Anna sagte mehrere Sekunden lang nichts. Sie hörte die Durchsage eines Fluges nach Madrid, das Rollen eines Koffers über den Steinboden und Emilias leises Lachen irgendwo hinter ihr. All diese gewöhnlichen Geräusche wirkten plötzlich absurd, weil die Frau am Telefon gerade behauptet hatte, dass eine medizinische Akte aus Zürich, von der Anna nichts wusste, ihren Namen trug.
„Das muss ein Irrtum sein.“
„Das dachte ich zunächst auch“, antwortete die Frau. „Mein Name ist Dr. Eva Lorenz, ich leite heute die gynäkologische Abteilung. Wir haben einen alten Datensatz abgeglichen, nachdem bei Frau König bestimmte Angaben nicht zusammenpassten.“
„Welche Angaben?“
„Das darf ich telefonisch nicht vollständig erläutern. Aber in der Züricher Akte sind Sie als Patientin beziehungsweise genetisch zugeordnete Person vermerkt.“
Anna spürte, wie Hoffmann sie beobachtete.
„Ich war nie Patientin in Zürich.“
Eine kurze Pause.
„Dann sollten Sie dringend klären, warum Ihre Daten dort gespeichert wurden.“
„Was hat Vanessa damit zu tun?“
Dr. Lorenz atmete hörbar aus. „Frau König hat uns heute Unterlagen einer privaten Kinderwunschklinik vorgelegt. Darin befindet sich eine Referenznummer. Dieselbe Nummer taucht in dem alten Züricher Datensatz auf.“
Anna musste sich setzen.
„Wollen Sie sagen, Vanessa war in derselben Klinik?“
„Nein. Ich sage, dass Material, das ihrer Behandlung zugeordnet wurde, offenbar eine Verbindung zu einem elf Jahre alten Vorgang besitzt.“
Anna sah zu Jonas.
Neun Monate vor seiner Geburt.
Zürich.
Benjamin.
Ihr Vater.
Richard Berger.
Benjamins Mutter.
„Was für Material?“
„Das kann ich ohne Einwilligung der Patientin nicht besprechen.“
„Dann warum rufen Sie mich an?“
Die Ärztin schwieg.
Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme verändert.
„Weil Herr Berger vor ungefähr zwanzig Minuten verlangt hat, dass wir den alten Datensatz löschen.“
Anna wurde vollkommen still.
„Benjamin wollte meine Akte löschen lassen?“
„Er behauptete, sie sei fehlerhaft und verletze Ihre Persönlichkeitsrechte.“
„Und haben Sie sie gelöscht?“
„Nein.“
Im Hintergrund ertönte eine Stimme.
„Ich muss auflegen“, sagte Dr. Lorenz hastig. „Wenn Sie mir einen Rat erlauben: Fordern Sie die Akte offiziell an. Noch heute.“
Die Verbindung endete.
Anna senkte langsam das Telefon.
Hoffmann setzte sich ihr gegenüber. „Benjamin versucht Spuren zu beseitigen.“
„Oder jemand möchte, dass es so aussieht.“
Hoffmann musterte sie überrascht.
„Vor einer Stunde hätte ich ihm alles zugetraut“, sagte Anna. „Jetzt nicht mehr.“
Sie legte das Foto auf den Tisch.
„Warum sollte Benjamin mich vor dem Brief warnen, wenn er gleichzeitig versucht, die Akte verschwinden zu lassen? Warum schickt uns jemand dieses Foto genau hierher? Warum spricht plötzlich jeder von Zürich, nachdem zehn Jahre lang niemand ein Wort gesagt hat?“
Hoffmann nickte langsam. „Sie glauben, jemand steuert, was Sie erfahren.“
„Ich glaube, jemand möchte, dass ich Benjamin für alles verantwortlich mache.“
Das auszusprechen kostete sie Überwindung. Benjamin hatte sie betrogen. Er hatte Geld versteckt. Er hatte Vanessa gewählt und seine Kinder vernachlässigt. Anna würde nichts davon entschuldigen.
Aber vielleicht war er nicht der einzige Lügner.
Sie nahm den alten Schlüssel aus dem Umschlag. Auf dem Metall war eine winzige Zahl eingraviert.
**314.**
„Ein Schließfach“, sagte Hoffmann.
Anna dachte an die Nachricht: Die Originale existieren noch.
„Wo?“
Hoffmann betrachtete den Schlüssel. „Wenn Richard ihn geschickt hat, wahrscheinlich in London.“
In diesem Moment erschien auf der Anzeigetafel ihr Flug. Boarding in fünfunddreißig Minuten.
Anna stand auf.
„Wir fliegen.“
„Nach diesem Anruf?“
„Gerade deshalb.“
Hoffmann wollte antworten, doch Jonas kam wieder zu ihnen. Diesmal wirkte er ungewöhnlich ernst.
