Friedrich von Albrecht stieg nicht sofort aus dem Wagen.
Für mehrere Sekunden saß er auf dem Rücksitz und blickte zur Dienstvilla, während der Fahrer regungslos hinter dem Lenkrad wartete. Selbst durch das kleine Bild der Sicherheitskamera wirkte seine Haltung kontrolliert.
Zu kontrolliert.
Nathan stand neben dem Monitor.
Margarete hinter ihm hatte aufgehört zu atmen.
„Du hast gesagt, Helena habe dich angerufen“, sagte Nathan, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.
„Ja.“
„Hat sie dir gesagt, dass ihr Mann hierherkommen würde?“
„Nein.“
Friedrich öffnete schließlich die Autotür.
Er war Anfang sechzig, groß, silbernes Haar, dunkler Mantel über makellos sitzender Kleidung. Ich hatte ihn bereits bei offiziellen Empfängen gesehen, allerdings immer nur aus der Entfernung.
Generalleutnant Friedrich von Albrecht.
Ein Mann, der seit Jahrzehnten Teil jener militärischen Kreise war, in denen Nathans Name inzwischen fast ebenso viel Gewicht besaß wie seiner.
Nathan drückte die Sprechanlage.
„Was wollen Sie?“
Friedrich blickte direkt in die Kamera.
„Mit Ihnen sprechen.“
„Worüber?“
„Ihre Frau.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Nathan antwortete nicht.
Friedrich fügte hinzu:
„Und über das Paket im Ministerium.“
Margarete flüsterte:
„Lass ihn nicht herein.“
Nathan wandte langsam den Kopf zu ihr.
„Warum?“
„Weil ich nicht weiß, was er vorhat.“
„Dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt, es herauszufinden.“
Wenige Minuten später saß Friedrich uns gegenüber im Wohnzimmer.
Er hatte weder seinen Mantel abgelegt noch Kaffee angenommen.
Sein Blick glitt einmal zu mir.
Nicht verächtlich.
Prüfend.
„Frau König“, sagte er knapp.
„Herr Generalleutnant.“
Nathan blieb stehen.
„Sie wussten von dem Paket.“
Friedrich verschwendete keine Zeit mit einer Ausrede.
„Ja.“
Margarete wurde blass.
„Friedrich …“
„Nicht jetzt, Margarete.“
Nathan verschränkte die Arme.
„Dann sprechen Sie.“
Friedrich sah ihn lange an.
„Vor drei Tagen erhielt meine Frau eine Nachricht von einer unbekannten Adresse. Darin stand, dass sämtliche Unterlagen, die sie in den vergangenen Jahren über Emilia verteilt hatte, bald öffentlich werden könnten.“
Mir wurde kalt.
Nathan blieb vollkommen ruhig.
„Welche Unterlagen?“
„Vieles von dem, was Ihre Mutter bereits erwähnt hat.“
Friedrich nickte zu Margarete.
„Überweisungen. Fotografien. medizinische Informationen. Außerdem einige Behauptungen, für die es niemals Beweise gab.“
„Drei Kinder von drei Männern“, sagte ich.
Sein Blick traf meinen.
„Ja.“
Ich musste schlucken.
„Ihre Frau wusste also, dass es gelogen war.“
Friedrich antwortete nicht sofort.
Diese Sekunde genügte.
„Sie wusste es“, sagte Nathan.
„Zumindest später.“
Margarete sprang auf.
„Helena hat mir gesagt, die Informationen seien überprüft worden!“
Friedrich sah sie beinahe mitleidig an.
„Helena sagte vielen Menschen vieles.“
„Warum?“, fragte ich.
Das Wort kam leiser heraus, als ich wollte.
Friedrich wandte sich wieder zu mir.
„Anfangs vermutlich aus Arroganz.“
Nathan verengte die Augen.
„Und später?“
Jetzt änderte sich Friedrichs Gesicht.
„Später wurde es nützlich.“
Der Raum wurde still.
„Für wen?“, fragte Nathan.
Friedrich legte langsam beide Hände auf seine Knie.
„Für Menschen, die glaubten, Ihre Karriere müsse gebremst werden.“
Margarete setzte sich wieder.
Nathan sagte nichts.
„Sie waren damals bereits außergewöhnlich schnell aufgestiegen“, fuhr Friedrich fort. „Jünger als viele Männer, die seit Jahrzehnten auf dieselben Positionen gewartet hatten. Sie hatten Zugang zur politischen Führung, internationale Anerkennung und einen Ruf, der kaum angreifbar war.“
Nathan blickte kurz zu mir.
Dann zurück zu Friedrich.
„Also griff man Emilia an.“
„Man griff Ihr Urteilsvermögen an.“
Diese Worte trafen mich härter als jede Beleidigung.
Plötzlich ergab alles einen schrecklichen Sinn.
Ich war nie wichtig genug gewesen, um Ziel einer solchen Kampagne zu sein.
