„Was meint er?“

„Emma—“

„Sag es.“

Viktor antwortete für ihn.

„Daniel hat dich nicht zufällig kennengelernt.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Er wurde zu dir geschickt.“

Ich starrte Daniel an.

„Stimmt das?“

Daniel schloss für einen Moment die Augen.

„Ja.“

Das Wort traf mich härter, als ich erwartet hatte.

„Von wem?“

„Von Viktor.“

Ich wich zurück.

Daniel kam einen Schritt auf mich zu.

„Am Anfang sollte ich dich nur beobachten.“

„Warum?“

Viktor lächelte nicht mehr.

„Weil wir wissen mussten, ob du dieselbe Besonderheit entwickelt hattest wie Lukas.“

„Und dann wurde ich schwanger.“

Daniel nickte.

„Und ich wollte aussteigen.“

Plötzlich verstand ich etwas.

„Deshalb bist du verschwunden.“

„Ja.“

„Und deshalb sollte Leo nicht gefunden werden.“

„Ja.“

Ich sah Viktor an.

„Was wollen Sie von meinem Sohn?“

„Nichts.“

Meine Mutter lachte bitter.

„Lügner.“

Viktor ignorierte sie und öffnete den Umschlag.

Er zog mehrere Dokumente heraus.

„Ich bin nicht wegen Leo gekommen.“

Dann legte er ein aktuelles Foto auf den Tisch.

Ein Mann von ungefähr dreißig Jahren war darauf zu sehen. Dunkles Haar. Blaue Augen.

Meine Augen.

„Wer ist das?“

Viktor sah mich lange an.

„Lukas.“

Meine Mutter griff nach dem Tisch.

„Nein.“

„Er lebt“, sagte Viktor.

Ich konnte kaum atmen.

„Wo ist er?“

Viktor schob mir ein zweites Blatt zu.

Darauf stand eine Adresse in Hannover.

„Er hat die letzten Monate nach dir gesucht.“

Daniel nahm das Blatt und wurde plötzlich bleich.

„Diese Adresse…“

„Was?“

Daniel sah Viktor an.

„Das ist die Adresse des Krankenhauses.“

Viktor nickte.

„Genauer gesagt des Archivs darunter.“

Meine Mutter begann zu zittern.

„Du hast gesagt, es sei geschlossen worden.“

„Das Krankenhaus schon.“

Viktor wandte sich wieder mir zu.

„Lukas hat dort etwas gefunden, Emma. Etwas über deine Geburt.“

„Was?“

Zum ersten Mal sah ich echte Angst in Viktors Gesicht.

„Den Beweis, dass ich möglicherweise gar nicht dein Vater bin.“

Niemand sprach.

Dann zog er ein letztes Foto aus dem Umschlag und legte es vor mich.

Darauf waren meine biologische Mutter, Viktor und ein dritter Mann zu sehen.

Ich kannte diesen Mann.

Ich hatte ihn vor weniger als einer Stunde gesehen.

Ich hob den Kopf und sah zu Daniel.

Doch Daniel schüttelte sofort den Kopf.

„Nein, Emma. Schau genauer hin.“

Ich tat es.

Der Mann auf dem Foto sah Daniel verblüffend ähnlich.

Aber er war deutlich älter.

Auf der Rückseite stand ein Name.

**Johannes Weber.**

Darunter:

**„Vater von Daniel Weber.“**

Und plötzlich verstand ich, warum meine Eltern vor zehn Jahren so entsetzt gewesen waren, als sie erfuhren, wer Leos Vater war.

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