Anna sah Katharina an, als hätte der Lärm des Flughafens sich plötzlich hinter einer unsichtbaren Wand verloren. Menschen liefen an ihnen vorbei, Kinder wurden zu den Gates gezogen, irgendwo klapperten Tassen in einem Café, doch Anna hörte nur diesen einen Satz: Sie haben dasselbe Verfahren benutzt wie damals bei dir.
„Welches Verfahren?“, fragte sie.
Katharina blickte zu Jonas und Emilia. „Nicht vor den Kindern.“
„Dann sag wenigstens, ob meine Kinder in Gefahr sind.“
„Nein.“ Katharina antwortete sofort. „Nein, Anna. Darum geht es nicht.“
Hoffmann trat näher. „Wer hat Sie geschickt?“
Katharina sah ihn an. „Niemand.“
„Ihre Mutter?“
„Meine Mutter weiß nicht, dass ich hier bin.“
Anna bemerkte erst jetzt, dass Katharinas Hände zitterten. Die Frau, die noch am Morgen im Büro der Mediatorin über Vanessas „Neuanfang“ gelacht hatte, wirkte völlig verändert.
„Vor ein paar Stunden hast du mir noch erklärt, Vanessa sei das Beste, was dieser Familie passieren konnte.“
Katharina senkte beschämt den Blick. „Da wusste ich noch nicht, was ich jetzt weiß.“
„Und was weißt du jetzt?“
Katharina zog ihr Telefon hervor. „In der Klinik ist alles eskaliert. Vanessa hatte keine Fehlgeburt. Dem Baby geht es momentan gut. Aber bei den Untersuchungen ist etwas aufgefallen. Danach hat Mama plötzlich verlangt, dass bestimmte Unterlagen verschwinden.“
Anna dachte an Dr. Lorenz.
„Welche Unterlagen?“
„Die Kinderwunschbehandlung.“
„Vanessa hat eine Kinderwunschbehandlung gemacht?“
Katharina nickte.
„Benjamin wusste davon?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wie kann er nicht wissen, wie seine eigene Freundin schwanger geworden ist?“
„Weil Vanessa behauptet, sie habe die Behandlung allein organisiert.“
Anna lachte einmal kurz, bitter. „Natürlich.“
Doch Katharina griff nach ihrem Arm.
„Anna, hör auf, für einen Moment nur an die Affäre zu denken. Hier stimmt etwas viel Größeres nicht.“
Dieser Satz brachte Anna zum Schweigen.
Katharina öffnete ein Foto auf ihrem Telefon. Es zeigte eine Rechnung einer Frankfurter Privatklinik. Darauf befand sich dieselbe Referenznummer, die Dr. Lorenz erwähnt hatte.
„Vanessa hatte die Rechnung in ihrer Tasche. Als sie untersucht wurde, fiel sie heraus. Mama sah sie und wurde kreidebleich.“
„Warum?“
„Weil sie die Nummer kannte.“
Anna spürte einen Schauer.
„Aus Zürich.“
Katharina nickte.
Hoffmann nahm sein Telefon hervor und verglich die Nummer mit einer Kopie aus seiner Mappe.
„Identisch.“
„Was bedeutet das?“, fragte Anna.
Hoffmann schwieg.
Katharina antwortete stattdessen. „Dass dieselbe private Vermittlungsstelle beteiligt war.“
„Vermittlungsstelle für was?“
Katharina schluckte. „Für eingefrorenes genetisches Material.“
Anna setzte sich auf einen freien Sitz.
Plötzlich erinnerte sie sich an ihre Schwangerschaft mit Jonas. Sie und Benjamin hatten fast zwei Jahre versucht, ein Kind zu bekommen. Schließlich hatte Benjamin vorgeschlagen, einen Spezialisten aufzusuchen. Anna erinnerte sich an Untersuchungen in Frankfurt, an Medikamente, an eine kurze Reise in die Schweiz, die Benjamin damals als „Wochenende nur für uns“ bezeichnet hatte.
Sie hatte tatsächlich eine Klinik betreten.
Aber nur für eine Untersuchung, hatte man ihr gesagt.
„Ich war in Zürich“, flüsterte sie.
Hoffmann sah sie überrascht an.
„Einmal. Benjamin sagte, es sei eine Routineuntersuchung.“
Erinnerungsfetzen kamen zurück. Ein weißer Flur. Eine Krankenschwester mit französischem Akzent. Benjamin, der ungewöhnlich nervös gewesen war. Und Sabine Berger, die angeblich zufällig ebenfalls in Zürich gewesen war und später mit ihnen zu Abend gegessen hatte.
Anna wurde übel.
„Sabine war dort.“
Katharina schloss die Augen.
„Dann stimmt es.“
„Was stimmt?“
„Mama hat mir vor zwanzig Minuten etwas gestanden.“
Anna wartete.
„Sie wusste von Benjamins Diagnose.“
„Welche Diagnose?“
Katharina sah zu Jonas.
Hoffmann verstand sofort. „Ich nehme die Kinder.“
Anna wollte protestieren, doch Jonas drückte ihre Hand.
„Ist okay, Mama.“
Hoffmann führte beide zu einem kleinen Geschäft gegenüber.
