Nathans Blick blieb noch lange auf der geschlossenen Tür liegen.
„Warum sie wirklich ausgewählt wurde.“
Ich wiederholte Friedrichs letzte Worte kaum hörbar.
Nathan drehte sich zu mir um.
Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen waren es nicht.
„Ab jetzt gehst du nirgendwo allein hin.“
Margarete hob sofort den Kopf.
„Nathan—“
„Das ist keine Diskussion.“
Er nahm sein Telefon und wählte eine Nummer.
Diesmal sprach er nicht mit einem Mitarbeiter aus seinem normalen Stab.
„Ich brauche zwei Leute, denen ich persönlich vertraue. Keine offizielle Anforderung. Keine Eintragung im üblichen Dienstweg.“
Er hörte kurz zu.
„Ja. Sofort.“
Nachdem er aufgelegt hatte, sah ich ihn an.
„Du glaubst, ich bin in Gefahr.“
„Ich glaube, dass jemand jahrelang Informationen über dich gesammelt hat, auf die er keinen legalen Zugriff haben durfte.“
„Aber warum?“
Nathan antwortete nicht sofort.
Stattdessen nahm er endlich den Umschlag vom Tisch.
„Vielleicht steht die Antwort hier drin.“
Mit Handschuhen öffnete er ihn vorsichtig.
Darin befand sich nur ein einziges Blatt.
Keine Unterschrift.
Keine Erklärung.
Lediglich eine Fotokopie eines alten medizinischen Dokuments.
Ich erkannte das Logo der Klinik sofort.
Meine Finger wurden kalt.
„Das ist aus der Zeit nach meinem Unfall.“
Nathan legte das Blatt flach auf den Tisch.
Der größte Teil war geschwärzt.
Mein Name war lesbar.
Mein Geburtsdatum.
Das Datum einer Operation.
Darunter stand eine Nummer, die mir nichts sagte.
Neben dieser Nummer hatte jemand mit rotem Stift ein Wort geschrieben.
PRÜFEN.
Margarete trat näher.
„Was bedeutet das?“
Nathan betrachtete die Zahlenfolge.
Plötzlich veränderte sich sein Gesicht.
„Ich kenne dieses Format.“
„Woher?“
Er nahm sein Telefon und fotografierte nur die Nummer.
„Das ist keine normale Patientenkennung.“
Mein Herz schlug schneller.
„Was dann?“
„Eine alte Verwaltungskennzeichnung.“
Er sah mich an.
„Für Behandlungen, deren Kosten über eine Bundesstelle abgerechnet wurden.“
Ich verstand nicht.
„Aber ich war sechzehn.“
„Genau deshalb stimmt hier etwas nicht.“
Margarete wurde nervös.
„Vielleicht war es einfach irgendeine Versicherung.“
Nathan schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er kannte solche Systeme zu gut.
Wenige Minuten später kam eine Antwort auf sein Telefon.
Nathan las sie zweimal.
„Die Kennung gehörte zu einem früheren Programm für medizinische Sondertransporte.“
Mir wurde schwindlig.
„Mein Unfall war ein normaler Verkehrsunfall.“
„Das habe ich auch angenommen.“
Nathan nahm meine Hand.
„Erzähl mir noch einmal, was du über diesen Tag weißt.“
Ich schloss die Augen.
Ich hatte jahrelang versucht, mich nicht zu erinnern.
„Es regnete.“
Meine Stimme zitterte.
„Ich saß hinten im Wagen. Ein Bekannter unserer Familie fuhr. Dann gab es plötzlich Bremslichter vor uns. Einen Knall. Glas.“
Ich atmete langsam ein.
„Danach erinnere ich mich erst wieder an ein Krankenhaus.“
„Welches?“
„Zuerst an ein kleines. Später wurde ich verlegt.“
Nathan sah auf das Dokument.
„Wohin?“
„In eine Spezialklinik.“
„Wie?“
Ich wollte antworten.
Doch ich konnte es nicht.
„Ich weiß es nicht.“
Nathan zog die Stirn zusammen.
„Gar nicht?“
„Ich war sediert. Meine Eltern erzählten mir später nur, dass alles sehr schnell organisiert worden sei.“
Margarete setzte sich.
„Von wem?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das weiß ich nicht.“
Dann erinnerte ich mich an etwas.
Etwas so Unbedeutendes, dass ich seit Jahren nicht mehr daran gedacht hatte.
„Mein Vater sagte einmal, wir hätten unglaubliches Glück gehabt.“
Nathan wartete.
„Er sagte, normalerweise hätte unsere Familie sich diese Behandlung niemals leisten können. Aber irgendeine Stelle habe die Kosten übernommen.“
Nathans Hand um meine wurde fester.
„Hat er einen Namen genannt?“
„Nein.“
Ich blickte wieder auf die Kopie.
„Damals war ich einfach froh, noch zu leben.“
Das Telefon klingelte.
Einer von Nathans vertrauten Offizieren meldete sich.
