Mein Vater erschien im Schlafanzug in der Tür und sah genervt aus, als hätte ich ihn mit meinem Entsetzen geweckt und nicht meine Mutter mit einer Schere in der Hand.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
Ich starrte ihn an. Meine Kehle war so trocken, dass ich kaum sprechen konnte.
„Sie hat mir die Haare abgeschnitten.“
Sein Blick glitt über das Bett, über die langen rotbraunen Strähnen auf dem weißen Kissen, über meine Mutter, die die Schere noch immer hielt. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Dann trag morgen eben einen Hut.“
Ich glaubte zuerst, ich hätte mich verhört.
„Was?“
„Mach jetzt kein Drama daraus.“ Er rieb sich müde über das Gesicht. „Sophie heiratet einen Milliardär. Fünfhundert Gäste kommen. Presse ist da. Maximilians Familie ist da. Bitte ruinier nicht alles wegen ein paar Haaren.“
Ein paar Haare.
Ich sah wieder auf mein Kissen. Als Kind hatte meine Großmutter mir jeden Sonntag die Haare geflochten. Nach ihrem Tod hatte ich sie nie kürzer als bis zur Taille getragen. Es war lächerlich, vielleicht sogar kindisch, aber in diesem Moment fühlte es sich nicht an, als hätte meine Mutter Haare abgeschnitten. Es fühlte sich an, als hätte sie etwas zerstört, von dem sie wusste, dass es mir gehörte.
Meine Mutter legte die Schere auf die Kommode.
„Du übertreibst.“
„Du bist in mein abgeschlossenes Zimmer gekommen.“
„Ich habe einen Ersatzschlüssel.“
„Du hast gewartet, bis ich eine Schlaftablette genommen hatte.“
Zum ersten Mal flackerte etwas in ihrem Gesicht auf. Nicht Reue. Ärger.
„Weil du dich sonst gewehrt hättest.“
Dieser Satz machte etwas mit mir.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Es war eher, als würde irgendwo in mir eine Tür zufallen.
Ich stand auf, ging ins Badezimmer und betrachtete mich im Spiegel. Die rechte Seite war deutlich kürzer als die linke. Einzelne Strähnen reichten kaum noch bis zu meinem Kinn. Meine Mutter hatte nicht versucht, eine Frisur daraus zu machen. Sie hatte mich absichtlich entstellt.
Hinter mir sagte mein Vater:
„Wir müssen um sieben los. Der Fahrer kommt pünktlich.“
Ich drehte mich zu ihm um.
„Ich habe sechzigtausend Euro für diese Hochzeit bezahlt.“
Er seufzte.
„Müssen wir das jetzt wirklich wieder anfangen?“
Ich antwortete nicht.
Denn plötzlich dachte ich an etwas.
Nicht an die Hochzeit.
Nicht an Sophie.
An eine Überweisung.
Drei Wochen zuvor hatte Maximilian mich angerufen. Es war das einzige Mal gewesen, dass er mich direkt um Geld gebeten hatte.
Zwölftausendfünfhundert Euro.
Angeblich eine kurzfristige Sicherheitsleistung für die exklusive Anmietung eines Nebenflügels des Hotels.
Er hatte mir eine Rechnung geschickt.
Ich hatte überwiesen.
Aber die Bankverbindung hatte mich damals irritiert.
Kein deutsches Konto.
Luxemburg.
Ich hatte ihn darauf angesprochen.
„Steuerstruktur“, hatte Maximilian lachend gesagt. „Bei unserer Familie läuft vieles international.“
Damals hatte ich mich geschämt, überhaupt gefragt zu haben.
Jetzt griff ich nach meinem Handy.
Meine Mutter bemerkte es sofort.
„Wen willst du anrufen?“
„Niemanden.“
„Gib mir das Telefon.“
Ich sah sie an.
„Nein.“
Es war nur ein Wort.
Trotzdem erstarrte sie.
Vielleicht, weil sie es von mir nicht gewohnt war.
Ich ging aus dem Schlafzimmer, schloss mich im Arbeitszimmer ein und öffnete meine Banking-App. Die Überweisung war schnell gefunden.
Empfänger: KS Capital Advisory S.A.
Nicht von Steinberg Immobilien.
Nicht das Hotel.
