Unterhaltung

An Meinem 72. Geburtstag Wollte Mein Sohn Nur Eine Unterschrift – Dann Entdeckte Ich Das Gefälschte Ärztliche Gutachten

Der dunkle Wagen stand noch immer auf der anderen Straßenseite.

Kein Licht.

Keine Bewegung.

Nur der Motor lief.

Frau Keller stand neben mir am Fenster und hielt den Vorhang mit zwei Fingern offen.

„Kennst du das Auto?“, flüsterte sie.

„Nein.“

„Vielleicht Matthias?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Er fährt einen silbernen Audi.“


Wir standen schweigend da.

Dann ging im Wagen plötzlich das Innenlicht an.

Nur für eine Sekunde.

Lang genug, um eine Gestalt auf dem Fahrersitz zu erkennen.

Männlich.

Allein.

Das Gesicht konnte ich nicht sehen.

Das Licht erlosch wieder.

Mein Handy vibrierte.

Noch eine Nachricht.


Dieselbe unbekannte Nummer.

Diesmal nur vier Wörter.

Mach keinen weiteren Fehler.

Frau Keller sah mein Gesicht.

„Was steht da?“

Ich zeigte ihr die Nachricht.

Sie wurde blass.

„Wir rufen die Polizei.“

„Ja.“

Ich wählte Frau Krügers Nummer von der Visitenkarte, die sie mir am Nachmittag gegeben hatte.


Sie ging nach dem dritten Klingeln ran.

„Krüger.“

Ich erklärte ihr schnell, was passiert war.

Das Foto.

Die Nachricht.

Das Auto.

Die Unterlagen bei Frau Keller.

Am anderen Ende wurde es still.

„Bleiben Sie im Haus“, sagte sie.

„Beide.“


„Wir sind bei Frau Keller.“

„Gut. Türen verriegeln. Nicht rausgehen. Keine Vorhänge mehr öffnen.“

„Der Wagen steht direkt gegenüber.“

„Wir schicken jemanden.“

Ich wollte auflegen, aber Frau Krüger fügte hinzu:

„Frau Vogt?“

„Ja?“

„Machen Sie Screenshots von den Nachrichten und schicken Sie sie mir sofort.“

„Mache ich.“

Ich tat es.


Dann saßen Frau Keller und ich im Wohnzimmer.

Keiner von uns sprach.

Nach vielleicht sieben Minuten hörte ich draußen Reifen.

Ich ging nicht ans Fenster.

Frau Krügers Warnung war deutlich gewesen.

Dann klingelte es.

Einmal.

Zweimal.

Frau Keller erstarrte.

„Polizei?“


„Wir öffnen nicht.“

Ich ging zur Tür.

„Wer ist da?“

„Polizei Freiburg.“

„Name?“

Kurze Pause.

„Stein.“

Ich erkannte die Stimme.

Erst dann öffneten wir.

Herr Stein stand mit einer Kollegin vor der Tür.


„Wo steht das Fahrzeug?“

„Gegenüber.“

Er blickte kurz nach draußen.

Dann sah er seine Kollegin an.

„Nicht mehr.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Es ist weg?“

„Ja.“

Wir gingen ins Wohnzimmer.

Ich zeigte ihm alles.


Die Nachrichten.

Das Foto.

Den Brief.

Die vorbereitete Zeugenerklärung.

Die fünftausend Euro.

Die Notiz mit dem Namen des Notars.

Herr Stein fotografierte nichts.

Er steckte Handschuhe an.

Dann legte er jedes Dokument einzeln in eine Beweishülle.

„Der Umschlag bleibt hier nicht“, sagte er.


Frau Keller nickte.

„Natürlich.“

„Haben Sie das Geld angefasst?“

„Nur den Umschlag.“

„Und Herr Vogt?“

„Er hat ihn auf den Tisch gelegt.“

Herr Stein notierte etwas.

Dann fragte er:

„Hat er ausdrücklich gesagt, dass das Geld für Ihre Unterschrift ist?“

Frau Keller dachte nach.


„Er sagte: ‚Du hilfst Helene damit. Und die fünftausend sind für die Mühe.‘“

„Wörtlich?“

„Ja.“

„Gut.“

Ich sah ihn an.

„Gut?“

„Gut für uns.“

Er schloss die Beweishülle.

„Nicht gut für Ihren Sohn.“

Zum ersten Mal empfand ich keine Genugtuung.

Nur Leere.

Es war seltsam.

Ich wollte, dass Matthias gestoppt wurde.

Aber ein Teil von mir wartete noch immer darauf, dass jemand die Tür öffnete und erklärte, es sei alles ein Missverständnis.

