„Das Gerücht war nur Phase eins.“
Helenas Worte blieben im Raum hängen.
Nathan bewegte sich nicht.
Ich spürte jedoch, wie sich etwas in ihm veränderte. Bis zu diesem Moment hatte er versucht, die Sache wie eine Untersuchung zu behandeln – mit Fakten, Namen und Beweisen.
Jetzt war es persönlich geworden.
„Was war Phase zwei?“, fragte er.
Helena schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht vollständig.“
„Dann sagen Sie, was Sie wissen.“
Sie sah auf den Schlüssel zwischen uns.
„Die Anweisung stand in einer Datei, die ich nur einmal gesehen habe. Damals hielt ich sie für übertriebenes Gerede.“
„Von wem kam die Datei?“
„Ein Mann namens Dr. Konrad Weiss.“
Nathan runzelte die Stirn.
Daniel, der noch an der Tür stand, reagierte sofort.
„Weiss?“
„Sie kennen ihn?“, fragte ich.
Daniel nickte langsam.
„Ehemaliger Verwaltungsberater. Er war vor Jahren an mehreren Prüfverfahren für militärische Beschaffungsprojekte beteiligt.“
Nathan sah ihn an.
„Und an der Stiftung?“
„Auch.“
Helena bestätigte es.
„Er war einer der Männer, die Zugriff auf alte Datensätze hatten.“
Damit verband sich erneut alles.
Meine Krankenhausakte.
Die Stiftung.
Nathans Karriere.
Die Gerüchte.
„Wo ist Weiss jetzt?“, fragte Nathan.
Daniel nahm sein Telefon.
„Ich finde es heraus.“
Nathan wandte sich wieder Helena zu.
„Was sollte Phase zwei erreichen?“
„Sie sollte Sie dazu bringen, einen Fehler zu machen.“
„Welchen?“
„Einen öffentlichen.“
Helena rang sichtbar nach Worten.
„Die erste Phase sollte Zweifel säen. Man wollte, dass Menschen über Ihre Beziehung zu Emilia sprechen. Dass Vorgesetzte Ihre Entscheidungen infrage stellen. Dass die Presse irgendwann aufmerksam wird.“
„Und wenn das nicht genügte?“
Helena sah mich an.
„Dann sollte Emilia selbst zum Problem werden.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Wie?“
„Man wollte etwas platzieren, das so aussehen würde, als hätten Sie Ihre Stellung benutzt, um ihr zu helfen.“
Nathan begriff es sofort.
„Geld?“
Helena nickte.
„Oder Zugang zu etwas, das sie nicht hätte besitzen dürfen.“
Daniel fluchte leise.
Ich brauchte einen Moment länger.
Dann verstand auch ich.
„Sie wollten behaupten, Nathan hätte wegen mir seine Macht missbraucht.“
„Ja.“
„Und wenn irgendwo Geld auf meinem Konto aufgetaucht wäre …“
„Oder ein vertrauliches Dokument in Ihrer Wohnung“, sagte Helena.
Mir wurde kalt.
„Dann hätte niemand mehr über drei angebliche Kinder gesprochen.“
„Nein.“
Nathan beendete den Gedanken.
„Dann hätte man von Korruption gesprochen.“
Helena senkte den Blick.
„Genau.“
Zum ersten Mal spürte ich echte Angst.
Nicht wegen der Lügen über meine Vergangenheit.
Sondern weil wir verstanden, wie weit jemand bereit gewesen war zu gehen.
Daniel kam zurück.
Sein Gesicht war angespannt.
„Konrad Weiss lebt noch.“
Nathan sah ihn an.
„Wo?“
„Potsdam. Zumindest offiziell.“
„Kontaktieren Sie ihn nicht.“
Daniel nickte.
„Noch etwas.“
„Was?“
„Weiss war bis vor acht Monaten Berater eines privaten Konsortiums, das sich an einem großen Verteidigungsauftrag beteiligt hat.“
Nathan wurde vollkommen still.
Ich kannte diesen Ausdruck inzwischen.
Er hatte etwas erkannt.
„Welcher Auftrag?“, fragte ich.
Daniel nannte den Projektnamen.
Nathan schloss kurz die Augen.
„Ich habe die Freigabe blockiert.“
Helena sah ihn an.
„Warum?“
„Weil die Kosten nicht nachvollziehbar waren. Mehrere Unterauftragnehmer hatten Verbindungen zu Firmen, die keine ausreichenden Nachweise liefern konnten.“
Daniel fügte hinzu:
„Nach der Blockade wurde eine zusätzliche Prüfung angeordnet. Das Konsortium verlor den Auftrag.“
Damit war das Motiv nicht länger abstrakt.
Es ging um sehr viel Geld.
Und Nathan hatte im Weg gestanden.
„Wann war das?“, fragte ich.
Daniel antwortete:
„Vor etwas mehr als zwei Jahren.“
Ich sah Helena an.
„Also nachdem das Gerücht bereits verbreitet worden war.“
Sie nickte.
Nathan trat zum Fenster.
„Dann war Phase eins vorbereitet, bevor sie wussten, ob sie sie überhaupt brauchen würden.“
Daniel sah ihn an.