KS Capital Advisory.
Ich suchte die Firma im Internet.
Es gab kaum Informationen.
Eine Briefkastenadresse in Luxemburg. Keine richtige Website. Keine Namen. Keine Telefonnummer.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Dann erinnerte ich mich an die anderen Rechnungen.
Die fünfzehntausend Euro für Sophies Kleid.
Die achtzehntausend für den Floristen.
Die Zahlung an den Caterer.
Ich hatte Rechnungen, Bestätigungen, E-Mails.
Ich öffnete meinen Laptop und suchte.
Um 2:17 Uhr nachts saß ich noch immer im Arbeitszimmer.
Vier der Zahlungen, die angeblich verschiedene Hochzeitsdienstleister betrafen, waren auf Konten gegangen, die über dieselbe Holdingstruktur liefen.
KS Capital.
Rosenberg Events.
NordWest Consulting.
Drei Namen.
Aber dieselbe Luxemburger Geschäftsadresse.
Mir wurde kalt.
Ich rief den Floristen an.
Natürlich ging niemand ran.
Dann die Notfallnummer des Hotels.
Nach vier Klingelzeichen meldete sich ein Nachtmanager.
„Hotel Kronberg, guten Abend.“
„Entschuldigen Sie die Uhrzeit. Mein Name ist Lena Hartmann. Morgen findet bei Ihnen die Hochzeit von Sophie Hartmann und Maximilian von Steinberg statt.“
Kurze Pause.
„Ja.“
„Ich habe vor drei Wochen zwölftausendfünfhundert Euro für einen Nebenflügel überwiesen. Können Sie mir bestätigen, dass die Zahlung angekommen ist?“
Die Pause diesmal war länger.
„Einen Moment bitte.“
Ich hörte Tastaturklappern.
Dann sagte der Mann:
„Frau Hartmann, ich sehe von Ihnen keine Zahlung.“
Mir wurde schwindlig.
„Das kann nicht sein.“
„Die gesamte Hotelrechnung wurde gestern von der Steinberg Beteiligungs GmbH beglichen.“
„Gestern?“
„Ja.“
Ich sah auf den Bildschirm vor mir.
Meine Überweisung war drei Wochen alt.
„Kennen Sie eine Firma namens KS Capital Advisory?“
„Nein.“
Ich bedankte mich und legte auf.
Für einige Sekunden saß ich vollkommen still.
Dann klopfte es an der Tür.
„Lena.“
Sophie.
Ich öffnete nicht.
„Mama hat gesagt, du machst wieder Schwierigkeiten.“
Wieder.
Ich starrte auf die geöffneten Rechnungen.
„Geh schlafen, Sophie.“
„Ich will nur sagen, dass du morgen bitte professionell sein könntest. Maximilians Familie ist sehr empfindlich, wenn jemand Szenen macht.“
Ich musste beinahe lachen.
Stattdessen fragte ich:
„Hat Maximilian dich jemals gebeten, Geld an KS Capital zu überweisen?“
Draußen wurde es still.
Nur zwei Sekunden.
Vielleicht drei.
Aber ich hörte es.
Das Zögern.
„Keine Ahnung, wovon du redest.“
„Sophie.“
„Es ist mitten in der Nacht.“
„Kennst du den Namen?“
„Nein.“
Zu schnell.
Dann hörte ich ihre Schritte im Flur.
Ich stand auf, öffnete die Tür und sah ihr hinterher.
„Sophie.“
Sie blieb stehen.
„Was?“
„Warum lügst du?“
Sie drehte sich um.
Ihre Haut war plötzlich kreidebleich.
„Du solltest dich aus Maximilians Geschäften heraushalten.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was für Geschäfte?“
Sie sagte nichts.
Dann vibrierte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich sah auf das Display.
Eine Nachricht.
Nur ein Satz.
Wenn Sie Lena Hartmann sind, überweisen Sie Maximilian von Steinberg keinen weiteren Cent. Wir ermitteln seit acht Monaten gegen ihn.
Darunter stand kein Name.
Nur drei Buchstaben.
BKA.
Ich hob langsam den Kopf.
Sophie stand noch immer im Flur.
Und an ihrem Gesicht erkannte ich, dass sie die Abkürzung auf meinem Display gesehen hatte.







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