Für einen Moment konnte ich Hanna nur ansehen. Nicht weil ich glaubte, sie hätte mich betrogen. Dieser Gedanke kam nicht einmal auf. Es war die Tatsache, dass meine Frau drei Monate lang einen Weg zu Alexander gehabt hatte, während ich nicht einmal wusste, dass dieser Mann existierte. Hanna erkannte sofort, was in meinem Gesicht vorging.
„Finn ist dein Sohn.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Sie senkte den Blick.
„Nein.“
„Ich frage dich, warum du unserem Sohn heimlich eine DNA-Probe genommen und sie einem Mann geschickt hast, von dem du mir nie erzählt hast.“
Hanna atmete langsam ein. Dann erzählte sie alles.
Drei Monate zuvor hatte sie zwischen meiner Post einen Umschlag gefunden, der offenbar versehentlich nicht von meinen Eltern abgefangen worden war. Darin lag kein Brief, nur eine Münchner Postfachadresse und ein Foto von mir als Baby. Auf der Rückseite standen drei Worte:
**Frag nach Alexander.**
Hanna hatte zunächst geglaubt, jemand wolle uns betrügen. Dann fand sie im Keller das alte Fotoalbum. Darin entdeckte sie ein Bild meiner Mutter mit einem jungen Mann, dessen Gesicht teilweise herausgeschnitten worden war. Auf seinem Handgelenk: dieselbe silberne Uhr.
„Ich schrieb an das Postfach“, sagte sie. „Nur um herauszufinden, wer dahintersteckte.“
Zwei Wochen später erhielt sie eine Antwort von Alexander. Er behauptete, mein biologischer Vater zu sein. Hanna verlangte einen Beweis.
Alexander schlug einen Verwandtschaftstest vor.
„Warum Finn?“
„Weil deine Eltern inzwischen deine persönlichen Sachen durchsucht haben. Ich hatte Angst, dass sie eine Probe von dir entdecken würden. Bei Finn konnte ich einen benutzten Schnuller einschicken, ohne dass jemand etwas bemerkte.“
Mein Blick fiel auf unseren Sohn.
„Und das Ergebnis?“
Hanna schwieg zu lange.
„Hanna.“
„Alexander ist mit Finn verwandt.“
Rebecca beugte sich vor.
„Wie stark?“
„Der Bericht sprach von einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit für eine direkte Großvater-Enkel-Beziehung.“
Damit war es nahezu sicher.
Alexander war mein Vater.
„Warum hat er dann mein Erbe blockiert?“
„Das weiß ich nicht. Danach brach er den Kontakt ab.“
Rebecca schüttelte den Kopf.
„Etwas fehlt.“
Sie hatte recht.
Wenn Alexander durch Finn bestätigt hatte, dass ich sein Sohn war, hätte er keinen Grund gehabt, die Stiftung zu sperren. Es sei denn, es ging ihm nie darum, meine Identität zu prüfen.
Mein Telefon vibrierte.
Dieselbe unbekannte Nummer, von der das Foto gekommen war.
Diesmal war es eine Audiodatei.
Krüger bestand darauf, sie zuerst technisch prüfen zu lassen. Wenige Minuten später erhielten wir die Freigabe. Ich drückte auf Wiedergabe.
Alexanders Stimme klang müde.
„Jonas, falls du das hörst, ist die Situation gefährlicher geworden, als ich gehofft hatte. Die DNA-Probe hat bestätigt, was ich bereits wusste. Du bist mein Sohn. Aber sie hat noch etwas anderes gezeigt.“
Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
„Jemand hatte bereits vor Hanna versucht, über Finn einen Abstammungsnachweis anzufordern.“
Hanna sah mich entsetzt an.
„Ich war nicht die Erste?“
Die Aufnahme lief weiter.
„Die Anfrage kam über ein Labor, das seit Jahren mit Winter Medical Systems zusammenarbeitet. Deshalb habe ich deinen Anspruch blockiert. Nicht um dir etwas wegzunehmen. Sondern weil jede Aktivierung der Stiftung Friedrich Falkenberg sofort gezeigt hätte, dass ich dich gefunden habe.“
Rebecca verstand als Erste.
„Alexander hat das Vermögen eingefroren, um Jonas zu verstecken.“
Alexanders Stimme fuhr fort:
„Friedrich sucht nicht dein Geld. Er sucht etwas, das mit deinem Anspruch automatisch freigegeben würde: mein ursprüngliches Forschungsarchiv.“
Da war sie wieder, die größere Wahrheit hinter der kleineren.
Es ging nicht um Milliarden.
Nicht wirklich.
Alexander erklärte, dass er vor Jahrzehnten an einer medizinischen Technologie gearbeitet hatte. Als er aus dem Unternehmen gedrängt wurde, hatte er Kopien seiner Forschungsunterlagen in die Stiftung eingebracht. Darunter befanden sich offenbar Dokumente, die beweisen konnten, dass Falkenberg Forschungsergebnisse manipuliert und später als eigene Entwicklungen vermarktet hatte.