Erst als sie außer Hörweite waren, sprach Katharina weiter.
„Benjamin konnte damals mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine biologischen Kinder zeugen.“
Anna hatte erwartet, dass dieser Satz sie erschüttern würde. Stattdessen entstand eine merkwürdige Leere.
„Dann ist Jonas nicht sein Sohn.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Was soll es sonst bedeuten?“
„Weil Benjamin nach seiner Behandlung möglicherweise doch zeugungsfähig wurde. Aber niemand wusste damals, ob sie erfolgreich sein würde.“
Anna stand wieder auf.
„Wer ist Jonas’ Vater?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“
„Deine Mutter weiß es.“
Katharina antwortete nicht.
Das genügte.
Anna griff nach ihrem Telefon und rief Benjamin an.
Er nahm sofort ab.
„Anna.“
„Ist Jonas dein biologischer Sohn?“
Stille.
„Wo ist Katharina?“
„Beantworte meine Frage.“
„Anna, bitte nicht am Telefon.“
„Zehn Jahre lang hast du zugelassen, dass ich glaube, wir hätten gemeinsam ein Kind bekommen. Sag mir jetzt die Wahrheit.“
Benjamin atmete schwer.
„Ich habe Jonas vor sechs Monaten testen lassen.“
„Und?“
Eine lange Pause.
„Der Test sagte, dass ich nicht sein biologischer Vater bin.“
Anna musste sich an der Rückenlehne eines Sitzes festhalten.
Katharina begann zu weinen.
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Weil ich zuerst dachte, du hättest mich betrogen.“
Anna schloss die Augen.
Jetzt verstand sie plötzlich Monate voller Kälte. Benjamins Misstrauen. Die nächtlichen Abwesenheiten. Die Wut, für die sie nie eine Erklärung gefunden hatte.
„Und dann?“
„Dann habe ich einen zweiten Test gemacht.“
„Mit wem?“
Benjamin schwieg.
„Mit wem, Benjamin?“
Als er antwortete, war seine Stimme kaum hörbar.
„Mit meinem Vater.“
Anna öffnete die Augen.
„Richard?“
„Ja.“
„Und?“
„Jonas ist auch nicht sein Sohn.“
Anna runzelte die Stirn. „Warum hast du Richard überhaupt getestet?“
Benjamin sagte lange nichts.
Dann: „Weil meine Mutter mir gesagt hat, dass Richard damals Material gespendet hatte.“
Anna fühlte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Deine Mutter wollte, dass ich ein Kind von deinem Vater bekomme?“
„Sie behauptete, es sei nur als Notfallreserve gedacht gewesen.“
„Das ist krank.“
„Ich weiß.“
Zum ersten Mal klang Benjamin nicht wie ihr Gegner.
Nur wie ein Mann, dessen Familie ebenfalls auf einer Lüge aufgebaut worden war.
„Wenn weder du noch Richard Jonas’ biologischer Vater seid, wer dann?“
„Genau das versuche ich herauszufinden.“
„Und deshalb das Geld?“
Benjamin schwieg.
„Du hast jemanden bezahlt.“
„Ja.“
„Wen?“
„Einen ehemaligen Mitarbeiter der Züricher Klinik.“
Anna blickte zu Hoffmanns Mappe.
„1,8 Millionen Euro?“
Am anderen Ende wurde es still.
„Woher weißt du davon?“
„Ich weiß inzwischen mehr, als du denkst.“
Benjamin fluchte leise.
„Anna, dieses Geld war kein Geschenk. Der Mann hat mich erpresst.“
„Womit?“
„Mit den Originalunterlagen.“
Anna sah zur Anzeigetafel.
**Letzter Aufruf London.**
„Hat er dir gesagt, wer Jonas’ biologischer Vater ist?“
„Nein. Aber er gab mir einen Namen.“
„Welchen?“
Benjamin antwortete nicht sofort.
Dann sagte er: „Dr. Lukas Reinhardt.“
Hoffmann, der gerade mit den Kindern zurückkam, blieb abrupt stehen.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Anna bemerkte es.
„Herr Hoffmann?“
Er starrte sie an.
Benjamin sprach noch immer am Telefon.
„Kennst du ihn?“, fragte Anna.
Doch Hoffmann antwortete vor Benjamin.
„Ja.“
Seine Stimme zitterte.
„Lukas Reinhardt war der Geschäftspartner Ihres Vaters.“
Anna sah ihn fassungslos an.
„War?“
Hoffmann schluckte.
„Er starb vor zehn Jahren.“
Benjamin sagte am Telefon plötzlich: „Das stimmt nicht.“
Anna erstarrte.
„Was?“
„Reinhardt lebt.“
Hoffmann schüttelte heftig den Kopf.
„Unmöglich.“
„Woher weißt du das?“, fragte Anna.
Benjamin atmete tief ein.
„Weil er gerade neben Vanessa im Krankenhaus sitzt.“
Anna sagte nichts.
„Und Anna“, fügte Benjamin leise hinzu, „als er Jonas’ Foto auf meinem Handy gesehen hat, hat er angefangen zu weinen.“







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