Aber Nathan war es.
„Eine Hausangestellte“, sagte Friedrich langsam. „Eine angeblich skandalöse Vergangenheit. Drei Kinder von verschiedenen Männern. Ein General, der sich trotz aller Warnungen mit ihr einlässt.“
Margarete starrte ihn an.
„Du willst mir sagen, ich wurde benutzt?“
„Ja.“
Ihre Lippen öffneten sich.
Kein Wort kam heraus.
Nathan trat näher.
„Wer hatte Zugang zu Emilias Krankenhausunterlagen?“
Friedrich schüttelte den Kopf.
„Das weiß ich nicht.“
„Und zu den Überweisungen?“
„Ebenfalls nicht.“
Nathan sah ihn scharf an.
„Dann erzählen Sie mir nur die Hälfte.“
Friedrich schwieg.
„Sie fahren vor Sonnenaufgang persönlich hierher“, fuhr Nathan fort, „obwohl Sie wissen, dass bereits ein offizielles Paket im Ministerium liegt. Ein Mann in Ihrer Position tut das nicht, um mir Gerüchte zu erklären, die ich bereits kenne.“
Friedrichs Kiefer spannte sich an.
Nathan machte einen weiteren Schritt.
„Was steht in diesen E-Mails?“
Zum ersten Mal verlor Friedrich einen Teil seiner Ruhe.
Nur einen Augenblick.
Doch Nathan bemerkte es.
„Sie haben sie gesehen“, sagte er.
Friedrich blickte zur Seite.
„Nicht alle.“
„Genug.“
Schweigen.
Dann sagte Friedrich:
„Helena hat Nachrichten auf einem privaten Rechner gespeichert.“
„Mit wem?“
Friedrich sah zu Margarete.
Sie erstarrte.
„Friedrich.“
Er ignorierte sie.
„Einige Nachrichten betreffen Emilia.“
„Und die anderen?“
Friedrich atmete schwer aus.
„Sie betreffen Sie.“
Nathan blieb unbewegt.
„Was genau?“
„Ihre Einsätze. Ihre politischen Kontakte. Entscheidungen, die Sie in internen Besprechungen vertreten haben.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
„Das waren vertrauliche Informationen.“
Nathan sagte es ganz ruhig.
Friedrich nickte.
Jetzt war klar, warum seine Ankunft nichts mit einer familiären Entschuldigung zu tun hatte.
Es ging nicht länger um Klatsch.
Es ging um Informationen, die niemand außerhalb eines sehr kleinen Kreises hätte besitzen dürfen.
„Helena konnte unmöglich allein Zugang dazu haben“, sagte Nathan.
„Nein.“
„Sie auch nicht zu allem.“
Friedrich sah ihn an.
„Nein.“
Nathan griff nach seinem Telefon.
Friedrich stand sofort auf.
„Tun Sie das nicht.“
Nathans Daumen blieb über dem Display stehen.
„Warum?“
„Weil Sie noch nicht wissen, wem Sie vertrauen können.“
Nathan blickte ihn so lange an, dass Friedrich schließlich wieder den Blick senkte.
„Ich vertraue meiner Frau“, sagte Nathan.
Dann sah er zu seiner Mutter.
„Bei allen anderen werde ich es herausfinden.“
Margaretes Augen füllten sich plötzlich mit Tränen.
„Nathan, ich schwöre dir, ich wusste nichts von vertraulichen Informationen.“
„Aber du hast die Gerüchte verbreitet.“
Sie nickte langsam.
„Ja.“
Es war das erste Mal, dass sie es ohne Rechtfertigung zugab.
Ich erwartete Genugtuung.
Stattdessen empfand ich nur Müdigkeit.
Friedrich ging zur Tür.
Nathan hielt ihn nicht auf.
„Eine Frage noch.“
Friedrich blieb stehen.
„Warum warnen Sie mich?“
Lange sagte er nichts.
Dann drehte er sich um.
„Weil Helena gestern Abend verschwunden ist.“
Margarete stieß hörbar die Luft aus.
„Was?“
„Ihr Telefon liegt zu Hause. Ihr Wagen ebenfalls. Niemand hat sie seit gestern kurz vor Mitternacht gesehen.“
Nathan wurde vollkommen still.
Friedrich griff nach der Türklinke.
„Und bevor sie verschwand, hat sie mir eine einzige Nachricht geschickt.“
„Was stand darin?“
Friedrichs Blick fiel auf mich.
„Es tut mir leid wegen Emilia.“
Dann öffnete er die Tür.
Doch bevor er hinausging, fügte er leise hinzu:
„Und darunter stand: Nathan darf niemals erfahren, warum sie wirklich ausgewählt wurde.“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Ich sah Nathan an.
Zum ersten Mal begriff ich, dass mein Name vielleicht nicht zufällig in diese Geschichte geraten war.
Jemand hatte mich ausgewählt.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.







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