„Wenn die Stiftung vollständig auf dich übergeht“, sagte Alexander, „erhältst du automatisch Zugriff auf dieses Archiv.“
Dann wurde seine Stimme härter.
„Und Friedrich weiß das.“
Die Aufnahme endete mit einer Adresse.
Ein altes Jagdhaus außerhalb von München.
Krüger schüttelte sofort den Kopf.
„Sie fahren dort nicht hin.“
„Alexander wartet möglicherweise dort.“
„Oder jemand möchte, dass Sie das glauben.“
Damit hatte er recht.
Wir überprüften deshalb zuerst die Metadaten der Datei. Sie war vor weniger als einer Stunde erstellt worden. Die Polizei in München wurde informiert.
Während wir warteten, kam eine weitere Entwicklung aus meinem Haus. Bei der Durchsuchung von Lukas' Zimmer hatten Beamte einen zweiten Laptop gefunden. Darauf befanden sich E-Mails zwischen Lukas und einer Person, die nur unter den Initialen F.F. gespeichert war.
Lukas hatte Informationen verkauft.
Über mich.
Über Hanna.
Über Finn.
Ich spürte, wie etwas in mir zerbrach.
Mein eigener Bruder hatte einem Fremden mitgeteilt, wann Hanna das Haus verließ, wann Finn Arzttermine hatte und sogar wann ich aus dem Ausland zurückkehren sollte.
Krüger ließ Lukas erneut vernehmen.
Diesmal hielt er keine zehn Minuten durch.
„Ich wusste nicht, worum es ging!“, schrie er laut Protokoll. „Der Mann wollte nur Informationen über Jonas!“
„Welcher Mann?“
Lukas behauptete, ihn nie persönlich getroffen zu haben. Er bekam Geld für jede Information. Insgesamt fast achtzigtausend Euro.
„Warum?“, fragte der Ermittler.
Lukas' Antwort bestand aus einem Satz:
„Weil ich mein ganzes Leben lang der zweite Sohn war.“
Ich musste das Telefon weglegen.
Achtzigtausend Euro.
Dafür hatte mein Bruder meine Familie beobachtet.
Am Abend kam endlich die Rückmeldung aus München.
Das Jagdhaus existierte.
Die Polizei war dort.
Aber Alexander war verschwunden.
Auf dem Küchentisch standen zwei Tassen Kaffee, eine davon noch warm. Jemand war also erst kurz zuvor gegangen.
Außerdem fanden die Beamten einen Laptop.
Darauf befand sich nur ein einziger Ordner.
**JONAS.**
Darin waren Fotos aus meinem gesamten Leben. Einschulung. Abitur. Militärakademie. Hochzeit. Sogar ein Bild von mir und Hanna, als wir Finn aus dem Krankenhaus nach Hause brachten.
Alexander hatte mich jahrelang beobachtet.
Doch das letzte Foto war anders.
Es zeigte meinen Vater Rolf vor einem Restaurant.
Neben ihm stand Friedrich Falkenberg.
Das Datum lag zwölf Jahre zurück.
Sie kannten sich also seit mindestens zwölf Jahren.
Unter dem Foto hatte Alexander eine Notiz gespeichert:
**Rolf hat mich damals belogen. Friedrich hat dafür bezahlt.**
Rebecca öffnete das nächste Dokument.
Eine Überweisung.
Vor achtunddreißig Jahren hatte eine Firma, die später in Winter Medical Systems aufgegangen war, eine erhebliche Geldsumme auf ein Konto überwiesen.
Kontoinhaber:
**Rolf Berger.**
Verwendungszweck:
**Beratungsleistung.**
Am selben Tag war Alexander offiziell darüber informiert worden, dass sein neugeborener Sohn gestorben sei.
Hanna begann zu weinen.
Ich dagegen fühlte plötzlich gar nichts mehr.
Mein Vater hatte mich nicht nur aus Eifersucht von Alexander getrennt.
Er war dafür bezahlt worden.
Doch dann öffnete Rebecca die letzte Datei auf dem Laptop.
Ein Video.
Alexander saß direkt vor der Kamera.
„Jonas“, begann er, „wenn du diese Aufnahme siehst, hast du wahrscheinlich bereits erfahren, dass Rolf Geld von Friedrich angenommen hat. Aber bitte mach nicht denselben Fehler wie ich.“
Er lehnte sich näher zur Kamera.
„Glaube nicht, dass Rolf derjenige war, der den Plan erfunden hat.“
Eine Pause.
„Die Person, die Friedrich damals zuerst kontaktiert hat, war jemand, dem ich vollkommen vertraute.“
Alexander griff nach einem vergilbten Brief.
„Deine Mutter.“
Hanna neben mir erstarrte.
Ich hörte kaum noch, was danach kam.
Alexander hielt den Brief in die Kamera.
Darunter stand eindeutig Claudias Unterschrift.
Und über ihr handschriftlicher Satz:
**Ich brauche Ihre Hilfe. Alexander darf meinen Sohn niemals bekommen.**







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