Dass mein Sohn vielleicht dumm gewesen war.

Verzweifelt.

Beeinflusst.

Aber nicht das hier.

Nicht gefälschte Gutachten.

Nicht Bestechung.

Nicht Drohungen.

Herr Stein zog einen Stuhl heran.

„Frau Vogt, wir müssen noch einmal über die Kanzlei sprechen.“

„Die aus der Vollmacht?“

„Ja.“

„Frau Krüger sagte, sie kennen sie aus einem anderen Verfahren.“

Er nickte.

„Wir haben inzwischen Rücksprache gehalten.“

Ich wartete.

„Die Kanzlei selbst ist nicht Beschuldigte.“

„Was heißt das?“

„Es sieht momentan so aus, als hätte jemand Vorlagen und Briefköpfe verwendet, die dort tatsächlich existieren.“

Ich verstand.

„Also noch mehr Fälschungen.“

„Möglicherweise.“

„Und der Notar?“

„Den Namen prüfen wir.“

„Ich kann doch selbst anrufen.“

Herr Stein schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil wir nicht wissen, wer dort was weiß.“

Dieser Satz gefiel mir überhaupt nicht.

„Sie glauben, da steckt mehr als Matthias dahinter.“

Er antwortete nicht direkt.

„Wir prüfen verschiedene Möglichkeiten.“

„Das ist keine Antwort.“

„Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht sagen.“

Ich lehnte mich zurück.

„Dann sage ich Ihnen etwas.“

Herr Stein sah mich an.

„Mein Sohn ist kein guter Lügner.“

Frau Keller blickte zu mir.

„Was meinst du?“

„Wenn Matthias allein gehandelt hätte, wäre er längst zusammengebrochen.“

Ich dachte an seinen Gesichtsausdruck am Küchentisch.

Nicht sicher.

Nicht dominant.

Nervös.

Gehetzt.

„Er hatte Angst, dass ich nicht unterschreibe.“

„Das passt zu seinem Plan“, sagte Herr Stein.

„Nein.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nicht nur deshalb.“

Ich erinnerte mich an einen Moment.

Ganz kurz.

Als ich nach dem Wert des Hauses gefragt hatte.

Matthias hatte Katrin angesehen.

Nicht um ihre Zustimmung zu bekommen.

Sondern als hätte er auf ihre Reaktion gewartet.

„Katrin.“

Herr Stein hob den Kopf.

„Was ist mit ihr?“

„Sie führt.“

„Wieso glauben Sie das?“

„Weil Matthias mich immer noch Mama nennt, wenn er nervös ist.“

Niemand sagte etwas.

„Heute hat er kaum gesprochen, wenn es um Details ging. Katrin hatte meinen Schlüssel. Katrin hatte die Broschüre. Katrin schob die Papiere zu mir.“

Ich sah zu Frau Keller.

„Und wer hat Matthias gestern gebracht?“

Sie runzelte die Stirn.

„Was?“

„Ist er allein gekommen?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

Sie wollte sofort antworten.

Dann hielt sie inne.

„Sein Auto stand nicht vor meinem Haus.“

Jetzt wurde Herr Stein aufmerksam.

„Wie kam er her?“

„Ich weiß es nicht.“

„Haben Sie gesehen, wie er gegangen ist?“

„Ja.“

„Zu Fuß?“

„Ja.“

„In welche Richtung?“

Frau Keller zeigte zur Straße.

„Zur Ecke.“

„Was ist dort?“

„Eine Bushaltestelle.“

Ich dachte nach.

Dann erinnerte ich mich.

„Und ein kleiner Parkplatz.“

Frau Keller nickte.

„Stimmt.“

Herr Stein stand auf.

„Wir sehen uns das an.“

Bevor er ging, sagte er:

„Frau Vogt, bleiben Sie heute Nacht nicht allein.“

Ich blickte zu Frau Keller.

„Das hatte ich ohnehin nicht vor.“

Kurz nach Mitternacht lagen wir beide nicht im Bett, sondern saßen mit Decken im Wohnzimmer.

Ich konnte nicht schlafen.

Frau Keller auch nicht.

Gegen halb eins sagte sie plötzlich:

„Helene?“

„Hm?“

„Es gibt noch etwas.“

Ich drehte mich zu ihr.

„Was?“

„Ich habe dir nicht alles erzählt.“

Mein Körper spannte sich sofort an.

„Was fehlt noch?“

Sie sah beschämt zu Boden.

„Matthias war nicht zum ersten Mal hier.“

Ich setzte mich aufrechter.

