Ich las den Satz dreimal.
Dann ein viertes Mal.
Es tut mir leid. Ich hätte dir früher sagen müssen, was er von mir verlangt hat.
Mein erster Gedanke war nicht Matthias.
Es war Frau Keller.
Seit neunundzwanzig Jahren wohnte sie neben mir.
Wir hatten zusammen Weihnachten gefeiert, als mein Mann gestorben war.
Sie hatte Lea als kleines Mädchen vom Kindergarten abgeholt, wenn ich krank gewesen war.
Sie kannte den Code meines alten Garagentors.
Und sie besaß tatsächlich einen Ersatzschlüssel.
Nicht irgendeinen Schlüssel.
Den einzigen außerhalb meiner Familie.
Ich griff nach meinem Handy.
Lea war noch in der Leitung.
„Oma?“
„Ja.“
„Was ist?“
„Nichts.“
Ich wollte sie nicht hineinziehen.
Noch nicht.
„Hör mir zu. Du bleibst heute zu Hause und schließt die Tür ab.“
„Aber—“
„Keine Diskussion.“
Sie schwieg.
„Wenn dein Vater oder deine Mutter nach Hause kommen, streitest du dich nicht mit ihnen. Du sagst nichts über unser Gespräch.“
„Warum?“
„Weil ich erst verstehen muss, was hier passiert.“
Lea atmete schwer.
„Oma, ich habe Angst.“
Der Satz traf mich tiefer als alles, was Matthias an diesem Tag getan hatte.
„Ich weiß.“
„Ist Papa in Schwierigkeiten?“
Ich sah wieder auf den Brief.
„Das weiß ich noch nicht.“
Eine Lüge.
Ich wusste längst, dass Matthias in Schwierigkeiten war.
Ich wusste nur noch nicht, wie tief.
Nachdem wir aufgelegt hatten, ging ich zur Haustür.
Dr. Bergers Warnung hallte in meinem Kopf.
Heute Nacht öffnen Sie niemandem.
Ich schob den Vorhang neben der Tür beiseite.
Frau Kellers Haus lag dunkel da.
Kein Licht im Wohnzimmer.
Kein Licht im Schlafzimmer.
Ihr Auto stand jedoch in der Einfahrt.
Ich rief sie an.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Keine Antwort.
Dann klingelte ich über Festnetz.
Auch nichts.
Ich stand fast eine Minute mitten im Flur.
Schließlich zog ich meine Jacke an.
Es waren vielleicht dreißig Meter bis zu ihrem Haus.
Trotzdem fühlte sich der Weg länger an als alles, was ich an diesem Tag zurückgelegt hatte.
Ich klingelte.
Keine Reaktion.
Noch einmal.
„Frau Keller?“
Nichts.
Ich klopfte.
Dann hörte ich Bewegung.
Langsam.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt.
Ihr Gesicht erschien im Dunkeln.
„Helene.“
Sie sagte meinen Namen, als hätte sie gehofft, ich würde nie kommen.
„Warum gehst du nicht ans Telefon?“
Ihre Augen wanderten über meine Schulter.
„Komm rein.“
Sie zog mich beinahe ins Haus.
Dann verriegelte sie die Tür.
„Was ist los mit dir?“
„Du solltest nicht hier sein.“
„Dann hättest du mir keinen Brief hinterlassen sollen.“
Sie schloss die Augen.
„Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.“
„Matthias war gestern bei dir.“
Keine Frage.
Frau Keller nickte.
„Fast zwei Stunden.“
Wieder ein Nicken.
„Was wollte er?“
Sie ging ins Wohnzimmer.
Ich folgte ihr.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen.
Eine benutzt.
Eine sauber.
Daneben lag eine kleine graue Mappe.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Hat er dir Geld angeboten?“
Frau Keller blieb stehen.
Dann drehte sie sich zu mir.
„Ja.“
„Wofür?“
Sie setzte sich.
Ich blieb stehen.
„Helene…“
„Sag es einfach.“
Sie sah mich an.
Ihre Augen waren rot.
„Er wollte, dass ich bestätige, dass du verwirrt bist.“
Ich sagte nichts.
„Er meinte, es gehe nur darum, dich zu schützen.“
Ich lachte einmal.
Kurz.
Ohne Humor.
„Natürlich.“
„Er fragte mich, ob ich Situationen erlebt hätte, in denen du Dinge vergessen hast.“
„Und?“
„Ich sagte Nein.“
Zum ersten Mal atmete ich etwas leichter.
Dann kam der Rest.
„Aber er wollte nicht aufhören.“
Meine Hände wurden kalt.
„Was hat er verlangt?“
„Eine schriftliche Erklärung.“
Sie sah zu Boden.
„Dass du in letzter Zeit ungewöhnlich gewesen wärst. Dass du mich manchmal nicht erkannt hättest. Dass du nachts bei mir geklingelt und nicht gewusst hättest, wo du bist.“
„Das ist nie passiert.“
„Ich weiß.“
„Wie viel?“
Frau Keller hob den Kopf.
„Was?“
„Wie viel Geld hat er dir angeboten?“
Ihre Lippen zitterten.