Nathan schaltete nicht auf Lautsprecher.
Ich konnte nur seine Seite des Gesprächs hören.
„Ja.“
Pause.
„Wann?“
Sein Gesicht wurde hart.
„Sind Sie sicher?“
Wieder Stille.
„Schicken Sie mir nichts digital. Bringen Sie es persönlich.“
Er legte auf.
„Was ist?“, fragte ich.
Nathan sah zuerst mich, dann seine Mutter an.
„Jemand hat gestern versucht, einen Teil von Emilias alten Klinikakten aus dem Archiv entfernen zu lassen.“
Mir stockte der Atem.
„Wer?“
„Der Antrag lief über eine Bundeskennung, die seit Jahren nicht mehr aktiv sein dürfte.“
Margarete flüsterte:
„Das heißt, jemand räumt auf.“
Nathan nickte.
„Oder versucht es.“
Eine halbe Stunde später traf Oberstleutnant Daniel Reuter ein, einer von Nathans wenigen langjährigen Vertrauten.
Er brachte keinen Aktenordner mit.
Nur einen kleinen verschlossenen Umschlag.
„Ich habe es nicht über das normale System laufen lassen“, sagte er.
Nathan öffnete ihn.
Darin lagen drei Ausdrucke.
Der erste zeigte die Verwaltungsnummer aus meiner Krankenakte.
Der zweite eine Liste alter Zugriffsprotokolle.
Der dritte enthielt mehrere Namen.
Nathan las sie schweigend.
Dann reichte er mir das Blatt.
Ich kannte keinen einzigen Namen.
Bis auf einen.
Helena von Albrecht.
Neben ihrem Namen stand allerdings kein medizinischer Zugriff.
Nur eine Verbindung zu einem privaten Stiftungsverein, der damals Spenden an mehrere Spezialkliniken vermittelt hatte.
„Helena kannte meine Akte?“
Daniel antwortete vorsichtig.
„Nicht unbedingt damals.“
Nathan deutete auf ein späteres Datum.
„Dieser Zugriff erfolgte erst vor drei Jahren.“
Genau zu der Zeit, als die Gerüchte begonnen hatten.
Mir wurde übel.
„Sie hat also meine Vergangenheit gesucht.“
„Ja“, sagte Nathan.
„Aber das erklärt noch immer nicht, warum.“
Daniel legte ein weiteres Blatt auf den Tisch.
„Vielleicht doch.“
Darauf stand der Name der Stiftung.
Darunter die Namen mehrerer früherer Vorstandsmitglieder.
Nathan las die Liste.
Seine Miene veränderte sich.
„Was?“, fragte ich.
Er zeigte auf einen Namen.
„Dieser Mann war damals nicht nur im Vorstand der Stiftung.“
Nathan sah mich direkt an.
„Er war außerdem Berater in einer Arbeitsgruppe, die Jahre später meine ersten Auslandseinsätze bewertete.“
Margarete legte sich eine Hand vor den Mund.
„Das kann kein Zufall sein.“
Nathan antwortete leise:
„Nein.“
Daniel nickte.
„Und es gibt noch etwas.“
Er zeigte auf eine zweite Person auf der Liste.
„Dieser Name taucht auch in den Metadaten einer der E-Mails auf, die heute Morgen im Ministerium eingegangen sind.“
Nathan richtete sich auf.
„Also führt die Spur von Emilias Unfall direkt zu jemandem, der später Zugriff auf meine Karriere hatte.“
Ich sah zwischen den Männern hin und her.
„Aber ich kannte Nathan damals doch überhaupt nicht.“
„Genau das macht es interessant“, sagte Daniel.
Nathan blieb still.
Dann sagte er:
„Vielleicht wurdest du ursprünglich gar nicht wegen mir ausgewählt.“
Diese Worte trafen mich noch härter.
„Was meinst du?“
„Vielleicht hat jemand deine Vergangenheit schon lange vor unserer Begegnung beobachtet.“
Margarete schüttelte fassungslos den Kopf.
„Warum sollte irgendjemand ein sechzehnjähriges Mädchen beobachten?“
Niemand antwortete.
Dann vibrierte Daniels Telefon.
Er las die Nachricht.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Herr General.“
Nathan sah ihn an.
„Was?“
„Helena von Albrecht wurde gefunden.“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
„Lebt sie?“, fragte ich.
Daniel nickte.
„Ja.“
Nathan atmete hörbar aus.
Doch Daniel sprach weiter.
„Sie ist vor ungefähr zwanzig Minuten bei einer Polizeidienststelle außerhalb Berlins aufgetaucht.“
„Hat sie etwas gesagt?“
Daniel sah mich an.
„Nur einen Satz.“
Nathan wurde vollkommen still.
„Welchen?“
Daniel schluckte.
„Sie sagte, sie wolle mit Emilia sprechen.“
Ich spürte, wie sich meine Finger um Nathans Hand schlossen.
Daniel fuhr fort:
„Allein.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.







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