„Wie oft?“

„Dreimal.“

„Seit wann?“

„Seit ungefähr sechs Wochen.“

„Und du sagst mir das jetzt?“

„Ich dachte zuerst wirklich, er macht sich Sorgen um dich.“

„Was wollte er beim ersten Mal?“

„Nur Fragen.“

„Welche?“

„Ob du manchmal Briefe liegen lässt. Ob du vergisst, Rechnungen zu bezahlen. Ob ich dich verwirrt erlebt hätte.“

„Und beim zweiten Mal?“

Frau Keller atmete tief ein.

„Da wollte er wissen, ob du wichtige Papiere bei mir aufbewahrst.“

Ich starrte sie an.

„Welche Papiere?“

„Testamente. Grundbuchunterlagen. Vollmachten.“

Mein Herz schlug schneller.

„Was hast du gesagt?“

„Dass ich nichts davon habe.“

„Stimmt das?“

Sie antwortete nicht.

Ich stand auf.

„Margarethe.“

Sie ging langsam zu ihrem alten Bücherschrank.

Aus dem untersten Fach holte sie eine kleine dunkelblaue Kassette.

Dann stellte sie sie auf den Tisch.

„Was ist das?“

„Etwas, das dein Mann mir vor vielen Jahren gegeben hat.“

Ich sah sie fassungslos an.

„Mein Mann?“

„Drei Monate vor seinem Tod.“

Meine Hände begannen zu zittern.

„Warum hat er dir etwas gegeben, ohne mir davon zu erzählen?“

„Er sagte, du solltest es erst bekommen, wenn jemand versucht, dich aus dem Haus zu drängen.“

Der Raum wurde vollkommen still.

„Was?“

Frau Keller setzte sich.

„Damals habe ich gedacht, er sei einfach vorsichtig.“

„Öffne es.“

„Helene—“

„Öffne es.“

Sie holte einen kleinen Schlüssel aus einer Schublade.

Die Kassette sprang auf.

Darin lagen mehrere alte Dokumente.

Ein Brief.

Ein Notarvertrag.

Und ein versiegelter Umschlag mit meinem Namen.

Ich nahm zuerst den Brief.

Die Handschrift erkannte ich sofort.

Peter.

Mein Mann.

Helene,

wenn du das hier liest, ist wahrscheinlich genau das passiert, wovor ich Angst hatte.

Ich hörte auf zu lesen.

Meine Augen brannten.

Frau Keller legte mir eine Hand auf den Arm.

Ich zog sie nicht weg.

Dann las ich weiter.

Das Haus gehört nicht nur dir, weil wir es gemeinsam gekauft haben.

Es gibt etwas über das Grundstück, das Matthias nicht weiß.

Und wenn jemand versucht, dich zum Verkauf zu zwingen, darf er es auf keinen Fall erfahren, bevor du mit dem Notar gesprochen hast.

Darunter stand ein Name.

Dr. Friedrich Seidel.

Ich erstarrte.

Derselbe Name wie auf Frau Kellers Notiz.

Der Notar, bei dem Matthias am Freitag etwas „abschließen“ wollte.

Ich blickte langsam auf.

„Das kann kein Zufall sein.“

Frau Keller wurde blass.

In genau diesem Moment klingelte mein Handy.

Unbekannte Nummer.

Diesmal keine Nachricht.

Ein Anruf.

Ich nahm ab.

„Ja?“

Zuerst hörte ich nichts.

Dann eine Männerstimme.

Ruhig.

Alt.

„Frau Vogt?“

„Wer ist da?“

„Dr. Friedrich Seidel.“

Mein Blick schoss zu Frau Keller.

„Woher haben Sie meine Nummer?“

Am anderen Ende entstand eine Pause.

Dann sagte er:

„Von Ihrem Mann.“

Ich bekam kaum Luft.

„Mein Mann ist seit fast dreißig Jahren tot.“

„Ich weiß.“

„Dann erklären Sie mir, was hier passiert.“

Wieder eine Pause.

„Das kann ich nicht am Telefon.“

„Warum rufen Sie dann an?“

Seine Stimme wurde leiser.

„Weil Ihr Sohn heute versucht hat, einen Termin bei mir zu bestätigen.“

Ich umklammerte das Handy.

„Welchen Termin?“

„Einen Grundstücksverkauf.“

Mein Herz blieb beinahe stehen.

„Mein Grundstück steht nicht zum Verkauf.“

„Genau deshalb rufe ich an.“

„An wen soll es verkauft werden?“

Er zögerte.

Dann nannte er einen Firmennamen.

Und Frau Keller ließ neben mir ihre Tasse fallen.

Denn sie kannte diesen Namen.

Und ich auch.

Es war die Firma von Katrins Bruder.

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.

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