„Eine Versicherung.“
Nathan nickte.
„Sie bauten Schwachstellen für Menschen auf, die irgendwann unbequem werden könnten.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Das bedeutete, dass ich wahrscheinlich nicht die Einzige gewesen war.
„Sie sagten, Helena habe Informationen über mehrere Offiziere“, erinnerte ich Daniel.
Er sah Nathan an.
„Wenn dieselbe Methode bei anderen angewendet wurde …“
Nathan drehte sich um.
„Dann geht es nicht nur um meine Karriere.“
Niemand sprach den Gedanken aus.
Eine Gruppe, die private Schwächen sammelte, Gerüchte konstruierte und bei Bedarf Beweise platzierte, konnte Menschen beeinflussen, bevor diese überhaupt wussten, dass sie erpressbar waren.
Nathan nahm den Schlüssel.
„Wir holen den Inhalt des Schließfachs.“
Helena erhob sich plötzlich.
„Sie dürfen nicht selbst hingehen.“
Nathan blieb stehen.
„Warum?“
„Weil Weiss weiß, dass das Schließfach existiert.“
Daniel blickte scharf zu ihr.
„Woher?“
„Er hat mir geholfen, es einzurichten.“
Nathan sah sie fassungslos an.
„Sie haben Ihre Beweise in einem Schließfach versteckt, dessen Standort einer der Verdächtigen kennt?“
„Damals war er noch nicht mein Feind.“
„Wann wurde er es?“
Helena antwortete leise:
„Gestern.“
„Was ist gestern passiert?“
Sie zog etwas aus der Innentasche ihres Pullovers.
Einen gefalteten Zettel.
„Das lag auf meinem Schreibtisch, als ich bemerkte, dass der Computer weg war.“
Nathan nahm den Zettel mit Handschuhen.
Nur sechs Wörter standen darauf.
Emilia war ein Fehler. Beenden Sie ihn.
Ich starrte auf die Schrift.
„Was bedeutet das?“
Helena schüttelte den Kopf.
„Ich wusste es nicht.“
Nathan faltete den Zettel wieder zusammen.
„Aber deswegen sind Sie geflohen.“
„Ja.“
Daniel schaute zum Ausgang.
„Dann müssen wir davon ausgehen, dass das Schließfach überwacht wird.“
Nathan nickte.
„Wir gehen nicht direkt hin.“
Er gab Daniel den Schlüssel.
„Lassen Sie prüfen, wann zuletzt jemand auf das Fach zugegriffen hat. Diskret.“
Daniel ging hinaus.
Helena sank wieder auf ihren Stuhl.
Ich blieb vor ihr stehen.
„Eine Sache verstehe ich noch nicht.“
Sie sah auf.
„Wenn diese Menschen Nathan schaden wollten, warum haben sie gewartet? Warum haben sie nicht längst Phase zwei ausgelöst?“
Helena schwieg so lange, dass ich wusste, die Antwort würde mir nicht gefallen.
„Weil Nathan Sie zunächst nicht wichtig genug nahm.“
Mein Herz zog sich zusammen.
„Und später?“
„Später waren sie sich nicht sicher, ob die Beziehung halten würde.“
Sie sah zur Tür, als fürchtete sie, jemand könnte mithören.
„Die endgültige Freigabe für Phase zwei wurde erst erteilt, nachdem Ihre Verlobung bekannt wurde.“
Nathan stand hinter mir.
„Von wem?“
Helena schloss die Augen.
„Von Konrad Weiss.“
Dann fügte sie hinzu:
„Aber er arbeitete nicht allein.“
In diesem Moment kam Daniel zurück.
Sein Gesicht sagte uns bereits, dass etwas nicht stimmte.
„Das Schließfach wurde geöffnet.“
Nathan erstarrte.
„Wann?“
Daniel sah auf sein Telefon.
„Vor siebenunddreißig Minuten.“
Helena sprang auf.
„Das ist unmöglich. Der Schlüssel war die ganze Zeit bei mir.“
„Es wurde kein Schlüssel benutzt.“
„Wie dann?“
Daniel hob den Blick.
„Mit einer administrativen Freigabe.“
Nathan wurde blass.
„Von wem?“
Daniel schwieg einen Augenblick.
„Die Freigabe trägt die digitale Kennung eines Mitarbeiters aus dem Verteidigungsministerium.“
Nathan sah ihn an.
„Name.“
Daniel nannte ihn.
Ich kannte den Mann nicht.
Nathan hingegen sehr wohl.
Seine Reaktion war kaum sichtbar.
Aber seine Stimme veränderte sich.
„Das kann nicht sein.“
„Warum?“, fragte ich.
Nathan sah mich an.
„Weil dieser Mann seit fast zehn Jahren zu meinem engsten beruflichen Umfeld gehört.“
Helena flüsterte:
„Dann wissen sie bereits alles.“
Nathan griff nach seinem Telefon.
Doch bevor er wählen konnte, erschien eine Nachricht auf dem Display.
Unbekannte Nummer.
Nur ein Foto.
Es zeigte das geöffnete Schließfach.
Leer.
Darunter stand ein einziger Satz.
Phase zwei hat längst begonnen.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.







No comments yet