„Fünftausend Euro.“
Ich setzte mich langsam.
Nicht weil mir schwindelig war.
Sondern weil ich plötzlich verstand, wie weit Matthias gegangen war.
„Und du hast abgelehnt?“
„Ja.“
„Warum hat er dann zwei Stunden hier verbracht?“
Frau Keller sah zur grauen Mappe.
Ich folgte ihrem Blick.
„Was ist da drin?“
Sie antwortete nicht.
Ich griff danach.
„Helene, warte.“
Zu spät.
Ich öffnete die Mappe.
Oben lag ein Ausdruck.
Mein Name.
Meine Adresse.
Geburtsdatum.
Darunter mehrere Absätze über angebliche Vorfälle.
Fast genau das, was sie gerade beschrieben hatte.
Ich blätterte weiter.
Dann sah ich unten eine Zeile.
Zeugin:
Margarethe Keller.
Darunter ein Feld für ihre Unterschrift.
Leer.
Ich blickte zu ihr.
„Das hat Matthias mitgebracht?“
„Ja.“
„Hat er noch etwas mitgebracht?“
Sie zögerte.
„Ja.“
„Was?“
„Einen Umschlag.“
„Mit den fünftausend?“
Sie nickte.
„Wo ist er?“
Sie zeigte auf eine Schublade.
Ich ging hin und öffnete sie.
Der Umschlag lag dort.
Ungeöffnet.
Ich nahm ihn heraus.
Darin waren tatsächlich Geldscheine.
Mehrere Bündel.
Ich legte alles wieder zurück.
„Warum hast du das behalten?“
„Weil ich Beweise wollte.“
Ich sah sie überrascht an.
„Ich wusste nach zehn Minuten, dass etwas nicht stimmt.“
Sie schluckte.
„Matthias war nicht besorgt. Er war nervös.“
„Was hat er gesagt?“
„Er fragte ständig, ob du irgendjemandem erzählt hättest, dass du über das Haus nachdenkst.“
„Über welchen Verkauf?“
„Genau das habe ich gefragt.“
Sie stand auf und ging zum Fenster.
„Dann sagte er, du würdest bald ohnehin umziehen.“
„Wohin?“
„In die Sonnenhöhe.“
Mein Herz schlug schneller.
Also war die Seniorenresidenz keine spontane Idee gewesen.
„Seit wann wusste er davon?“
„Er sagte, alles sei fast geregelt.“
Ich starrte sie an.
„Fast geregelt?“
„Ja.“
„Was genau?“
„Das wollte ich auch wissen.“
Sie drehte sich zu mir.
„Dann hat er einen Fehler gemacht.“
„Welchen?“
Frau Keller ging zu einem kleinen Sekretär.
Sie zog einen Zettel heraus.
„Er bekam einen Anruf.“
„Von wem?“
„Ich weiß es nicht.“
Sie reichte mir den Zettel.
Darauf standen drei Wörter und eine Telefonnummer.
Ich las.
Notar Seidel.
Freitag, 10 Uhr.
Ich blickte auf.
„Was ist das?“
„Ich habe es aufgeschrieben, nachdem Matthias gegangen war.“
„Warum?“
„Weil er während des Gesprächs gesagt hat: ‚Wenn sie morgen unterschreibt, können wir Freitag abschließen.‘“
Mir wurde kalt.
Morgen.
Das war heute gewesen.
Und ich hatte nicht unterschrieben.
„Was sollte Freitag abgeschlossen werden?“
Frau Keller schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Ich nahm mein Handy und fotografierte alle Dokumente.
Dann den Umschlag.
Dann die Notiz.
„Du musst morgen mit mir zur Polizei.“
„Ja.“
„Und du sagst genau, was passiert ist.“
„Ja.“
Zum ersten Mal an diesem Abend sah sie mich direkt an.
„Helene, ich hätte dir sofort etwas sagen sollen.“
„Ja.“
„Ich hatte Angst.“
Ich wollte wütend sein.
Vielleicht war ich es auch.
Aber dafür blieb keine Zeit.
Ich stand auf.
„Ich muss nach Hause.“
„Nein.“
„Was?“
„Bleib heute bei mir.“
„Warum?“
Frau Keller sah wieder zum Fenster.
„Weil Matthias beim Gehen etwas gesagt hat.“
„Was?“
„Dass er keine zweite Chance bekommt.“
Ich wartete.
„Und dann?“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Dann fragte er mich, ob du nachts immer noch allein schläfst.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht.
Unbekannte Nummer.
Kein Text.
Nur ein Foto.
Ich öffnete es.
Es zeigte mein Haus.
Aufgenommen von der gegenüberliegenden Straßenseite.
Vor vielleicht einer Minute.
Unter dem Bild stand nur:
Du hättest unterschreiben sollen.
Mein Herz schlug so laut, dass ich kaum etwas anderes hörte.
Dann sah ich durch Frau Kellers Fenster.
Auf der anderen Straßenseite stand ein dunkles Auto.
Motor an.
Licht aus.
Und darin saß jemand.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 4, um weiterzulesen.







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