„Mama, darf ich dir etwas sagen?“
Anna kniete sich vor ihn. „Immer.“
Jonas sah erst zu Hoffmann, dann zu Emilia.
„Papa war vor ein paar Monaten nachts in meinem Zimmer.“
Anna runzelte die Stirn. „Was meinst du?“
„Ich dachte, ich schlafe. Aber ich war wach.“
„Was hat er gemacht?“
Jonas griff in seine Hosentasche und zog eine kleine Plastikhülle hervor.
Darin befand sich ein Wattestäbchen.
Annas Herz begann zu rasen.
„Woher hast du das?“
„Aus Papas Jacke.“
„Warum hast du es genommen?“
Jonas zuckte mit den Schultern. „Weil er vorher so ein Stäbchen in meinen Mund gemacht hat.“
Anna schloss kurz die Augen.
„Hat er gesagt, warum?“
„Er meinte, das wäre für einen Gesundheitstest.“
„Wann war das?“
„Kurz bevor er ausgezogen ist.“
Hoffmann nahm die Hülle nicht an, sondern betrachtete sie nur.
„Berühren Sie sie möglichst nicht“, sagte er. „Wenn das tatsächlich Teil eines privaten DNA-Tests war, könnte sich nachvollziehen lassen, welches Labor ihn bearbeitet hat.“
Anna blickte ihren Sohn an. „Warum hast du mir das nie erzählt?“
Jonas senkte den Kopf.
„Papa sagte, du würdest traurig werden.“
Dieser Satz traf sie härter als alles, was Benjamin an diesem Morgen gesagt hatte.
Sie zog Jonas an sich.
„Du musst niemals Geheimnisse für Erwachsene tragen.“
Er nickte gegen ihre Schulter.
Kurz darauf gingen sie zum Gate. Anna hielt Emilia an der einen und Jonas an der anderen Hand. Hoffmann lief neben ihnen.
Noch zehn Minuten bis zum Boarding.
Dann vibrierte Annas Telefon.
Eine Sprachnachricht von einer unbekannten Nummer.
Sie setzte einen Kopfhörer ein.
Zuerst hörte sie nur Rauschen.
Dann eine Männerstimme.
Alt. Rau. Aber unverkennbar.
Anna hatte sie seit sieben Jahren nicht mehr gehört.
Richard Berger.
„Anna, wenn du das hörst, bist du wahrscheinlich bereits am Flughafen. Hör mir genau zu. Benjamin hat vieles getan, wofür du ihm niemals vergeben musst. Aber die Sache mit Jonas hat nicht er begonnen.“
Anna blieb mitten im Terminal stehen.
Die Aufnahme lief weiter.
„Vor elf Jahren wurde in Zürich ein Fehler gemacht. Zumindest nannte man es damals einen Fehler. Dein Vater und ich fanden später heraus, dass es keiner war.“
Anna hielt den Atem an.
„Jemand hat absichtlich zwei Proben vertauscht.“
Dann knackte die Aufnahme.
Richards Stimme wurde leiser.
„Benjamin erfuhr erst Jahre später davon. Als er die Wahrheit herausfand, ließ er Jonas testen. Und dann begann er Geld zu verschieben.“
Anna presste den Kopfhörer fester ans Ohr.
„Nicht um dich zu bestehlen.“
Eine Pause.
„Er bezahlte jemanden dafür, zu schweigen.“
Die Nachricht endete abrupt.
Anna starrte auf den Bildschirm.
Darunter erschien automatisch eine zweite Datei.
Ein eingescanntes Laborprotokoll aus Zürich.
Vier Namen waren geschwärzt.
Einer nicht.
**Sabine Berger.**
Benjamins Mutter.
Und neben ihrem Namen stand:
**Anweisung zur manuellen Änderung der Probenzuordnung – autorisiert.**
Anna spürte Hoffmanns Hand an ihrem Arm.
„Anna.“
Sie blickte auf.
Am anderen Ende des Gates stand eine Frau, die sie seit der Scheidung bewusst gemieden hatte.
Katharina.
Benjamins Schwester.
Außer Atem, ohne Mantel, offenbar direkt aus der Privatklinik gekommen.
„Steig nicht ein“, rief sie.
Anna bewegte sich keinen Zentimeter.
Katharina kam näher. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.
„Mama weiß, dass du die Akte gefunden hast.“
„Was hat eure Mutter getan?“
Katharina schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Du verstehst es nicht. Vanessa ist nicht zufällig schwanger geworden.“
Anna fühlte, wie sich alles in ihr zusammenzog.
Katharina blickte zu Jonas und flüsterte:
„Sie haben dasselbe Verfahren benutzt wie damals bei dir.“







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